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Automobile Von Spartanburg lernen heißt siegen lernen

30.12.2004 ·  Das BMW-Werk im amerikanischen Spartanburg ist sowohl für das Unternehmen als auch für die Region eine Erfolgsgeschichte. In Leipzig will BMW diesen Erfolg wiederholen.

Von Christian Geinitz
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In Amerika kann ein Autofahrer nur auf dem Rollenprüfstand richtig Gas geben. 100 Meilen in der Stunde zeigt die Testanlage an, die den silbergrauen BMW Z4 auf Herz und Nierenkühler prüft, bevor er die Fabrik nahe dem Südstaatenstädtchen Spartanburg verläßt.

Das entspricht zwar nur 160 Kilometern in der Stunde, ist aber deutlich mehr, als die blitzfreudige amerikanische Polizei erlaubt. Selbst auf der gut ausgebauten Autobahn 85, die den nordwestlichen Winkel von South Carolina durchschneidet und direkt am BMW-Werk vorbeiführt, beträgt die Höchstgeschwindigkeit nur 70 Meilen. Obwohl ein Z4 doppelt so schnell fahren kann, schmälert die Beschränkung die Kauflust der Amerikaner offenbar nicht: 2003 verkaufte BMW in den Vereinigten Staaten mehr als 20.000 Roadster, die von Spartanburg aus in die ganze Welt geliefert werden.

BMW entwickelt sich seit 1992 in Amerika gut

Doppelt so gut lief der Absatz des zweiten ausschließlich in Spartanburg hergestellten (und ebenso schnellen) Modells, des Allradwagens X5. Rund 60 Prozent beider Typen werden exportiert, vor allem nach Europa. In Amerika selbst verkaufte der BMW-Konzern 2003 mehr als 240.000 Fahrzeuge aller Serien. Das kommt in diesem größten Markt der Welt lediglich einem Anteil von 1,5 Prozent gleich. Gleichwohl hat sich das Land für BMW seit 1992 - als der Konzern dort weniger als 66.000 Fahrzeuge verkaufte - zum wichtigsten Absatzfeld noch vor Deutschland entwickelt.

"Das hätten wir ohne eine eigene Fabrik in den USA nie hingekriegt", sagt Clemens Schmitz-Justen, der neue Leiter der BMW Manufacturing Co. LLC, Spartanburg. Das Werk, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, habe BMW fest im amerikanischen Bewußtsein verankert und allen Modellen und Konzernmarken den Zugang nach Nordamerika erleichtert. So hat sich das Land für Rolls-Royce zum wichtigsten und für Mini zum zweitwichtigsten Markt gemausert. Unterstützt wurde die Expansion durch die Errichtung eines eigenen Lieferantennetzes in der 1994 gegründeten Freihandelszone Nafta aus Amerika, Kanada und Mexiko.

Vorzeigerolle wechselt von Spartanburg nach Leipzig

Die BMW-Verantwortlichen schwelgen gern in Superlativen, wenn sie von Spartanburg sprechen. Tatsächlich konnte sich die Produktionsstätte in den zehn Jahren ihres Bestehens vorzeigbar entwickeln. Die Kapazität verdoppelte sich auf mehr als 150.000 Einheiten im Jahr und dürfte weiter wachsen, die Beschäftigtenzahl hat sich auf 4.600 Mitarbeiter versiebenfacht, die Gesamtinvestitionen sind von anfänglich 440 Millionen auf fast 2,4 Milliarden Dollar gestiegen.

Doch das stolze Spartanburg ist dabei, seine Vorzeigerolle als wichtigste BMW-Produktionsstätte außerhalb Bayerns zu verlieren. Von Mai 2005 an wird nach und nach das neue Werk in Leipzig die Führung beanspruchen. Dort investiert BMW rund 1,3 Milliarden Euro in eine komplette Fertigungsstätte für die neue Dreierserie. Die Kapazität beträgt zunächst 130.000 Fahrzeuge im Jahr, die Mitarbeiterzahl 2.000, später 5.500 Beschäftigte. Bis dato hat BMW 1.900 Personen für Leipzig eingestellt. Seit September sind dort 2.000 BMW der Einserserie, die mit vorgefertigten Karosserien aus Regensburg nach Sachsen kommen, komplettiert worden.

Leipzig lernt von Spartanburg

Auch wenn BMW das nicht an die große Glocke hängt, sind die ersten Autos "Made in Leipzig" bereits auf den Straßen unterwegs. Daß die Mitarbeiterschulungen teils schon im Jahr der Standortentscheidung 2001 begannen, liegt auch an den Erfahrungen in Spartanburg. In Amerika suchte man zunächst bewußt Personal ohne automobile Vorkenntnisse, um es für die Erfordernisse der Fabrik auszubilden. Dieses Verfahren erwies sich jedoch als langwierig und nicht immer erfolgreich.

Leipzig kann von Spartanburg auch lernen, wie sehr eine große Industrieansiedlung eine ganze Region zu verändern vermag. Ähnlich wie Ostdeutschland durchläuft auch South Carolina einen schmerzhaften Strukturwandel. Seit 1970 sind in der ehedem bestimmenden Textil- und Bekleidungsindustrie mehr als die Hälfte aller Stellen weggebrochen. Die Arbeitslosenquote erreichte zwischenzeitlich 12 Prozent. Nach Ansicht von Professor Dough Woodward von der University of South Carolina hat BMW dazu beigetragen, daß der Verfall aufgehalten wurde und der Staat heute eine Reindustrialisierung erlebt. Die Arbeitslosenquote liegt mit 6,5 Prozent noch immer über dem amerikanischen Durchschnitt, aber die Beschäftigung wächst, und das Pro-Kopf-Einkommen steigt mit real 4 bis 5 Prozent im Jahr schneller als im übrigen Land.

BMW-Fabrik in Spartanburg als Jobmaschine für die Region

Woodward hat eine Studie über die wirtschaftlichen Effekte des Spartanburger BMW-Werks in der Region erstellt, aus der hervorgeht, daß das Werk direkt, indirekt und induziert fast 17.000 Personen eine Arbeit verschafft hat; der Multiplikationsfaktor beträgt also etwa 3,9. Im Sog der Werkseröffnung hätten sich allein 30 bis 40 Lieferanten mit 7200 Arbeitsplätzen in South Carolina niedergelassen und dort 2,1 Milliarden Dollar investiert, fast soviel wie die Bayern selbst. Die Lohn- und Gehaltszahlungen von BMW betrügen rund 350 Millionen Euro im Jahr und kämen großteils der regionalen Wirtschaft zugute.

Woodward hält es für richtig, daß der Bundesstaat und die Kommunen die BMW-Ansiedlung mit rund 150 Millionen Dollar gefördert haben. Diese Niederlassungsanreize sind allerdings nicht mit den in Deutschland üblichen Beihilfen vergleichbar, die sich für BMW in Leipzig auf gut ein Drittel der Investitionssumme belaufen. Im Gegensatz dazu erhielt das Werk in South Carolina vor allem Steuervergünstigungen. Woodward verweist darauf, daß die durch BMW induzierten Nettosteuereinnahmen für South Carolina rund 28 Millionen Dollar und für die Kommunen immerhin 2,4 Millionen Dollar im Jahr betrügen. "Mittelfristig zahlen sich die Anreize also aus."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 26
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