13.11.2008 · Die Amerikaner waren bisher nicht sentimental, wenn Unternehmen mit großen Namen vom Markt verschwanden. So haben sie manche stolze Fluggesellschaft untergehen sehen. Und so sollte der Staat den Autokonzern General Motors geordnet in die Insolvenz begleiten. Erst danach ist ein Neuanfang möglich.
Von Carsten KnopDie Amerikaner waren bisher nicht sentimental, wenn Unternehmen mit großen Namen vom Markt verschwanden. So haben sie manche stolze Fluggesellschaft untergehen sehen. Dabei sind Ikonen wie PanAm Geschichte geworden. Denn die Amerikaner wissen, dass aus den Trümmern bessere, wettbewerbsfähigere Unternehmen gewachsen sind. Es hat etwas von den calvinistischen Grundprinzipien der Gründungsväter des Landes, dass jeder – und damit vor allem auch jeder Unternehmer – seines eigenen Glückes Schmied ist. Wer vom Glück verlassen wird, war eben nicht tüchtig genug.
Es gibt kaum eine Industriebranche, für die diese Erkenntnis zutreffender wäre als für die amerikanische Automobilindustrie: Die Schwierigkeiten, mit denen General Motors, Ford und Chrysler konfrontiert sind, haben mit der Finanzkrise wenig zu tun. Sie sind in den vergangenen Jahrzehnten durch Fehlleistungen des Managements entstanden, das offensichtlich nicht tüchtig genug war. Die Probleme sind in den Jahren, in denen die Wirtschaft floriert hat, nicht gelindert worden. Deshalb stehen die Unternehmen in einer Zeit, in der die Konsumenten auf der ganzen Welt vorsichtiger werden, selbstverständlich mit dem Rücken zur Wand.
Konzerne stehen zu einem günstigen Zeitpunkt vor der Insolvenz
Aber die Konzerne haben Glück. Sie stehen zu einem Zeitpunkt vor der Insolvenz, der aus ihrer Sicht günstig ist: Sie können einen Staat um Hilfe anflehen, in dem sich gerade die (wirtschafts-)politischen und gesellschaftlichen Gewichte verschieben. In einer Zeit, in der Hunderte Milliarden Dollar zur Rettung von Banken und Versicherungen ausgegeben werden, können es Politiker einfachen Fabrikarbeitern in strukturschwachen Regionen kaum vermitteln, wenn ausgerechnet für ihren Arbeitgeber keine staatliche Hilfe mehr zur Verfügung steht.
Deshalb wird in Amerika jetzt doch das möglich, was Kenner des Landes noch vor wenigen Wochen ausgeschlossen hätten. Nur wenige würden noch darauf wetten, dass die Politiker General Motors als letzten Ausweg in den Gläubigerschutz unter Kapitel elf des amerikanischen Insolvenzrechts entließen. Die nach der Wahl von Barack Obama zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten selbstbewussten Demokraten rufen nach umfassender staatlicher Hilfe für die Autodinosaurier – und werden sie wohl bekommen.
Im schlimmsten Fall wird das dazu führen, dass General Motors unverändert vom Vorstand um Richard Wagoner geführt wird, der unfähig war, den Konzern in wirtschaftlich besseren Zeiten krisenfester zu machen. Einem Vorstand, der nach wie vor glaubt, das sklerotische Unternehmen sei in der Lage, allein auf dem amerikanischen Markt acht Marken (Cadillac, Buick, Pontiac, Chevrolet, GMC, Saturn, Saab und Hummer) zu führen. Einem Vorstand, der es nicht geschafft hat, die modernere Technik seiner europäischen Tochtergesellschaft Opel so auf dem amerikanischen Markt einzuführen, dass GM heute mit umweltfreundlicheren Autos dastehen würde. Und einem Vorstand, der nicht in der Lage war, den grotesken Forderungen seiner Gewerkschaft Paroli zu bieten.
Bei GM streiten viele Marken um Budgets - und gehen langsam gemeinsam unter
Nicht zuletzt ist die Organisation von GM nach wie vor darauf ausgerichtet, einen Konzern zu führen, der die Hälfte des amerikanischen Automarkts bedient, obwohl es tatsächlich nur noch etwas mehr als 20 Prozent sind. Im Ergebnis streiten sich viele Marken um Entwicklungs- und Marketingbudgets und gehen langsam gemeinsam unter. Die deutsche Opel steht trotz aller Knüppel, die ihr aus Amerika zwischen die Beine geworfen wurden, besser da, hängt aber natürlich am Finanztropf der Muttergesellschaft, deren Zahlungsfähigkeit möglicherweise nur noch bis zum Beginn des nächsten Jahres reicht.
In ein solches Gebilde, das das Überleben nicht verdient hat, würde der Staat viele Milliarden Dollar stecken. Danach würden Ford und Chrysler die Hand aufhalten, dann die Autozulieferer und so weiter. Irgendwann stellte sich die Frage, wie zahlungskräftig der amerikanische Staat nach solchen „Rettungsaktionen“ noch ist. Vor diesem Hintergrund wäre es grotesk, würde der Steuerzahler das Vermögen der Familie Ford retten, die auch ihren Konzern in den vergangenen Jahren nicht mehr vorangebracht hat, oder den Finanzinvestoren von Cerberus zur Seite springen, die naiv waren, als sie Chrysler vom deutschen Daimler-Konzern übernahmen. Noch schlimmer: Hilfen in Amerika würden vergleichbare Maßnahmen in Europa mit sich bringen. Und dann leidet der deutsche Steuerzahler mit.
So bitter es klingt: Es wäre die mit Abstand beste Lösung, wenn die amerikanischen Politiker jetzt doch so mutig wären, Konzerne wie GM geordnet in die Insolvenz gleiten zu lasen. Danach könnte mit einem neuen Management und schlankeren Strukturen ein Neuanfang gewagt werden, der ordnungspolitisch sauber wäre und der amerikanischen Autoindustrie zum Befreiungsschlag verhelfen könnte. Dabei würden viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Aber die Amerikaner sollten sich gerade in dieser Krise daran erinnern, dass es ihr Land ist, das der Welt wieder und wieder gezeigt hat, wie gewinnbringend Neuanfänge sein können.
Umweltfreundlich
Andreas Noreikat (derherold)
- 13.11.2008, 12:19 Uhr
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Herold Binsack (Devin08)
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Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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