Herr Grube, wie läuft’s bei der Bahn?
Immer besser, mal abgesehen von den Herausforderungen, die es bei der Bahn jeden Tag gibt. Das Jahr 2011 war alles in allem das beste Jahr in der Geschichte der Deutschen Bahn. Und es geht gut weiter.
Normalerweise sorgt die Bahn doch immer für Schlagzeilen mit kaputten Achsen, Bahntunnelbauarbeiten oder Lokführer-Streiks. Haben Sie ein paar Zauberer eingestellt?
Wir arbeiten die Baustellen in unserem Konzern eine nach der anderen konsequent ab. Das zeigt Schritt für Schritt gewisse Erfolge.
Vielleicht haben Sie auch nur die Kritiker zum Schweigen gebracht?
Kritiker gibt es immer, häufig wird ja auch zu Recht kritisiert. Wir bekommen jeden Tag einige tausend Briefe und E-Mails, natürlich auch Beschwerden. Aber unsere Kunden sind insgesamt zufriedener als früher. Wir befragen jeden Tag mehr als 1000 Kunden. Dabei ist zu erkennen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber das ist wahrlich kein Ruhekissen, auf dem man sich ausruhen darf. Es gibt noch viel zu verbessern.
Nimmt der Bau des Tunnelbahnhofs in Stuttgart denn jetzt seinen geordneten Gang?
Dort ist es deutlich ruhiger geworden. Es gab in Baden-Württemberg eine Volksabstimmung über Stuttgart 21. Die Gegner konnten sich nicht durchsetzen. Ich bin Ministerpräsident Winfried Kretschmann sehr dankbar, dass er sein Wort hält: Er hatte gesagt, wenn die Mehrheit der Bevölkerung für das Projekt ist, dann wird es auch umgesetzt. Genau das geschieht jetzt.
Wie geht es dort jetzt weiter?
Als Nächstes steht die Planung für den Anschluss am Stuttgarter Flughafen an. Dort werden wir die Bürger stärker beteiligen - wie man das bei dem ganzen Projekt von Anfang an hätte machen sollen.
Bei der Berliner S-Bahn läuft es aber immer noch nicht rund oder?
Bei der Berliner S-Bahn muss man zwei Dinge unterscheiden. Es gibt auf der einen Seite die S-Bahn GmbH. Sie betreibt die Züge. Dort haben wir alles umgekrempelt, und da läuft es jetzt recht ordentlich. Auf der anderen Seite gibt es die Infrastruktur - Gleise, Weichen und Stellwerke. Die sind zum Teil älter als die DDR - da hakt es leider noch zu häufig.
Mit dem Ergebnis können Sie nicht zufrieden sein ...
Nein, natürlich nicht. Wir investieren aber gewaltige Summen, um das Berliner S-Bahn-Netz zuverlässiger zu machen. Bis 2016 wollen wir dort noch einmal über 720 Millionen Euro hineinstecken.
Auch die Fernreisenden müssen sich noch gedulden - bis die neuen ICE-Züge kommen, die Sie schon lange versprochen hatten...
Das ist die Schuld der Industrie. Wir hatten schon 2008 bei Siemens 16 neue Hochgeschwindigkeitszüge bestellt. Die hätten im vorigen Jahr alle schon fahren sollen. Wir sind immer wieder vertröstet worden. Jetzt werden wir bis zum Jahresende wohl sechs bis acht Züge bekommen. So spät, dass wir die nur als Winterreserve nutzen können.
Sie verlangen von der Industrie einen Ausgleich?
Ja, darüber verhandeln wir noch. Es geht hier um einen signifikanten zweistelligen Millionenbetrag, aber das können wir erst am Ende exakt sagen.
Was ist an den neuen Zügen eigentlich besser?
Mit unserer neuen ICx-Generation lässt sich noch bequemer reisen. Zum Beispiel braucht man beim Einsteigen keine Stufen mehr zu steigen. Das ist gut für Rollstuhlfahrer - aber auch für Menschen mit viel Gepäck. Außerdem sind die Züge leiser, das ist viel angenehmer. Und nicht zuletzt sind sie leichter und verbrauchen deshalb weniger Energie.
Als Sie damals angetreten sind, hatten Sie gesagt, Sie wollten für mehr Pünktlichkeit sorgen. Haben Sie das geschafft?
Ja, unsere Züge sind deutlich pünktlicher geworden. Wir fahren im Augenblick sogar mit einer der höchsten Pünktlichkeiten in der Geschichte der Deutschen Bahn. Knapp 93 Prozent unserer Züge haben weniger als fünf Minuten Verspätung. Allerdings gleich ein Wermutstropfen: Wir haben in diesem Jahr besonders viele Baustellen, weil wir viel Geld in unser Schienennetz stecken: rund sechs Milliarden Euro allein 2012. Was langfristig gut für die Infrastruktur und somit für die Kunden ist, hat kurzfristig negative Auswirkungen auf die Pünktlichkeit. Mehr Baustellen bedeuten - leider - auch mehr Verspätungen.
Sie wollen den Umsatz der Bahn innerhalb weniger Jahre verdoppeln. Wie schafft man das?
Unser Umsatz soll sich bis 2020 innerhalb dieses Jahrzehnts auf 70 Milliarden Euro verdoppeln. Das sind im Schnitt jedes Jahr etwa sieben Prozent - das ist ehrgeizig, aber nicht unmöglich. Auf 60 Milliarden Euro Umsatz wollen wir durch sogenanntes organisches Wachstum kommen. Zehn Milliarden Umsatz zusätzlich sollen Zukäufe erbringen.
FRAGE: Wo wollen Sie expandieren?
ANTWORT: Dazu werden viele unserer Geschäftsfelder beitragen. Es gibt in vielen Ländern erfreuliche Entwicklungen bei der Eisenbahn und in der Logistik, die ein Engagement lohnen würden.
FRAGE: Wächst Europa auf der Schiene denn zusammen? Beim Euro knirscht es gerade mit der europäischen Einigung ...
Die Diskussionen in Brüssel sind in vollem Gange. Es kann auf Dauer nicht sein, dass Deutschland seinen Markt für den Schienenverkehr vollkommen geöffnet hat, aber die Deutsche Bahn in anderen EU-Ländern gewaltige Steine in den Weg gelegt bekommt.
Frankreich hat jetzt einen neuen Präsidenten. Wollen Sie dort einen neuen Vorstoß für mehr deutsche Züge in Frankreich wagen?
In Frankreich wird - wie interessanterweise in anderen europäischen Ländern - die deutsche Bahnreform aus dem Jahr 1994 zunehmend als Vorbild angesehen. Gut möglich, dass sich daher neue Chancen für uns auftun.
Heißt das konkret, Sie werden in Frankreich über den gemeinsamen Hochgeschwindigkeitsverkehr hinaus Züge auf die Schiene stellen?
Ich finde, unsere gemeinsame Tochter im Fernverkehr ist schon ein schöner Erfolg. Wir fahren jetzt mit ICE und TGV von Frankfurt und Stuttgart nach Paris - und neuerdings auch nach Marseille. Das lässt sich noch ausbauen. Im Güterverkehr haben wir unseren Marktanteil in Frankreich sogar von knapp 12 auf über 16 Prozent steigern können. Nur im Regionalverkehr sind die Verkehrsverträge in Frankreich sehr langfristig vereinbart, da kommen wir im Augenblick nicht rein. Aber langfristig gehen wir das an.
Ihr Vorgänger Hartmut Mehdorn führt jetzt Air Berlin. Machen Ihnen die Billigflieger als Konkurrenz zu schaffen?
Je schneller die Bahn auf wichtigen Strecken fährt, desto weniger Chancen haben die Fluggesellschaften. Nehmen Sie Hamburg-Berlin, eine Strecke von 297 Kilometern. Da ist die Schiene heute unschlagbar. Oder nehmen Sie die neue Strecke München-Berlin, die wir 2017 eröffnen wollen. Mit dem Sprinter brauchen Sie dann voraussichtlich vier Stunden von Stadtzentrum zu Stadtzentrum. Ich sage voraus: Auch auf dieser Strecke werden die Airlines viele Flüge einstellen.
Mit der Energiewende muss auch die Bahn ihren Strombedarf stärker aus erneuerbaren Energien decken. Müssen wir uns auf Verspätungen einstellen, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint?
Nein. Es ist in der Tat richtig, die Bahn erhöht den Anteil der erneuerbaren Energien an ihrem Energiemix bis 2020 auf beachtliche 35 Prozent. Gegenüber heute entspricht das einer Steigerung von fast 60 Prozent. Da wir der größte Stromverbraucher in Deutschland sind, heißt das, wir sind auf dem Weg, eines der grünsten Unternehmen zu werden. Derzeit setzen wir vor allem auf Wasserkraft aus Deutschland. Deshalb haben wir mit RWE den bisher größten Vertrag für erneuerbare Energien unterzeichnet.
Haben Sie keine Angst um die Versorgungssicherheit?
Da muss man regional differenzieren. In Nordrhein-Westfalen gibt es ein Problem. Dort wird das Kohlekraftwerk Datteln abgeschaltet, ohne dass ein Nachfolgekraftwerk es gleich ersetzt. Da haben wir uns warnend an die Regierungen gewandt mit der Frage, wie sie die Stromversorgung für die Bahn in NRW sicherstellen wollen.
Wo wollen Sie grundsätzlich hin? Werden irgendwann überall ICE-Züge durch Deutschland fliegen, die von Windrädern angetrieben werden?
Ganz langfristig, nämlich 2050, wollen wir zu 100 Prozent CO2-frei fahren. Die Bahn will das umweltfreundlichste Verkehrsmittel sein. Spitzengeschwindigkeiten mit Tempo 250 reichen dafür übrigens völlig aus. Wir brauchen auch deshalb keine ICE-Züge, die alle Tempo 350 fahren.
Facebook hat gerade mit einem gewaltigen Börsengang für Aufsehen gesorgt. Wann wagt die Bahn noch mal einen Versuch?
Die Bahn braucht den Börsengang zurzeit nicht. Wir können neue Projekte heute auch so finanzieren. Und politisch wäre es derzeit ein ohnehin aussichtsloses Unterfangen. Man soll keine Schlachten schlagen, die man nicht gewinnen kann. Ich kümmere mich lieber darum, dass hier in Deutschland unser normaler Bahnbetrieb läuft. Brot- und Buttergeschäft statt Börse!
Irgendwann wird es so weit sein, dass man genauso selbstverständlich „Bahn-Chef Grube“ sagt, wie man früher „Bahn-Chef Mehdorn“ gesagt hatte. Seit nunmehr gut drei Jahren ist Rüdiger Grube, Jahrgang 1951, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG. Der gebürtige Hamburger hatte gleich zu Beginn seiner Amtszeit den Großteil des Managements ausgetauscht. Im vergangenen Jahr dann stand Grube vor seiner bisher größten Herausforderung, dem Ringen um das Bahntunnelprojekt „Stuttgart 21“. Seither ist es etwas ruhiger um ihn geworden. Zu kämpfen hat der Herr über 34 000 Kilometer Schienen und Chef von 285 000 Mitarbeitern gleichwohl noch genug.
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