21.12.2008 · Brüssel hat nichts dagegen: Schaeffler darf die dreimal größere Continental AG übernehmen. Frau Schaeffler dürfte trotzdem nicht zum Feiern zumute sein. Denn wegen der Finanzkrise hat Conti stark an Wert verloren. Und Conti selbst knabbert noch an der VDO-Übernahme.
Von Johannes RitterDie Brüsseler Wettbewerbshüter haben keine Einwände: Das fränkische Familienunternehmen Schaeffler darf die dreimal größere Continental AG übernehmen. Der Inhaberin Maria-Elisabeth Schaeffler dürfte trotzdem nicht zum Feiern zumute sein. Denn die mit List eingefädelte und mit dem Instrumentenkasten gewiefter Finanzinvestoren umgesetzte Übernahme führt alle Beteiligten an die Grenzen ihrer (finanziellen) Belastbarkeit. Bei Schaeffler, Continental und den Banken liegen die Nerven blank. Von der Eintracht, die nach der Kapitulation des Conti-Vorstands Ende August zunächst eingetreten war, ist nichts mehr übrig. Schaeffler und Conti liefern sich wieder eine Schlammschlacht mit ungewissem Ausgang.
Wie konnte es dazu kommen? Die Finanzkrise hat das ohnehin waghalsige Finanzierungsgerüst der Schaefflers ins Wanken gebracht. Sie nehmen einen Kredit von 10 Milliarden Euro für den Kauf eines Unternehmens auf, das heute nur noch halb so viel wert ist wie der Preis, den sie den Conti-Aktionären zahlen müssen. Conti wiederum sitzt nach dem überteuerten Kauf des Wettbewerbers VDO auf einem Schuldenberg von netto 11 Milliarden Euro. Hier sind also zwei Unternehmen aneinandergekettet, die sich beide übernommen haben – und die angesichts wegbrechender Erträge im operativen Geschäft verzweifelt darum kämpfen, vom gewaltigen Schuldendienst nicht an den Abgrund gedrückt zu werden.
Grünberg und Geißinger über Kreuz
Rückblickend zeigt sich, dass Manfred Wennemers Skepsis begründet war. Der langjährige Conti-Chef, der nach der Einigung mit Schaeffler im Sommer seinen Hut nahm, hatte verbissen gegen die Übernahme durch Schaeffler gekämpft. Er sah in ihr keinen Mehrwert für Continental. Mangels Finanzkraft, so fürchtete Wennemer, werde der Angreifer Conti zerschlagen. Doch sein Chefaufseher Hubertus von Grünberg war für den Einstieg – und setzte sich durch. Inzwischen ist Grünberg umgefallen. Seine Freundschaft zu den Franken ist in Feindschaft umgeschlagen, insbesondere was sein Verhältnis zu Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger betrifft.
Vergiftet ist die Atmosphäre nicht nur aufgrund persönlicher Animositäten. Auch in der Sache sind Grünberg und Geißinger über Kreuz. Der Conti-Chefaufseher fürchtet, dass Schaeffler die eigene Finanznot auf dem Rücken von Conti austrägt. Conti-Berater wollen ausgerechnet haben, dass Schaeffler 4 bis 7 Milliarden Euro Eigenkapital braucht, um die Kurve zu kriegen. Da die Familie in ihrer Schaeffler KG erklärtermaßen keine Gesellschafter von außen aufnehmen will, bleibt eigentlich nur der Zugriff auf Continental. Deren Verschuldungsquote ist zwar auch nicht berauschend, aber offenbar immer noch besser als die von Schaeffler. Daher wollen die Franken ihr Automobilzuliefergeschäft gerne zu Conti schieben. Damit hätte Conti grundsätzlich kein Problem. Doch angeblich will Geißinger zugleich 6 Milliarden Euro Schulden nach Hannover überweisen. Eine derart hohe Last zu übernehmen für eine Sparte, die nur 5 Milliarden Euro umsetzt, lehnen Grünberg und der Conti-Vorstand verständlicherweise empört ab.
Klares Rollenverständnis: Wer zahlt, bestimmt
Geißinger scheint fieberhaft zu überlegen, auf welche andere Art er Conti anzapfen könnte. Nur so ist zu erklären, dass er die Conti-Banken schriftlich aufgefordert hat, deren Kreditverträge nur nach Rücksprache mit Schaeffler zu verändern. Geißinger fürchtet, dass sich Conti im Konditionengefeilsche mit den auf Sicherheit bedachten Banken dazu verpflichten könnte, keine Sonderdividenden auszuschütten und Dritten (wie Schaeffler) keine Kredite oder Kreditgarantien zu gewähren.
Wie geht es weiter? Die Franken haben ein klares Rollenverständnis: Wer zahlt, bestimmt. Wenn Conti also nicht von sich aus zum Wohle des Großaktionärs in spe agiert, wird Geißinger es möglicherweise auf die harte Tour versuchen. Er könnte außerordentlich zur Hauptversammlung rufen und unliebsame Aufsichtsräte aus dem Amt jagen, allen voran Wendehals Grünberg. Allerdings wird er nicht die gesamte Kapitalseite kapern können. Und die Arbeitnehmervertreter kann er auf diese Art sowieso nicht für sich gewinnen. Daher denkt Geißinger aus lauter Verzweiflung vielleicht sogar über einen noch radikaleren Schritt nach: den Bruch der Investorenvereinbarung. Darin hatte sich Schaeffler unter anderem verpflichtet, den Anteil an Conti auf 49,9 Prozent zu beschränken. Behielte Geißinger nun doch die angedienten 90 Prozent, könnte er bei Conti bald schalten und walten, wie er wollte, und zum Beispiel den Verkauf der Reifensparte einläuten.
Das jedoch gliche einer Kriegserklärung. Schaeffler würde damit ganz Continental mit seinen 150.000 Mitarbeitern gegen sich aufbringen. An eine konstruktive Zusammenarbeit wäre lange nicht zu denken. Daher täte Geißinger gut daran, eine friedliche Lösung zu finden. Schaeffler könnte das eigene Wälz- und Kugellagergeschäft verkaufen oder eben doch (vorübergehend?) Fremdgesellschafter an Bord holen. Auch Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat mit seiner Haudrauf-Art bei VW viel Porzellan zerschlagen. Das sollte Geißinger eine Warnung sein.
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