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Online-Praxis : Der heiße Draht zum Hausarzt

Ferndiagnose über das Internet: Die Online-Praxis ist in Deutschland stark umstritten. Bild: F.A.S

Sollen Ärzte Patienten online behandeln dürfen, die sie nie zuvor gesehen haben? In Baden-Württemberg wird das jetzt geprobt. Doch das Experiment mit dem digitalen Praxiszimmer rüttelt an einem Fundament.

          Manchmal braucht der Fortschritt eine Hintertür, um zu den Menschen zu gelangen. Das deutsche Gesundheitssystem ist so ein Fall. Und die Hintertür, das ist Baden-Württemberg, genauer gesagt: die Musterberufsordnung der dortigen Landesärztekammer, Paragraph 7 Absatz 4.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht, dass auf der großen Bühne keiner vom Fortschritt sprechen würde. Im Gegenteil, in der Gesundheitspolitik und auf Medizinerkongressen ist davon dauernd die Rede. Da preisen seit Jahren alle die Segnungen der Digitalisierung, da fließen viele Millionen Euro in einen Innovationsfonds für Forschungsprojekte mit schicken Titeln, da versprechen Konzerne in der Werbung für ihre Supercomputer am Krankenbett das Blaue vom Himmel, da zimmert der zuständige Minister mit viel Brimborium sogar ein eigenes „E-Health“-Gesetz.

          Dumm nur, dass so wenig dabei herauskommt. Jedenfalls für den 08/15-Patienten, der in diesem nasskalten Februar mit Kopfweh und Gliederschmerzen aufwacht und genau weiß, was auf ihn zukommt: der Weg zur Arztpraxis, anderthalb Stunden Wartezeit zwischen hustenden Mitleidenden, danach eine Zwei-Minuten-Diagnose und ein Rezept, dann der Gang in die nächste Apotheke, hoffentlich noch rechtzeitig vor deren Mittagspause, schließlich die Rückkehr nach Hause ins Bett. Das kostet den Kranken viel Kraft und die Krankenkasse viel Geld. Aber anders geht es ja nicht.

          Aufweichen des Fernbehandlungsverbots

          Außer in Baden-Württemberg. Dort lassen sich die Ärzte nun auf ein Experiment ein, das vielen Patienten das Leben leichter machen könnte, das aber auch an einem vermeintlich ehernen Grundsatz der Medizinerzunft rüttelt: Sie weichen das sogenannte Fernbehandlungsverbot auf. Bisher gilt überall in Deutschland, dass Ärzte nur solche Patienten behandeln dürfen, denen sie schon einmal in die Augen gesehen haben. In Baden-Württemberg aber, und das ist revolutionär, dürfen sie demnächst am Telefon oder online auch Leute behandeln, die sie nie persönlich zu Gesicht bekommen haben. Genauer gesagt: „Ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze“, so heißt es im neuen Paragraph 7 Absatz 4 der Berufsordnung, sind künftig als Modellprojekte erlaubt, sofern die Landesärztekammer sie genehmigt hat. Den Beschluss haben die Mediziner aus dem Ländle im vergangenen Sommer gefasst. Aber jetzt wird es ernst, im Frühjahr soll’s losgehen.

          Bestenfalls wird aus dem Horrortrip in die überfüllte Arztpraxis dann ein kurzer Anruf. Der Ernst der Lage ist schließlich schnell geschildert, zur Sicherheit wird noch einmal in den Hörer gehustet, ein paar Klicks später kommen das Rezept und der gelbe Schein für den Arbeitgeber per E-Mail an.

          Wer daran zweifelt, dass das gutgehen kann, muss in die Schweiz fahren, am besten nach Basel. Bei den Nachbarn im Südwesten haben sich die Baden-Württemberger ihre Idee nämlich abgeschaut. In Basel hat das Unternehmen Medgate seinen Sitz, das den Eidgenossen unter dem Slogan „Doc around the clock“ seit 16 Jahren genau das anbietet, was nun auch erstmals in Deutschland getestet werden soll.

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