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Bahnhofstreit Stuttgarts Halbhöhe sortiert sich neu

17.10.2010 ·  Die bessere Gesellschaft Stuttgarts ist in Aufruhr: Konservative und frisch ergrüntes Bürgertum prallen aufeinander. Die feine Welt ist gründlich aus dem Lot.

Von Georg Meck und Bettina Weiguny
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Auf der "Wielandshöhe" ist Ruh'. Nur gedämpfte Gespräche dringen durch das Stuttgarter Sterne-Restaurant, gelegentlich ein leises Lachen. Die Kellner servieren Lauchquiche und Gänseleber als Amuse Bouche. Vincent Klink, der aus Funk und Fernsehen bekannte Chefkoch, schreitet von Tisch zu Tisch. Weiße Schürze, breiter Rücken, ein gewinnendes Lächeln. Bis Weihnachten ist er abends ausgebucht.

Alles genehm? "Wie immer", raunen die Gäste. Hier oben, an der Alten Weinsteige, nimmt der Streit um Stuttgarts neuen Bahnhof, der die Stadt, ja Familien spaltet, eine Pause. "Unser Restaurant ist eine der letzten kampffreien Zonen, darauf achte ich", betont Klink. Nicht, dass er keine Meinung hätte. O nein, wie ein Rohrspatz schimpft er über das Stuttgart 21; den Krampf, den Murks, die Lügen.

Auch er geht, wenn er frei hat, "runter" in den Kessel, zur Demo. "Jeder, der das erlebt, ist ergriffen von der Wahrhaftigkeit des Publikums."

Wer Klink so zuhört, versteht, warum ein an sich doch banales Bauprojekt solche Emotionen und Energien freisetzt: "Inzwischen geht es um mehr als um den Bahnhof, um viel mehr." Die Regierenden wollten sie davonjagen, frohlockt der rebellische Grünen-Sympathisant Klink. Da wackelt das ganze politische System, die jahrzehntelange Vormacht der Union in Baden-Württemberg, selbst die Kanzlerin im fernen Berlin, die ihr Schicksal mit S 21 und der Landtagswahl im Frühjahr verknüpft hat, ist von der Panik gepackt ob der Umfragen im Süden.

„Stuttgart 21 hat die Dinge ins Rutschen gebracht“

Die Grünen erreichen demnach 32 Prozent (und damit mehr als die SPD), die Union verzehrt sich in hektischen Nachtsitzungen - und die Treuesten der Treuen, das satte Stuttgarter Bürgertum, verlieren ihre Selbstgewissheit.

"Stuttgart 21 hat die Dinge ins Rutschen gebracht", ahnt Brun-Hagen Hennerkes, ein knochentrockener Anwalt mit Kanzlei in bester Lage in Degerloch, der die vermögenderen der schwäbischen Familienunternehmer berät und nun fürchtet, dass zerfällt, was in seinen Kreisen als richtig und wichtig erachtet wird: das kulturelle Fundament, die Tradition, die Werte. Die CDU sowieso.

Auch wenn es mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist: Die besseren Viertel Stuttgarts sind in Aufruhr; dort die braven Bürger, die bis gestern schwarz gewählt haben und sich nun am Protest berauschen, auf der anderen Seite die Konservativen wie Hennerkes, die sich in ihrer Standfestigkeit jetzt erst recht herausgefordert sehen.

Die äußeren Erkennungszeichen der Lager sind klein, hier eine lindgrüne Schleife am Gartentor (die Farbe der Gegner), dort ein gelber Protestaufkleber am Briefkasten. Duz-Freundschaften werden aufgekündigt, in seltenen Fällen gar Autos beschädigt.

Solide und kulturbeflissen

Haus um Haus trennt die Parteien in jenen exklusiven Gegenden, für die in Immobilienanzeigen das Kürzel HHL steht: Halbhöhenlage. Ein wichtiges Wort in der im Talkessel liegenden Landeshauptstadt, ein Begriff, der nur hier existiert. "Ganz oben ist Mist, da sieht man nichts", erklärt Wirt Klink die Topographie, "unten ist schlechte Luft, bei uns auf der Halbhöhe ist es schön." Rund um die Innenstadt ziehen Häuser sich die Hügel hinauf, alte Villen mit mehreren tausend Quadratmeter großen Anwesen, dazwischen jede Menge unscheinbare Häuser, in deren Inneren ein Vermögen steckt. Alles umrandet von Rebstöcken. Hübsch anzuschauen.

Wer hier wohnt, hat es zu etwas gebracht im Schwabenland: viele Unternehmer leben hier, leitende Angestellte, Professoren, Künstler, Anwälte, Ärzte, hohe Beamte. Eine homogene Gesellschaft, die sich abschirmt gegen das schnelle Geld. Alles sehr solide, kulturbeflissen und allergisch gegen jeden, den sie als neureich verurteilen.

"Hier finden Sie keine Playboys", sagt Brun-Hagen Hennerkes, der Mann im grauen Anzug, hellblauen Hemd, Einstecktuch und S-Klasse vor der Tür. "Bei uns sind die Kirchen noch voll." Umso mehr verzweifelt er, wenn er sieht, wie sich sein Lager anstellt: Stuttgarts CDU-Oberbürgermeister Schuster? "Stumm wie ein Fisch, hilflos wie ein Kind." Und erst der als Friedensstifter herbeigerufene Schlichter Heiner Geißler: "Ein abgewrackter Politiker, ein greiser Narziss."

Die Ansprüche an das politische Personal sind hoch hier oben, der Halbhöhenbewohner mischt sich gerne ein. Die Bürger übernehmen Verantwortung. Sie kümmern sich und spenden - eher nicht für die Dritte Welt, sondern für die Kirchengemeinde vor Ort, die Musikschule, den Sportverein und die Schulen. Schrille Charity Ladies, die andernorts die gute Gesellschaft durchziehen, bleiben hier eine Randgruppe.

Prädestiniert für schwarz-grüne Experimente

Die Bescheidenheit wird zelebriert, fast pathologisch ist die Furcht, durch Reichtum aufzufallen. "Unser ganzer Stolz ist unsere Demut", karikiert der feinsinnige Unternehmer Berthold Leibinger den schwäbischen Pietismus. Er selbst wohnt ein paar Kilometer jenseits der Hügel, näher an seiner Fabrik, sein Vorbild aber strahlt aus auf die Halbhöhe.

Man trifft sich in der Oper, im Theater, im Ballett. Gejoggt wird in den nahen Wäldern. Körperliche Fitness ist wichtig, Bildung noch mehr. 99 Prozent eines Jahrgangs wechseln von der Grundschule aufs Gymnasium. Die meisten Jugendlichen studieren.

Ein wertkonservatives Milieu nennen das die Soziologen, prädestiniert für schwarz-grüne Experimente. Die Grünen haben hier schon in den 80er Jahren erstaunliche Wahlergebnisse eingefahren (lange vor dem Krach um den Bahnhof). "Die rebellische Attitüde des Schwaben ist historisch verbürgt, im Endeffekt aber kneift er", sagt Anton Hunger, Wendelin Wiedekings ehemaliger PR-Stratege und Autor einer "Gebrauchsanweisung für Schwaben".

Nassforsche Manager unerwünscht

Die wahren Helden dieser Welt sind Männer wie Robert Bosch, dessen Stiftungs-Villa selbstverständlich auf halber Höhe steht, ebenso wie das Gästehaus der Porsches drüben am Killesberg, neben dem ehemaligen Wohnhaus von Bundespräsident Theodor Heuss, der Drogerie-Gründer und wohltätige Milliardär Götz Werner ist vor nicht allzu langer Zeit zugezogen.

Was man hier nicht mag, sind nassforsche angestellte Manager vom Schlage eines Jürgen Schrempp. "Ein Rabauke", ätzt Anwalt Hennerkes, obschon der halbe Daimler-Vorstand in jener Ära in seine Straße gezogen ist. Kneipen und Cafés finden sich hier selten, nur hier und dort ein Atelier, gerne anthroposophisch angehaucht.

Natürlich ist Halbhöhe nicht gleich Halbhöhe. So wähnt sich Koch Vincent Klink, der vor zwei Jahrzehnten zugezogen ist, am "Verlierer-Hang", da er im Norden liegt und zu wenig Sonne abbekommt: "Hier haben früher die Studienräte gebaut." Die höchsten Preise rufen die Makler am gegenüberliegenden, sonnenverwöhnten Killesberg auf. Das wiederum finden die Degerlocher ungerecht, die sich als das bessere Quartier sehen: "Der Killesberg ist längst entzaubert."

Mercedes und Porsche parken hier wie dort in den ruhigen Straßen. "Auch die grün wählenden Gattinnen, die sich für Krötentunnel einsetzen, fahren im Geländewagen beim Bio-Bäcker vor", spottet Anwalt Hennerkes. Sollen sie ruhig machen, höhnt er, von den Frauen drohe politisch keine Gefahr: "Am Ende halten die Männer das Heft in der Hand."

Was aber, wenn auch die an ihrem Weltbild zweifeln? Wenn selbst gestandene Automanager ins grüne Lager wechseln? Peter Beck ist so ein Fall: 59 Jahre alt, Eigenheim am Killesberg, ein Leben lang Ingenieur bei Daimler, stolzer Forscher, dem Fortschritt zugewandt - und seit Stuttgart 21 Sympathisant der Öko-Partei: "Die Grünen haben Respekt und Akzeptanz gewonnen, sie sind die Einzigen, die konsequent und vertrauenswürdig sind."

Stets haben er und seine Frau, eine Architektin, zu den bürgerlichen Parteien gehalten, jetzt sind sie maßlos enttäuscht, "von der CDU, von der FDP sowieso". Abends um sieben treffen sie sich mit den Nachbarn auf der Straße zum "Schwabenstreich": 60 Sekunden Krach gegen Stuttgart 21, die meisten lärmen mit, der Ingenieur, der Richter, der Anwalt um die Ecke, der frisch zugezogene Automanager, "nur der Chefarzt da drüben nicht, der ist für den Bahnhof", erzählt Beck, der wachsam eine "Umorientierung" in seiner Umgebung registriert. Stuttgarts Halbhöhe sortiert sich neu.

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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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