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Automobile Der Opel-Betriebsrat ruft den Kanzler zu Hilfe

10.10.2004 ·  General Motors will in Europa 10.000 Stellen streichen. Die IG Metall macht mobil. Der Konzern ist unbeeindruckt und verlangt für 2005 schwarze Zahlen. Die Lohnkosten sollen um 30 Prozent sinken.

Von Georg Meck
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Es hätte ein gemütlicher Ausflug nach Tirol werden können. Die Aussicht auf die Berge war ausgezeichnet, die servierten Spezialitäten auch. Nur der Anlaß war trist: Die Betriebsrats-Chefs der deutschen Autoindustrie trafen sich am Freitag zum geheimen Krisengipfel in den Alpen. Alle großen Marken waren im BMW-Ferienheim bei Reutte vertreten, aus der Frankfurter IG-Metall-Zentrale waren die Vorsitzenden Jürgen Peters und Berthold Huber dazugestoßen.

Die Lage in der deutschen Vorzeigebranche, darin waren sich die Gewerkschafter einig, ist ernst: Tausende Arbeitsplätze sind bedroht, ganze Standorte in Gefahr. Und überall ist die IG Metall in der Defensive, denn es geht darum, Kosten zu senken, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Daimler hat den Konflikt mit einem 500-Millionen-Sparpaket bewältigt. VW steckt mitten im Streit. Und bei Opel brennt es lichterloh. Der Zustand des Unternehmens sei "völlig inakzeptabel", sagt Fritz Henderson, Europa-Chef des Mutterkonzerns General Motors. GM hat die letzten Jahre in Europa mit den Marken Opel, Saab und Vauxhall Milliardenverluste eingefahren. Nun sollen mindestens 10.000 von europaweit 62.000 Stellen gestrichen werden 10.000 Stellen bei Opel und Saab in Gefahr.

Die unteren Auffanglinien festziehen

In der Tiroler Idylle wollten die Gewerkschafter ihre Strategie für die Verhandlungen mit den jeweiligen Konzernspitzen abstimmen, "die unteren Auffanglinien festziehen", wie es ein Teilnehmer formulierte: Welche Zugeständnisse sind im schlimmsten Fall möglich? Welche unvermeidlich?

Bei Opel setzt die IG Metall verstärkt auf die Politik. Klaus Franz, Chef des Betriebsrates, ruft gar den Bundeskanzler zu Hilfe. "Es ist absolut notwendig, daß sich die Regierung einschaltet. Wir halten das Kanzleramt ständig auf dem laufenden und stimmen uns ab", sagte Franz dieser Zeitung. Die Bundesregierung müsse Druck auf General Motors ausüben. "Ein amerikanischer Konzern kann nicht mit uns umgehen wie die Regierung Bush mit der deutschen Regierung während des Irak-Kriegs."

Große Allianz der vermeintlichen Opel-Retter

Mit Genugtuung registriert Franz die große Koalition der vermeintlichen Opel-Retter. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat sich eingeschaltet, ebenso die Ministerpräsidenten mit Opel-Standorten vor ihrer Haustür: Roland Koch (CDU) kämpft für Rüsselsheim - und faire Bedingungen im Wettbewerb mit dem Saab-Standort Trollhättan. "Wir werden genau aufpassen, daß die schwedische Regierung mit finanziellen Direktunterstützungen nicht gegen das EU-Behilferecht verstößt", sagt der CDU-Politiker (siehe Interview).

Nachbar Kurt Beck (SPD), in Rheinland-Pfalz - hier gibt es ein Werk in Kaiserslautern - wiederum will "sehr deutliche Worte" an das Opel-Management richten. Und Sozialdemokrat Peer Steinbrück in Nordrhein-Westfalen bietet sich - von GM-Europa-Vizechef Carl-Peter Forster über den Ernst der Lage aufgeklärt - in Bochum als Moderator an, "falls beide Seiten das wünschen".

Europäische Betriebsräte wollen den Protest koordinieren

Der Konflikt ist inzwischen so weit eskaliert, daß der Opel-Betriebsrat dem GM-Management "geschäftsschädigendes Verhalten" vorwirft. "Da wird ein gutes Unternehmen mit tollen Produkten von der eigenen Führung mit Sparvorschlägen und Kritik in den Schmutz gezogen", erregt sich Klaus Franz. "GM ist dabei, die Marke Opel zu zerstören."

Am Donnerstag treffen sich nun die europäischen Betriebsräte, um ihren Protest zu koordinieren. Für den Freitag haben die Arbeitnehmervertreter eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung der Adam Opel AG beantragt. Franz: "Wir verlangen von GM, daß der Konzern die gesetzlichen Vorschriften einhält und uns nach den wilden Spekulationen endlich mit konkreten Zahlen und Fakten versorgt." Das Wort "Streik" nimmt der Gewerkschafter zwar nicht in den Mund ("Diesen Gefallen werde ich GM nicht tun"), erinnert aber an teure Arbeitskämpfe bei General Motors in Amerika.

Auseinandersetzung zu einem Kampf Amerika gegen Deutschland stilisiert

Keine Frage, Franz stilisiert das Ringen der Konzernspitze um mehr Wettbewerbsfähigkeit zu einem Kampf Amerika gegen Deutschland ("GM will Europa nicht verstehen"). Die Rolle des Vermittlers hat er Carl-Peter Forster zugedacht. Bis Mitte 2004 war er Chef bei Opel in Rüsselsheim, seither ist er stellvertretender Europa-Chef von General Motors in Zürich. "Forster muß GM davon überzeugen, daß Probleme in Europa anders gelöst werden als in Amerika." Dabei kann Forster nicht die Zahlen ignorieren.

30 Prozent der Lohnkosten einsparen

Und die sprechen gerade nicht für Rüsselsheim, Bochum oder Kaiserslautern. "Deutschland ist mit Abstand der teuerste Standort in Europa", sagt Forster. In Frankreich ist die Produktion nach GM-Berechnungen um 25 Prozent günstiger, in Spanien um 35 Prozent, in Polen um 85 Prozent. Und konzernintern steht ein Standort mit dem anderen im Wettbewerb. Zunächst geht es darum, welche Fabrik die nächste Generation des GM-Mittelklassewagens produzieren darf. Zudem müssen laut GM-Vorgabe bis zum Ende des Jahrzehntes 30 Prozent der Lohnkosten eingespart werden. Und schon für das nächste Jahr verlangt Europa-Chef Fritz Henderson ultimativ schwarze Zahlen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, Nr. 41 / Seite 43
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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