Welcher Nimbus seinen Namen einst umgeben würde, das hätte Wilhelm Maybach sich gewiss nicht träumen lassen. Im Gegenteil: Aufgewachsen in der Tradition des schwäbischen Pietismus bedachte er zeitlebens seinen persönlichen Vorteil zuletzt - häufig zum eigenen Schaden.
Möglicherweise lag es daran, dass er bis heute gern vergessen wird, wenn die Erfinder des Automobils genannt werden: sein großes Alter Ego Gottlieb Daimler und dessen Gegenspieler Carl Benz. Dennoch wäre es ohne Maybach nicht gegangen, zumindest nicht so schnell.
Daimlers Motormann
Maybach konstruierte den ersten schnelllaufenden Ottomotor, der kompakt genug war, ein Fahrzeug anzutreiben. Mit diesem Reitwagen rumpelte Daimler 1885 mit 12 Kilometern in der Stunde durch die Straßen von Cannstatt und hatte das Motorrad erfunden. Das erste spezifisch konstruierte Automobil baute Carl Benz im Jahr drauf, und es sollte 15 Jahre dauern, bis Daimler auf diese Vorgabe antwortete.
Bis dahin erfand Wilhelm Maybach für die Daimler Motoren Gesellschaft (DMG) zwei technische Meilensteine: 1893 den Spritzvergaser, der endlich das Problem der Gemischbereitung löste und die meisten Ottomotoren des 20. Jahrhunderts beatmen sollte, 1897 den Röhrchenkühler mit Gebläse - so kühlt man vielfach heute noch.
Als Gesamtkonzept von entscheidendem Einfluss aber war der erste Mercedes. Den Anstoß dazu gab der Unternehmer und Rennfahrer Emil Jellinek, der 1901 bei Daimler ein schnelles und gleichzeitig sicheres Auto bestellte. Maybach entwickelte einen Wagen mit niedrigem Schwerpunkt und leistungsfähigem Antrieb, mit dem Jellinek der Konkurrenz nach Herzenslust davon fuhr. Seither tragen alle Wagen aus dem Hause Daimler diesen Namen.
Auftrieb durch Luftschiffe
Zu dem Zeitpunkt war Gottlieb Daimler bereits verstorben, und Wilhelm Maybach verlor ohne seinen Mentor zunehmend den Halt in der DMG. 1907 musste der inzwischen 61-Jährige gehen. Er selbst mochte sich einen Neuanfang nicht mehr zumuten, aber sein Sohn Karl hatte die technische Gabe geerbt und wollte die Flamme weitertragen.
Die Gelegenheit bot sich 1908, als der Zeppelin bei Echterdingen zu Bruch ging. Wilhelm Maybach bot dem havarierten Grafen Zeppelin die Konstruktion von leistungsfähigeren Motoren für weitere Luftschiffe an. Der Graf sagte zu, und so wurde Karl Maybach technischer Direktor eines Unternehmens, das sich 1911 als Motorenbau GmbH in Friedrichshafen niederließ. Aus diesem Hause stammten seit dem nahezu alle weiteren Antriebe der Zeppelin-Luftschiffe.
Der Weltkrieg brachte volle Auftragsbücher, der Versailler Vertrag die drohende Pleite, so dass Karl Maybach sich dem Dieselmotor für Lokomotiven zuwandte. Damit hatte er einen Geschäftsbereich eröffnet, der bis heute das Standbein seines Unternehmens bildet. Doch 1921, mit dem einsetzenden Boom im Automobilsektor, lockte ein viel größeres und attraktiveres Geschäftsfeld. Maybach beschloss, Automotoren von höchster Qualität zu bauen, gewissermaßen als Top-Zulieferer. Erfolg hatte er nicht damit, der einzige Abnehmer ging pleite, und so entstand aus dem Zulieferer eine eigene Marke.
Im Olymp
Natürlich rollten nur allerfeinste Autos aus dem Friedrichshafener Werk. Genau gesprochen rollten nur die Chassis samt Motor heraus, die dann von Karossiers eingekleidet wurden - zumeist von Spohn in Ravensburg. Die höchsten Weihen erwarb Maybach 1929 mit dem Typ DS, dem ersten und bis 1987 einzigen deutschen Zwölfzylinderwagen. Der Motor war direkt von den Luftschiffmaschinen abgeleitet, mit denen der berühmte LZ127 seine Weltfahrt absolviert hatte - konsequenterweise hieß der Nachfolgetyp Zeppelin DS7 - Doppel-Sechs, 7 Liter bedeutete das Kürzel. Er kostete rund 50.000 Reichsmark, dafür bekam man alternativ 25 Opel oder fünf Einfamilienhäuser.
Das allein hätte schon genügt, diese Marke als Vertreter Deutschlands in den Olymp der vierrädrigen Kunst zu heben. Der Name "Zeppelin" mit all seinen beinahe mythisch durchwobenen Kontexten tat ein Übriges. Und nicht zuletzt blieb der Marke manch unguter Auftritt erspart, denn jeder Maybach gab sich äußerlich konservativ und zurückhaltend, so dass die flamboyante Elite der Dreißiger wenig Interesse dran entwickelte.
1941 entstand der letzte von 2.400 Wagen, davon nur 300 vom Typ DS. Maybach baute Maschinen für Schiffe, Lokomotiven, Lastwagen und jede Menge Panzermotoren. Nach Ende der Feindseligkeiten blieb es bei den ersteren Bereichen, was die Firma interessant genug machte, um sie 1960 unter das Konzerndach von Daimler-Benz zu bringen. Damit fand der Name des dritten Erfinders des Automobils seine Heimat zurück.