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Feldversuch : Die Autoindustrie vernetzt ihre Fahrzeuge

  • -Aktualisiert am

Staus soll es in Zukunft nicht mehr geben Bild: dapd

Staus, Unfälle und Parkplatzsuche sollen bald der Vergangenheit angehören. Wie das gehen könnte, testen die deutschen Autobauer in einem umfangreichen Feldversuch im Rhein-Main-Gebiet.

          Ein Auto, das die Verkehrssituation jederzeit erfasst, mit dem Fahrer spricht, vor Gefahren warnt und notfalls eigenständig reagiert - das hat es schon einmal gegeben: in der amerikanischen Fernsehserie „Knight Rider“, die 1985 nach Deutschland kam. Inzwischen holt die Realität gegenüber der damaligen Science-Fiction auf. Die Autoindustrie will ihre Fahrzeuge künftig zu regelrechten Hightech-Wagen hochrüsten. Durch die Vernetzung der Autos untereinander sowie mit Notrufleitzentralen von Polizei und Feuerwehr oder mit Einrichtungen zur Verkehrssteuerung sollen Staus, Unfälle und vergebliche Parkplatzsuche eines Tages der Vergangenheit angehören.

          Mit der neuen Technik wäre es zum Beispiel möglich, Autofahrer frühzeitig vor einem Stauende hinter einer Kuppe zu warnen oder sie über Glatteis auf Brücken zu informieren, lange bevor sie die Gefahrenstelle erreichen. Auch würde ein kontinuierlich fließender Verkehr umweltfreundlicher sein. Um diese Ziele zu erreichen, hat jetzt ein Konsortium der acht größten deutschen Autohersteller und Zulieferer einen 70 Millionen Euro teuren Feldversuch mit 120 Autos im Rhein-Main-Gebiet begonnen. Angeblich handelt es sich um das weltweit umfangreichste Vorhaben dieser Art, wie die Unternehmen am Dienstag mitteilten.

          Staatliche Förderung

          Zum Konsortium unter der Führung des Stuttgarter Daimler-Konzerns gehören die Autohersteller Audi, BMW, Opel, Ford und Volkswagen sowie die Zulieferer Bosch und Continental. Aus der Wissenschaft kommen unter anderem die Fraunhofer-Gesellschaft sowie die Technischen Universitäten Berlin und München hinzu. Vom Frühjahr 2012 an soll die Testflotte von 120 Autos rund um Frankfurt rollen. Das Projekt wird von den drei Bundesministerien für Wirtschaft, Forschung und Verkehr sowie dem Land Hessen mit insgesamt rund 40 Millionen Euro gefördert. Die Projektpartner beteiligen sich mit weiteren rund 31 Millionen Euro. Derzeit werden die Wagen mit der notwendigen Technologie ausgestattet, um sie untereinander sowie mit Ampeln und Verkehrsleitsystemen in Innenstädten zu verbinden. Ziel ist der drahtlose Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen sowie zwischen Fahrzeugen und der Verkehrsinfrastruktur (Car-to-X-Kommunikation). Das Projekt läuft unter dem Kürzel SIMTD (Sichere Intelligente Mobilität - Testfeld Deutschland). Erforscht wird, ob die neue Technik wirklich funktioniert und im Alltag dabei hilft, Unfälle und Staus zu vermeiden. „Wir sind davon überzeugt, dass die Car-to-X-Kommunikation einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zum unfallfreien Fahren darstellt“, sagte Christian Weiß, Gesamtprojektkoordinator des Projekts und Teamleiter in der Daimler-Forschung.

          Für die gesamte Branche könnte aus der Vernetzung ein wichtiges neues Geschäftsfeld werden. Der Wertanteil der Informationstechnik am Auto wird nach Angaben des Verbands der deutschen Autoindustrie (VDA) bis zum Jahr 2020 von derzeit 20 Prozent auf voraussichtlich 40 Prozent steigen. Zudem werden schon bald die Internetanbindung im Auto und verfügbare Online-Inhalte maßgebliche Faktoren bei der Kaufentscheidung eines Neuwagens sein.

          Nicht mehr ohne Internet

          „Das Internet im Auto ist künftig unabdingbar“, sagt Elmar Degenhart. Der Vorstandschef des Autozulieferers Continental ist überzeugt: „Mit seiner Hilfe schützen wir Leben. Mit seiner Hilfe beherrschen wir ökonomische und ökologische Probleme wie hohe Emissionen und hohe Spritpreise. Ein Auto, das die Luft verpestet, Lärmschäden verursacht und Menschenleben gefährdet, ist nicht mehr akzeptabel.“ Deshalb müsse die Autoindustrie dafür sorgen, dass jeder Autofahrer in Echtzeit über Unfälle, Staus und andere Gefahren oder Widrigkeiten informiert wird. Helfen werde dabei das Cloud-Computing. Um den mobilen Informationsaustausch zu gewährleisten, müssen Autobauteile und das Auto selbst mit anderen Autos, mit Ampeln, Verkehrsrechnern und öffentlichen Transportsystemen vernetzt werden.

          Durch den permanenten Datenaustausch können die Autofahrer eines Tages effizienter fahren. Fließt der Verkehr gleichmäßig, muss nicht so viel gebremst und beschleunigt werden; dadurch sinkt der Treibstoffverbrauch, und es entstehen zusätzlich neue Möglichkeiten zur Ersparnis: Städte können etwa Ampeln nach ökologischen Gesichtspunkten programmieren. „Wenn ein großer Lastwagen auf die Ampel zufährt, verlängert sich die Grünphase, weil Bremsen und Anfahren zu viel Kohlendioxid verursachen“, nennt Continental-Chef Degenhart ein einfaches Beispiel. Dabei geht es nicht nur um Zukunftsmusik: Schon heute kann zum Beispiel ein Auto die Fahrzeuge auf der Nebenfahrbahn - mit einer Kamera - „sehen“ und vor einem gefährlichen Spurwechsel warnen.

          Quelle: F.A.Z.

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