06.01.2004 · Die Chrysler-Gruppe hat durch hohe Verluste ihre Muttergesellschaft Daimler-Chrysler im vergangenen Jahr abermals in Erklärungsnot gebracht. Chrysler-Chef Zetsche über Marktanteile, Rabatte und die Aussichten für Dodge in Europa. FAZ.NET-Spezial zur Auto-Show Detroit.
Die amerikanische Chrysler-Gruppe hat ihre Stuttgarter Muttergesellschaft Daimler-Chrysler im vergangenen Jahr abermals in Erklärungsnot gebracht. Für das zweite Quartal wurde ein überraschend hoher Verlust von fast einer Milliarde Euro ausgewiesen. Auf dem amerikanischen Heimatmarkt hat Chrysler abermals Marktanteile verloren. Das Ziel, für das gesamte Jahr in der Gewinnzone zu bleiben, wurde bisher aber nicht offiziell aufgegeben. Chrysler will den Marktanteilsrückgang mit einer Serie neuer Produkte stoppen und nimmt sich außerdem den Ausbau des Geschäfts in Europa vor.
Herr Zetsche, Sie haben in Detroit angekündigt, noch in diesem Jahr die Chrysler-Marke Dodge in Westeuropa auf den Markt bringen zu wollen. Wozu brauchen die Europäer diese Autos, wo sie noch nicht einmal die Marke Chrysler richtig angenommen haben?
Vergessen Sie nicht, daß Dodge einen großen Teil des Chrysler-Portfolios ausmacht, und diesen großen Teil schließen wir bisher in Europa aus. Mehr Auswahl bedeutet mehr Marktchancen. Außerdem ist der Mehraufwand für die Einführung des Dodge minimal, weil wir das bestehende Händlernetz nutzen werden.
Was bedeutet die Dodge-Einführung für Ihre bisher noch sehr geringen Marktanteile in Europa?
Wir haben heute in Westeuropa ungefähr einen Marktanteil von 0,7 Prozent. Das verteilt sich etwa gleichmäßig auf die Marken Chrysler und Jeep. Mit dem Dodge soll dieser Wert bis zum Jahr 2007 auf ein Prozent steigen.
In Amerika schrumpft Ihr Marktanteil immer weiter. Warum kommt Chrysler in der Heimat nicht voran?
Es stimmt: Unser Anteil in Amerika ist im Jahr 2003 von 12,9 auf 12,5 Prozent gesunken. Marktanteile kommen von neuen Produkten, und davon haben wir in den vergangenen Jahren zu wenig gehabt, vielleicht zwei bis drei Modelle im Jahr. Seit Chrysler vor mehr als zwei Jahren ein neues Management bekommen hat, arbeiten wir an der Entwicklung neuer Produkte, aber das kostet Zeit. Die Ernte wird erst jetzt kommen, mit neun Neuheiten in diesem Jahr und sechzehn weiteren in den beiden Jahren danach. Wir wollen in diesem Jahr 35 Prozent unserer Verkäufe mit neuen Produkten erzielen.
Neue Modelle werden den Herstellern aber nicht automatisch aus den Händen gerissen. Das haben Sie ja selbst mit dem neuen Pacifica erfahren . . .
. . . den ich mittlerweile als Erfolg einstufe. Richtig ist: Der Start des Pacifica war etwas langsamer als zunächst gedacht, und er hat zwei bis drei Monate Anlaufzeit gebraucht. Mittlerweile steigt der Absatz aber von Monat zu Monat, im Dezember haben wir 8.500 Stück verkauft. Beim momentanen Verkaufstempo liegen wir voll im Rahmen unseres Plans, 100.000 Pacificas im Jahr zu verkaufen.
Im vergangenen Jahr hat Sie der japanische Wettbewerber Toyota kurzzeitig als drittgrößter Autoverkäufer in Amerika abgelöst. Viele Experten sagen voraus, daß Toyota in diesem Jahr ganz an Chrysler vorbeizieht.
Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Gemessen am Absatz über das ganze Jahr 2003 hinweg war der Rückstand von Toyota auf Chrysler noch deutlich. Außerdem haben wir uns vorgenommen, in diesem Jahr wieder zu wachsen. Die Tendenz geht schon jetzt nach oben. Im vierten Quartal 2003 ist unser Absatz in jedem Monat gestiegen. Ganz abgesehen davon setzen wir unsere Ziele aber nicht relativ zu den Wettbewerbern.
Warum schaffen es die amerikanischen Hersteller im Gegensatz zu den japanischen Wettbewerbern nicht, ihre Autos ohne gigantische Rabatte zu verkaufen?
Die Rabatte sind zweifellos ein Problem. Das Problem gibt es aber industrieweit, und es wird übrigens auch von den Japanern mitgetrieben. Sehen Sie sich an, wie Toyota Modelle von vorneherein mit niedrigeren Listenpreisen und gleichzeitig verbesserter Ausstattung verkauft. Auch damit kommt - ganz ohne Barrabatte - sehr schnell eine Nettopreissenkung von 4.000 Dollar zusammen. Ich meine sogar, daß die Nettopreisentwicklung bei Toyota noch weiter nach unten geht als bei uns, General Motors oder Ford.
Bleibt die Branche auch im laufenden Jahr so großzügig bei den Rabatten?
Man konnte in den vergangenen drei Monaten zumindest den Eindruck gewinnen, daß es bei den Rabatten allmählich zu einer Stagnation auf hohem Niveau kommen könnte. Andererseits habe ich in den letzten drei Jahren zu viele Überraschungen erlebt, um mich festlegen zu wollen. Einen wirklichen Anstieg der Nettopreise halte ich aber in jedem Fall für unwahrscheinlich.
Das sind nicht gerade gute Nachrichten für die Gewinnentwicklung von Chrysler.
Wir halten an unserem Ziel fest, in zwei bis vier Jahren eine Umsatzrendite von 5 Prozent schaffen zu wollen. Ich gehe außerdem davon aus, daß das laufende Jahr ein besseres Ergebnis bringt als 2003 . . .
. . . als Sie Ihr Ziel, einen Gewinn zu erwirtschaften, selbst in Frage gestellt haben.
Wenn es einen Verlust gibt, dann wird er gering ausfallen. Ansonsten kann ich im Moment nur die Aussage wiederholen, daß wir für 2003 einen Gewinn anstreben, daß dieses Ziel aber schwer zu erreichen sein wird.
Sie setzen in diesem Jahr wie General Motors und Ford auch verstärkt auf Personenwagen. Auch das wird die Gewinne nicht gerade ankurbeln, die Margen sind hier im Regelfall deutlich niedriger als in den Transportauto-Klassen wir Pick-ups oder Sport Utility Vehicles.
Es ist richtig, daß rund die Hälfte unserer 25 Neuheiten in den kommenden Jahren Personenautos sind. Wir können uns nicht nur einfach hinter unseren Transportautos verschanzen. Es ist aber kein Naturgesetz, daß man mit Personenautos kein Geld verdienen kann. Wir haben sehr wohl schon gute Gewinne damit eingefahren, zum Beispiel mit dem PT Cruiser.
Der Autoabsatz in Amerika ist im vergangenen Jahr leicht auf rund 16,6 Millionen Stück zurückgegangen. Erwarten Sie für 2004 einen Aufschwung?
Ich rechne in diesem Jahr mit einer positiven Konjunkturentwicklung in Amerika. Allerdings wird sich das im Automarkt nicht so stark niederschlagen, weil hier auch der Abschwung nicht so deutlich ausgefallen ist. Das Geschäft ist hier trotz der schwachen Wirtschaftslage nicht so stark eingebrochen wie in anderen Bereichen, weil die Hersteller den Absatz durch Rabatte und andere Verkaufsanreize künstlich hochgehalten haben. Insgesamt erwarte ich in Amerika in diesem Jahr einen Gesamtabsatz um die 17 Millionen Einheiten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2484 | −0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 106,85 $ | −0,38% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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