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Automatisierung : Nehmen Roboter den Menschen die Arbeit weg?

Zumindest hier friedliche Koexistenz: Der Roboter BB-8 aus dem neuen „Star Wars“-Film neben Schauspielerbeinen. Bild: AP

Intelligente Roboter werden massenhaft Jobs vernichten – so die pessimistische These. Manche Experten sehen durch die digitale Revolution in Deutschland zehn Millionen Beschäftige bedroht. Dabei wird im Arbeitsmarkt der Zukunft vor allem eines zählen.

          Die altehrwürdige britische Zentralbank hat vor kurzem den möglichen Verlust von 15 Millionen Arbeitsplätzen in Großbritannien vorgerechnet. Chefvolkswirt Andy Haldane präsentierte eine Studie, wonach im kommenden „Maschinenzeitalter“ fast die Hälfte aller Beschäftigten gefährdet sein könnten. Immer leistungsfähigere Roboter und Computer bedrohten nicht nur die Jobs einfacher Arbeiter, sondern zunehmend auch die Stellen in Büros und mit mittlerem Qualifikationsniveau. Außerdem könnte die Kluft zwischen der ärmeren Bevölkerung und den Reichen im Roboter-Zeitalter noch größer werden.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Schon vor zwei Jahren hat eine Studie zweier Wissenschaftler der Universität Oxford Aufsehen erregt. Carl Benedikt Frey und Michael Osborne hatten untersucht, welche von 700 Berufen in den kommenden zwei Jahrzehnten durch den Einsatz neuer Maschinentechnologien potentiell ersetzt werden könnten. Ergebnis: 47 Prozent könnten verschwinden. Früher waren dies vor allem repetitive Routinejobs, etwa der Fließbandarbeiter, dessen Handgriffe nun ein Roboter viel präziser erledigt.

          Vor 200 Jahren protestierten schon Spinner und Weber

          Zunehmend sind aber auch etwas anspruchsvollere Arbeitsplätze gefährdet. Auch im Verkauf, in der Buchhaltung und Steuerberatung bis hin zu Banken und Versicherungen werden Computer und Maschinen die Arbeit übernehmen. Und selbst in der Medizin könnten Supercomputer wie IBMs Watson vielleicht bald schon bessere Diagnosen stellen als der klassische Arzt.

          Roboter würden immer leistungsfähiger, cleverer und günstiger, erwarten die MIT-Forscher Eric Brynjolfsson und Andrew McAfee, die Autoren des Buchs „The Second Machine Age“. Die Menschen drohten „den Wettlauf gegen die Maschine zu verlieren“. Der Arbeitsforscher Richard Freeman von der Harvard-Universität sagt schnörkellos: „Sobald Roboter und Computer etwas billiger erledigen können, nehmen sie den Menschen die Jobs ab – außer, diese sind bereit, weniger Lohn zu akzeptieren.“ In Deutschland könnten mehr als 10 Millionen bisherige Arbeitsstellen durch die digitale Revolution überflüssig werden, hat die Unternehmensberatung A.T. Kearney jüngst errechnet. Nur in den sozialen Berufen, etwa in der Kranken- und Altenpflege, bei der Kinderbetreuung und in Schulen, würden auch künftig sicher viele menschliche Kräfte gebraucht.

          Droht aber wirklich eine Zukunft, in der Maschinen massenhaft den Menschen die Arbeit wegnehmen? Solche Ängste gab es schon seit Beginn des industriellen Zeitalters im späten achtzehnten Jahrhundert. Vor 200 Jahren kam es in England zu Aufständen von „Maschinenstürmern“. Die sogenannten Ludditen waren verarmte Spinner und Handweber. Sie drangen in die neuen Textilfabriken ein und zerstörten die maschinellen Webstühle. Jede neue Welle von Innovationen hat bisherige Arbeitsplätze verdrängt. Sowohl Marx als auch Keynes sprachen von einer „technischen Arbeitslosigkeit“ – allerdings sah Keynes sie nur als ein Übergangsphänomen.

          Klassische Industrie-Berufe sind in Auflösung begriffen

          Auf die Dauer hat sich nicht bewahrheitet, dass die neue Industriewelt keine Arbeitsplätze mehr bietet – im Gegenteil. Durch steigende Produktivität nahm mit der Zeit der Wohlstand auch in der Breite der Bevölkerung zu. Der Einsatz moderner Maschinen verbilligte die Produktion, die Preise fielen, und damit konnte auch die Nachfrage zunehmen. Statt der alten Berufe in Landwirtschaft und Handwerk, die überflüssig geworden waren, bildeten sich neue Industrieberufe heraus.

          Nun stehen wir an der Schwelle in ein neues Zeitalter, das einen Großteil der klassischen Berufe der Industriezeit auflösen wird. Optimisten wie der Bonner Makroökonom und Wirtschaftshistoriker Moritz Schularick sagen, dass durch den technischen Fortschritt zwar alte Jobs wegfallen, dafür aber völlig neue Möglichkeiten entstehen und letztlich mehr Wohlstand, der neue Jobs schaffen werde. Wenn Computer die bisherigen Bürotätigkeiten erledigen, werden Arbeitskräfte frei, sich kreativen oder sozialen Tätigkeiten zuzuwenden.

          Allerdings gibt es auch Skeptiker. Harvard-Ökonom Larry Summers meint, dass in mehr Branchen Arbeitsplätze abgebaut werden als neue entstehen. Der Silicon-Valley-Softwareunternehmer und Autor Martin Fort warnt in seinem spekulativen Buch „The Rise of the Robots“ sogar vor unausweichlicher Massenarbeitslosigkeit. Brynjolffson und McAfee halten einen kräftigen Anstieg der Arbeitslosigkeit zumindest als Übergangsphänomen für unvermeidlich. Brynjolffson spricht von einer kommenden „labor-light economy“, einer Wirtschaft mit nur wenig Beschäftigten.

          Hohe Bildung sticht technisierte Konkurrenz aus

          Keynes skizzierte im Jahr 1930 eine optimistische Zukunftsvision in seinem Aufsatz „Economic possibilities for our grandchildren“: In hundert Jahren, schrieb Keynes, also etwa 2030, würden Maschinen so viel Arbeit erledigen, dass die Menschen ihre wöchentliche Arbeitszeit auf 15 Stunden reduzieren könnten – der Rest sei Freizeit und Vergnügen. Doch die Frage bleibt, wie sie dann all jene ihren Lebensunterhalt finanzieren, die nicht Besitzer von Robotern sind. Buch-Autor Ford und andere fordern ein staatlich finanziertes Grundeinkommen für alle. Finanziert werden könnte das von einer speziellen „Maschinen-Steuer“ – doch die Maschinenkapitalisten sind mobil und könnten in andere Länder abwandern. Harvard-Ökonom Richard Freeman wünscht sich, dass breitere Bevölkerungsschichten zu „Roboter-Besitzern“ werden, durch Aktienanteile an Technologie-Unternehmen.

          Als wichtigste Maßnahmen, um die Menschen auf das digitale Zeitalter vorzubereiten, empfehlen Ökonomen aber viel stärkere Bildungsanstrengungen. Nur wer gut ausgebildet ist, kann in der hochtechnisierten Arbeitswelt bestehen. Zu bedenken ist aber auch, dass die demographische Entwicklung, die geringe Geburtenzahl und die Überalterung, zu einer Schrumpfung des Erwerbspersonenpotentials in den westlichen Gesellschaften führt. Da könnte man auch froh sein, dass künftig Maschinen mehr Aufgaben erledigen.

          Quelle: F.A.Z.

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