23.02.2010 · Ihre Arbeitsplätze gleichen Museen, ihre Berufe sind vom Aussterben bedroht. Doch es gibt sie noch: Menschen, die Seidenblumen herstellen, Messer schleifen und Lederstühle beziehen. Zu Besuch bei drei Handarbeitern.
Von Julia LöhrEine Blümlerin in Sebnitz
Es ist ein weiter Weg zu den Letzten ihrer Art. Er führt in einen der östlichsten Zipfel Deutschlands, nach Sebnitz, einen 9000-Einwohner-Ort unmittelbar an der Grenze zu Tschechien. Hier, am Rande des Elbsandsteingebirges, sind die Blümlerinnen zu Hause: Frauen, die Kunstblumen herstellen. "Nüscht aus Plaste", wie sie am Anfang jedes Gesprächs sogleich betonen, sondern aus Seide, Samt und Taft. Das Blümeln hat eine lange Tradition in dem kleinen Ort. Böhmische Blumenmacher brachten das Handwerk einst nach Sachsen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren rund 15 000 Sebnitzer damit beschäftigt, Stoffblumen anzufertigen. Heute sind es noch genau elf.
Eine von ihnen ist Simone Kretzschmar, eine 46 Jahre alte Frau mit halblangen blonden Haaren und einer pragmatischen Art. "Wir sind die letzte Generation", sagt sie und schaut halb über ihre Brille. "Nach uns kommt nichts mehr." Kunstblumenfacharbeiterin nennt sich der Beruf, den Simone Kretzschmar gelernt hat. Ein Ausbildungsberuf aus DDR-Zeiten, es gibt ihn längst nicht mehr, ebenso wenig wie den VEB Kunstblume und all die Blumenmanufakturen hinter den Sebnitzer Altbaufassaden. Nur eine davon ist übrig geblieben, Kretzschmars Arbeitgeber, die Deutsche Kunstblume Sebnitz.
Simone Kretzschmar beherrscht die Königsdisziplin des Blümelns, das Färben. In einem dicken Leitz-Ordner hat sie akribisch die Mengen der verschiedenen Färbemittel notiert, die aus einem weißen ausgestanzten Stück Stoff eine Blüte machen. Am liebsten bemalt sie Stiefmütterchen, zuerst die lila Grundfarbe, dann "die Augen und den Mund", wie sie die schwarzen Sprenkel liebevoll nennt. Schablone drauf, mit einem Pinselstrich die Farbe drüber wischen, Schablone runter, Blüte trocknen lassen, hundertfach, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr, wird das nicht irgendwann langweilig? Kretzschmar schaut erstaunt: "Komisch, das fragt mich jeder. Mir kommt das überhaupt nicht so vor."
Ein wenig erinnert ihr Arbeitsplatz an ein Museum, nicht nur wegen der eisernen Stanz- und Prägewerkzeuge, die zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Überall sind Kordeln angebracht, die Besucher davon abhalten sollen, den Blümlerinnen zu nahe zu rücken. Es kommen viele Besucher nach Sebnitz, knapp 40 000 waren es im vergangenen Jahr, Busse mit Reisegruppen, vor allem aus dem Westen. "Man gewöhnt sich daran", sagt Simone Kretzschmar. Die Fremden schauen zu, wie sie die Stoffblätter färbt, wie eine andere Blümlerin diese in Form biegt, wie eine weitere die einzelnen Blätter mit Draht zu einer Blume bindet. Die aufwendigste ist die Englische Rose, sie besteht aus 90 Blütenblättern. Im Laden, durch den jede Reisegruppe nach dem Rundgang gelotst wird, kostet sie 23,50 Euro.
Kaum ein Besucher verlässt Sebnitz, ohne eine Stoffblume gekauft zu haben. Hinzu kommen die Auftragsarbeiten. Gerade erst ließ die Stadt Dresden 10 000 weiße Rosen zum Anstecken machen, mit denen der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gedacht wurde. Der Deutsche Gewerkschaftsbund bestellt für seine Kundgebung im Mai jedes Jahr 3000 rote Nelken. Und der Modemacher Wolfgang Joop orderte im vergangenen Jahr in Sebnitz 200 Stoffrosen für seine Wunderkind-Kollektion. Doch das alles reicht nicht, damit sich der Betrieb wirtschaftlich trägt, damit er gegen die billige "Plaste"-Konkurrenz aus Asien besteht. Die Deutsche Kunstblume Sebnitz ist seit einigen Jahren ein städtisches Unternehmen, angegliedert an die Abteilung Fremdenverkehr. Ein Handwerk als Touristenattraktion. "Ein seltsames Gefühl", sagt Simone Kretzschmar. "Aber so ist es halt."
Was, wenn die letzten gelernten Blümlerinnen in Rente sind, in etwas mehr als zwanzig Jahren? Simone Kretzschmar wirft wieder einen dieser Blicke über ihre Brille, die sich schwer deuten lassen. "Ich hoffe, dass diese Tradition erhalten bleibt", sagt sie, aber es klingt nicht so, als ob sie daran glaubt. Die Lage ist schwierig: Der Stadt und damit der Manufaktur fehlt es an Geld, um jungen Frauen, etwa arbeitslosen Floristinnen, die Kunst des Blümelns beizubringen. Wenn aber niemand angelernt wird, stirbt der Beruf aus. Kretzschmar will jetzt mit ihren Kolleginnen ein Handbuch schreiben, vorsorglich, ein Standardwerk des Blümelns für die Nachwelt. "Vielleicht kommen Kunstblumen ja irgendwann wieder in Mode", sagt sie. Nicht die Importware aus Fernost. Sondern die "echten Kunstblumen", wie Kretzschmar sie nennt: die Handarbeit aus Sebnitz.
Ein Messerschleifer in Solingen
"Die Hände sind nicht so wichtig", sagt Andrea Stifani. "Man muss vor allem gut hören können." Der Mann, der diesen Satz mit der Selbstverständlichkeit vieler Jahre Berufserfahrung ausspricht, ist gerade mal 26 Jahre alt. Der gebürtige Italiener ist Messerschleifer. Er sitzt auf einem Schemel in einer Werkstatt voller altertümlicher Maschinen, Lärm und Zigarettenrauch, vor einem rotierenden Schleifstein. Stifani nimmt einen Messerrohling und drückt ihn dagegen, Stahl kreischt, Wasser spritzt. Seine Armmuskeln spannen sich sichtlich an, seine Hände werden noch eine Spur schwärzer, als sie es ohnehin schon sind. "Hören Sie den Unterschied?", schreit er in die Geräuschkulisse hinein. "Jetzt ist es gut." Anschließend führt er das Messer zufrieden über den Prüfring, den er an seinem Daumen trägt.
Der Schleifer mit den in die Höhe gegelten Haaren arbeitet für die Robert Herder GmbH in Solingen, einen Familienbetrieb, besser bekannt unter der Marke "Windmühlenmesser". In dem knapp 140 Jahre alten Unternehmen wird eine alte Tradition gepflegt: der Solinger Dünnschliff. Wieder und wieder werden die Messer von Hand geschliffen, damit sie eine besonders scharfe Kante erhalten. Dabei entsteht jene blau schimmernde Oberfläche, die charakteristisch für diese Messer ist. Blaupließten nennt sich der Feinschliff in Vollendung.
Der inzwischen 73 Jahre alte Wilfried Fehrekampf gilt als Meister dieser Technik. Er ist es auch, der trotz seines Alters noch zweimal in der Woche in den Betrieb kommt, um die fünf Lehrlinge auszubilden. Offiziell gibt es den Ausbildungsberuf Messerschleifer längst nicht mehr. 1969 schaffte die zuständige Kammer ihn ab, in der Annahme, dass künftig nur noch Maschinen diese Arbeit erledigen.
Es kam anders. Viele Hobbyköche auf der Welt sind durchaus bereit, mehrere hundert Euro für ein von Hand gefertigtes Messer zu bezahlen. Um Nachwuchs ausbilden zu können, einigte sich das Unternehmen mit der zuständigen Kammer auf einen Kompromiss, eine zweijährige Lehre zum Teilezurichter. Im Betrieb verwendet diese Bezeichnung freilich niemand: Stets ist von Schleifern oder Pließtern die Rede.
Auch Andrea Stifani hat nach seinem Hauptschulabschluss und einem Praktikum diese Ausbildung durchlaufen. Der Stolz auf seine Arbeit ist ihm anzumerken. "Natürlich" schneide auch er daheim mit Windmühlenmessern. Menschen, die ihre Messer bei Ikea kaufen, straft er mit einem verächtlichen Blick. Routiniert rührt er in dem Topf, der auf einer Herdplatte steht, "Knochenleim", so die knappe Erklärung, "damit der Schmirgel hält".
Bis zu 300 Messer schleift Stifani an einem Tag. Die körperlich harte Arbeit spielt er mit einem Schulterzucken herunter. "Klar merke ich das im Rücken", sagt er während einer Zigarettenpause, "aber das geht schon." Sein Ziel ist ein eigener "Kotten", eine Werkstatt zu Hause, eine alte Solinger Arbeitsform, bei der sich der Lohn nach der Zahl der geschliffenen Messer bemisst. "Das gibt ein paar Groschen mehr", sagt Stifani. Und noch ein Ziel hat der junge Familienvater mit dem alten Beruf: Einen Ausbilderschein will er machen. "Das gibt noch ein paar Groschen mehr." Und das Handwerk lebt weiter.
Ein Punzer in Hamburg
Keine Leuchtreklame, kein Firmenschild - nichts weist den Weg zu Mario Marquardt in das Hinterhaus im Hamburger Arbeiterviertel Hamm. Die Kunden finden ihn trotzdem. Wenn es um Unikate aus Leder geht, ist seine Werkstatt eine der ersten Adressen in Deutschland. Und eine der einzigen. "Punzer" nennt sich der 60 Jahre alte Marquardt, wahlweise "Lederkünstler". Die Handwerksrolle kennt diesen Beruf nicht, er ist eine Mischung aus Sattler, Feintäschner, Buchbinder und Werkzeugmacher. Die Schreibtischunterlage im Airbus des thailändischen Königs stammt aus Marquardts Werkstatt, auch die Stühle im Palast des Scheichs von Bahrein hat er bezogen.
"Ich bin ein notorischer Sammler", sagt Marquardt in seinem hanseatischen Tonfall. Kaum ein Fleck in dem 120 Quadratmeter großen Raum ist nicht zugestellt. Aus den Regalen quillen Lederhäute, an der Wand stapeln sich Kisten mit der Aufschrift "Flachmänner unbezogen", "Telefoneinlagen" und "Arzttaschen". Neben dem Lenkrad einer Yacht, das er mit Leder beziehen soll, stehen Dosensuppen für die Mittagspause. Auf dem Boden reihen sich die Geräte aneinander, zum Schneiden, zum Prägen und zum Pressen, das älteste stammt aus dem Jahr 1841. "Krupp-Stahl", sagt Marquardt, "den kriegt man nicht kaputt." Auf den Werkbänken liegen die Punzen, jene stählernen Stifte, mit denen Marquardt Muster ins Leder treibt.
Immer wieder klingelt das Telefon, greift Marquardt zu seinem abgenutzten Adressbuch, um neue Namen und Aufträge zu notieren. Der Computer auf dem völlig zugestellten Schreibtisch hingegen sieht nicht so aus, als ob er häufig benutzt wird. Was Marquardt macht, macht er aus Leidenschaft. "Ich hab immer irgendwas gebastelt." Zuerst war das nur ein Hobby, der Punzer im Hauptberuf Steward bei der Reederei Hapag-Lloyd. Während seiner Landgänge in Lateinamerika ließ er sich von Sattlern zeigen, was sich aus Leder alles machen lässt, "die wussten ja, dass ich ihnen keine Arbeit wegnehme, weil ich bald wieder weg bin".
Mit 39 Jahren verabschiedete er sich von der Seefahrt und begann noch einmal eine Lehre, ließ sich zum Sattler ausbilden, bei Vanino & Henkel, einem alteingesessenen Unternehmen in Hamburg. Dort ist er bis heute geblieben. Vor einigen Jahren hat er den Betrieb von den Gründern übernommen, hält ihn alleine am Leben. Zehn Jahre will er das auf jeden Fall noch machen. "Warum sollte ich aufhören? Mir macht das Spaß." Er hofft darauf, dass danach jemand seine Arbeit fortführt. Etwa einer der Sattler, die er an der Berufsschule im Punzen fortbildet. Vielleicht aber auch seine Tochter, eine gelernte Physiotherapeutin, die gelegentlich mithilft, unter strenger Beobachtung ihres Vaters.
Anders als die Tochter schätzt der Vater Traditionelles, verziert Stühle gerne mit Motiven aus der Jugendstilzeit und Ledermappen mit Stadtwappen. An diesem Tag arbeitet Marquardt an einem Aktenkoffer, so etwas sei derzeit sehr gefragt. Mit dickem Zwirn näht er die beiden Fächer für Laptop und Ersatzhemd aneinander. In einem Aktenkoffer stecken zehn Tage Arbeit, rund 2500 Euro kostet er. Über seinen Umsatz schweigt Marquardt. "Man kann vernünftig davon leben, wenn man flexibel ist", sagt der Punzer über das Punzen.
Seine Kunden sind vor allem Männer, "Frauen mögen eher so modische Sachen", aber die modischen Sachen mag Marquardt nicht so. Er verarbeitet am liebsten klassische braune Rindslederhäute. So kommt es, dass er fast schon erstaunt aus einem der Regale die Haut eines Perlrochens zieht, ein schwarzes, noppiges, glänzendes Leder mit einer weißen Raute in der Mitte. "Das hatte ich ganz vergessen", sagt Marquardt, ungewohnt kleinlaut. Eine Abendtasche wollte er seiner Frau daraus machen. Sie wird wohl noch eine Weile warten müssen. "Schauen Sie sich doch um", sagt Marquardt und deutet auf die vielen angefangenen Arbeiten. "Wann soll ich das denn noch machen?"