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Der Balance-Akt : Der Wolf und die Frauen

Sexismus fängt klein an - aber sind deshalb auch alte Tanten übergriffig, die kleinen Kindern in die Backe kneifen?

          Es gibt Dinge, die sind unangreifbar, der gewöhnlichen Debatte enthoben: Windräder und Wölfe zum Beispiel. Das eine, da grüne Energie, ist von vornherein edel, richtig und gut. Das andere, da Tier, nicht minder. Wenn jemand böse ist, dann ist es der Mensch, niemals die Natur. Merkt euch das, Kinder!

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kehrt also der Wolf zurück nach Deutschland, dann ist er zu schützen vor dem Bösen, also den Menschen; Bauern, Jägern und der großen Koalition (so sie denn zustande kommt). Dieses schauerliche Bündnis will dem armen Wolf an den Kragen, nur weil er Lämmer und Rehe reißt: Wo bleibt da die Menschlichkeit?, rufen wir mit allen Tierfreunden im Chor. Auch ein Wolf muss fressen, oder mag da jemand widersprechen? Wehe, wehe!

          Der Wolf also darf sich unserer Solidarität gewiss sein, noch viel mehr gebührt sie den Opfern wölfischer Männer. Ich sage nur: #metoo. Bei aller Abscheu vor Widerlingen und täglichem Sexismus beschleicht mich allerdings der Verdacht, dass die gute Sache allmählich ins Schräge kippt, gar missbraucht wird für PR-Aktionen. So hat sich jetzt eine Frauen-Aktivistin über Joachim Gauck aufgeregt, weil der frühere Bundespräsident ihr für ein offizielles Foto den Arm um die Hüfte gelegt hat, ohne sie vorher zu fragen. Das sei „unangenehm“ gewesen.

          Dieses Gefühl kenne ich! Zu gut erinnere ich mich an wildfremde alte „Tanten“, die mich auf Feiern früher fest an sich drückten mit den Worten: „Ach, wie groß du geworden bist, eine richtig fesche Dame!“ Und dann haben sie mir – ungefragt – in die Wange gekniffen. Schrecklich! Aber schon #metoo-übergriffig?

          Unsere Kinder sträuben sich auch, wenn sie mit uns für ein Urlaubsfoto posieren sollen. „Schon wieder so ein blödes Familienbild“, motzen sie, hängen es hinterher aber trotzdem übers Bett. An dieser Stelle ist nun Zeit für ein Geständnis: Für die Fotos legen wir Eltern die Hand bisweilen um die Hüften der Teenies, ungefragt. Allerdings nicht auf den Po, das würden wir nie tun! Hat Gauck übrigens auch nicht. Seine Hand hätte aber von der Hüfte runterrutschen können (Irrealis, wohlgemerkt!), argwöhnt die Aktivistin. Nun liegt besagter „Vorfall“ Jahre zurück. Warum also kommt sie jetzt damit? Womöglich weil sie gerade ein Buch über Männer, Sexismus und #metoo geschrieben hat. Da ist es praktisch, wenn man auf der Buchvorstellung raunen kann: Gauck sei „ein kleiner Grabscher“. Der Wolf müsste sich das nicht gefallen lassen.

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