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F.A.Z. exklusiv : Wenn der Dialekt die wahre Herkunft verrät

Hier gibt ein Dolmetscher des Bamf zu Testzwecken eine arabische Sprachprobe ab. Bild: dpa

Was tun, wenn Asylbewerber keinen gültigen Ausweis haben? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzt nach eigener Auskunft weltweit einzigartige biometrische Sprachsoftware ein. Sie soll die Herkunft von Asylbewerbern eindeutig ermitteln.

          Mundart ist verräterisch, auch in fremden Sprachen. Wer spricht, offenbart für geübte Ohren oft schon nach wenigen Sätzen, wo er ursprünglich herkommt. Zwar lassen sich Dialekte auch erlernen und vortäuschen, geschulte Ohren hören aber auch bei einer Nachahmung oft noch Überbleibsel der wahren Herkunft. Weil linguistisch ausgebildete Gutachter aber meist nicht ohne großen Aufwand in Asylverfahren zur Verfügung stehen, setzt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) künftig auf die Hilfe einer Software, um die Herkunft von Asylbewerbern überprüfen zu können.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Sprach-Software, mit der arabische Dialekte erkannt werden können, soll Hinweise auf die tatsächliche Herkunft geben, wenn Asylbewerber keinen gültigen Ausweis bei der Einreise vorgelegt haben oder Zweifel in Bezug auf ihre Identität bestehen. Die Software wird seit September bundesweit eingesetzt, sagt Markus Richter, der Leiter der IT-Abteilung des Amtes, die monatelangen Tests seien erfolgreich verlaufen.

          Vier wichtigste arabische Dialekte identifiziert

          Richter bezeichnet die Software als „weltweit einzigartig“, sie liefere eine technische Hilfe für die Entscheider. Die Software soll dem Fallbearbeiter allerdings nur erste Hinweise darauf geben, ob ein Flüchtling wirklich den Dialekt der Region spricht, aus der er seinen Angaben zufolge stammt. In Verdachtsfällen kann dann, wie bislang schon üblich, wenn es Hinweise auf Ungereimtheiten gibt, tatsächlich ein ausgebildeter Linguist hinzugezogen werden, der den Verdacht in einer analogen Sprachanalyse überprüft – im vergangenen Jahr ist das rund 1400 Mal geschehen.

          Die Behörde ist unter Druck, die Angaben von Flüchtlingen besser zu überprüfen. Vor allem der Fall des deutschen Bundeswehrsoldaten Franco A. hatte für Schlagzeilen gesorgt. Er hatte sich als syrischer Flüchtling ausgegeben und bezog sogar Geld als Flüchtling, im Frühjahr wurde er als gewaltbereiter Rechtsextremist eingestuft und festgenommen. Das Bundesamt hat seither die für ihren speziellen Bedarf entwickelte Software zur Erkennung von Dialekten monatelang erprobt. Sie funktioniere schon „sehr zuverlässig“, sagt Markus Richter – zumindest für bestimmte Dialekte. Die biometrische Software erlaube zwar nur eingeschränkt konkrete Rückschlüsse auf Länder, aber eine grobe geographische Bestimmung der Herkunftsregion sei möglich. Mittlerweile könne die Software von den arabischen Dialekten die vier wichtigsten identifizieren, sagt Richter, es gebe noch rund 30 weitere arabische Dialekte, die aber in der täglichen Arbeit der Behörde weniger oft vorkämen. Der Einsatz in der Fläche werde nun Schritt für Schritt realisiert.

          Zwei Minuten für die Software reden

          Das Bundesamt leistet mit der Entwicklung der Software technische Pionierarbeit. An der Entwicklung der Software sind auch Linguisten beteiligt. Die Technik basiert in Ansätzen auf Programmen, die auch von Banken und Call-Centern zur Authentifizierung von Kunden eingesetzt werden. Dort wird die Stimme schon heute ähnlich wie ein Fingerabdruck benutzt. Die Stimme wird als Ersatz für eine Pin oder ein Passwort verwendet oder sogar damit kombiniert, indem das Passwort gesprochen werden muss. Das funktioniert, weil aus der menschlichen Stimme mit Hilfe von Sprachbiometrie rund 1000 Merkmale ausgelesen werden können, die in ihrer Kombination einzigartig sind. Dabei wird die Stimme des Anrufers mit der hinterlegten Stimme des Kunden anhand der Merkmale verglichen.

          Eine Mitarbeiterin des Bamf mit einem Leitfaden zur Sprachsoftware.
          Eine Mitarbeiterin des Bamf mit einem Leitfaden zur Sprachsoftware. : Bild: BAMF

          Zwar gilt die menschliche Stimme grundsätzlich als ein sehr sicheres Identifizierungs-Werkzeug, dennoch ist die computergestützte Erkennung von Dialekten schwieriger als die Erkennung von Einzelstimmen. Die Software-Entwickler des Bamf haben keine hinterlegten Stimmen, mit der eine Sprachprobe verglichen werden kann. Es geht ihnen also um die Zuordnung einer Stimme zu einer Herkunftsregion. Diese kann in solchen linguistischen Analysen daher nie ganz präzise wie in den Naturwissenschaften festgestellt werden, allerdings kann die Analyse Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Regionen liefern. Sprachwissenschaftler wie der Leipziger Arabistik-Professor Eckehard Schulz halten das für machbar, erschwerend komme bei der Herkunftsanalyse aber hinzu, dass Dialekt-Grenzen oft anders als Ländergrenzen verlaufen. Gerade in der arabischen Welt wurden viele Staatsgrenzen mit dem Lineal gezogen. In der Praxis muss der Sprecher rund zwei Minuten lang reden. Der Computer kann dann innerhalb weniger Minuten aus der Sprechprobe eine Wahrscheinlichkeit für den Dialekt ermitteln.

          Die Behörde musste die Software selbst entwickeln. Anders als Stimme-zu-Stimme-Systeme zur Authentifizierung gibt es zuverlässige Dialekt-Erkennungssysteme nicht frei handelbar auf dem Markt. „Wir beobachten den Markt genau“, sagt Bamf-IT-Chef Richter, ein Großteil der Software-Assistenten, die es auf dem Markt gebe, wurden von der Behörde getestet. Tatsächlich hätten schon viele Software-Unternehmen bei der Behörde angeklopft und mit einer Dialekterkennung geworben, auch nicht ganz seriöse Angebote seien darunter gewesen. Letztlich habe kein System von außen überzeugt. Für die Eigenentwicklung hat das Amt von einem amerikanischen Anbieter eine große Datenbank mit Sprachproben erworben, von denen bekannt war, aus welcher Region die Sprecher kommen. Daraus wurden eigene Sprachmodelle entwickelt. Anfangs begannen die Programmierer mit einem einzigen Dialekt, dem levantinischen Arabisch. Dieser Dialekt wird in weiten Teilen Syriens, Palästina, Westjordanien und im Libanon gesprochen. Mittlerweile haben die Entwickler Fortschritte gemacht, die Software kann Schritt für Schritt mehr Dialekte identifizieren.

          Richters Mannschaft hat außerdem weitere technische Mittel zur Ermittlung der wahren Herkunft erfolgreich getestet. Dazu gehört auch die Auswertung von Handydaten. Etwa Metadaten, die Hinweise geben, wo Fotos aufgenommen wurden oder welche Ländervorwahlen besonders häufig gewählt werden.

          Quelle: F.A.Z.

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