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Bundesverfassungsgericht : Numerus clausus für Medizin ist teilweise verfassungswidrig

In einer Anatomie-Vorlesung in Halle-Wittenberg Bild: dpa

Das Auswahlverfahren für das Medizinstudium widerspricht der Chancengleichheit. Bund und Länder müssen jetzt die Kriterien neu regeln.

          Die Studienplatzvergabe in Deutschland für Medizin ist teilweise verfassungswidrig. Der Erste Senat am Bundesverfassungsgericht erkennt im derzeitigen System einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz, wie aus einem entsprechenden Urteil vom Dienstag hervorgeht. Vor allem fordert Karlsruhe ein bundesweit standardisiertes System von Eignungstests an Universitäten. Eine Neuregelung soll jetzt bis zum 31. Dezember 2019 verabschiedet werden.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Hanna Decker

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Auf jeden Studienplatz kommen statistisch gesehen etwa 5 Bewerber. Die Entscheidung trifft den größten Teil der vergebenen Studienplätze. Diese werden auf unterschiedliche Arten vergeben: 20 Prozent werden über die Note, 20 Prozent über die angesammelte Wartezeit – im Fach Medizin sind das derzeit etwa 7 Jahre – und 60 Prozent über Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH-Quote). Im Durchschnitt lag die Wartezeit im Wintersemester 2017/2018 bei 14 Semestern. Das ist länger als die für Medizin geltende Regelstudienzeit von zwölf Semestern.

          Die sogenannte AdH-Quote bedeutet, dass die Hochschulen eigene Kriterien für die Auswahl ihrer Studierenden aufstellen können. So können sie beispielsweise eine vorherige Ausbildung zum Rettungssanitäter oder einem anderen medizinnahen Beruf berücksichtigen, Bewerbergespräche führen oder eigene Tests durchführen. Sehr weit verbreitet ist auch der Eignungstest für Mediziner (“Test für medizinische Studiengänge“, TMS). Bewerber, die in diesem bundesweiten freiwilligen Test sehr gut abgeschnitten haben, erhalten einen Bonus auf den Abi-Schnitt.

          20 Universitäten legen neben der Durchschnittsnote mindestens zwei weitere Auswahlkriterien zugrunde. Theoretisch können die Hochschulen diese 60 Prozent der AdH-Plätze auch allein über die Abiturnote vergeben. Das machen derzeit drei Hochschulen (Aachen, Bonn und Düsseldorf).

          Hier lesen Sie gesammelte Daten und Fakten zum Auswahlverfahren an den einzelnen Hochschulen.

          Eine weitere Hürde für Bewerber ist, dass man bei der zentralen Bewerbung an der Stiftung für Hochschulzulassung sechs Hochschulorte in einer Wunsch-Reihenfolge angeben muss. Bestimmte Hochschulen berücksichtigen Bewerbungen aber nur, wenn sie als erste Präferenz genannt sind.

          Fachleute und vor allem die Bundesärztekammer kritisieren, dass Bewerber zu oft über die Abiturleistungen ausgewählt werden. Denn die abverlangte Note liegt inzwischen nahezu überall bei 1,0. Zugleich ist fraglich, ob die Note für den Erfolg im Studium und vor allem für den Erfolg als fertiger Arzt oder Ärztin eine so große Aussagekraft hat. Andere Kriterien könnten dazu führen, dass auch Kandidaten mit schlechterem Notendurchschnitt Chancen auf ein Medizinstudium haben und helfen könnten, den Mangel an Ärzten auf dem Land auszugleichen.

          Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, hatte in Karlsruhe eine Erhöhung der Studienplätze um 10 Prozent und bundesweite Assessmentcenter gefordert, damit nach zentralen Kriterien menschliche, empathische und ärztliche Fähigkeiten geprüft werden könnten. Die Abiturnote sollte somit an Gewicht verlieren. Man brauche nicht nur potenzielle Nobelpreisträger, hieß es. Bund und Länder hatten im Frühjahr ähnliche Maßnahmen im “Masterplan Medizinstudium 2020” gefordert.

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