Johannes Kiem, 35 Jahre: Der Klavierspieler
Mit vier Jahren wusste Johannes Kiem, dass er immerzu Klavierspielen will, mit 14 Jahren stand er das erste Mal auf der Bühne, und seit er 20 ist kann er von der Musik leben. Jetzt ist Kiem 35 und nennt als Beruf: Konzertpianist. Doch von den Konzert-Gagen allein kann er noch nicht leben. „Ich unterrichte noch etwa 15 Stunden die Woche. Der Unterricht und die Honorare ermöglichen mir aber ein recht auskömmliches Leben“, sagt Kiem. „Ich kann mir aussuchen, ob oder wo ich auftrete.“ Inzwischen kann er es sich auch leisten, Schüler abzulehnen. „Aber das Unterrichten ist für mich keine unangenehme Notwendigkeit, ich lerne davon viel für meine eigenen Auftritte.“
Auf die Dauer will Johannes Kiem aber die Konzerte zu seiner wichtigsten Einnahmequelle machen. 2013 steht das „Wagner-Jahr“ an, zum 200. Geburtstag und 130. Todestag des Komponisten. Und das Wagner-Jahr wird auch sein Jahr werden, hofft der Pianist. Er spielt auf der Bühne keine Kompositionen anderer Künstler nach, sondern er komponiert sein Klavierkonzert selbst: live und spontan, nach einer Melodie, die das Publikum ihm vorgibt. Die Zuhörer sind baff, wenn er vor ihren Augen und Ohren das Kinderschlaflied „La le lu“ in ein Konzert verwandelt, oder „Waterloo“ von Abba, oder eine Melodie aus der „Muppet Show“.
Was hat das mit Wagner zu tun? Kiem beruft sich auf dessen Harmonien und Modulationstechniken, kombiniert mit den virtuosen Spieltechniken von Franz Liszt. Improvisiert hat Kiem schon immer am Klavier, erst mit Jazz, Funk und Blues, dann wagte er sich an die ersten klassischen Improvisationen. Mit Radiosprechern vertonte er Texte, und auch für Tänzer der Forsythe Company lieferte er eine musikalische Untermalung. „Vor ungefähr zehn Jahren wurde mir klar, wohin meine Reise künstlerisch geht, seither habe ich an meinem Stil gearbeitet und meine Kompositionstechnik entwickelt.“ Lehrer gab es für seine Richtung nicht. „Ich habe auch gelernt, geduldig zu sein. Jetzt merke ich, dass die Dinge sich in die richtige Richtung entwickeln.“
Ulf Muuß, 48 Jahre: Die lebende Vogelscheuche
Ulf Muuß bezeichnet sich selbst als „lebendige Vogelscheuche“. Lukrativ klingt sein Beruf nicht. „Bis vor gut einem Jahr kannte ich ihn selbst nicht.“ Dabei geht es um nicht weniger als die Sicherheit von Leib und Leben. Offiziell ist Muuß eine „Fachkraft für biologische Flugsicherheit“ und dafür verantwortlich, am Flughafen Köln-Bonn Kollisionen zwischen Vögeln und Flugzeugen zu verhindern. Gerät ein Vogel in die Turbine, wird es gefährlich - wie 2009 die Notlandung eines Flugzeugs auf dem Hudson River zeigte.
Selbst wenn der „Vogelschlag“ glimpflich verläuft, kosten die Reparaturen mindestens 15 000 Euro. Dennoch gibt es an den meisten Flughäfen keinen Sicherheitsbeauftragten für Vogelschläge. Die Erfahrung, die Muuß als gelernter Berufsjäger mitbringt, befähigt ihn dazu, die Aufgabe umfassend anzugehen und rechtfertigt eine eigene Stelle. Muuß verdankt den Job aber vor allem seiner Frau, die eine Stellenanzeige in einer Jäger-Zeitschrift entdeckt hatte.
Buchstäblich verscheucht werden die Vögel nur in äußersten Notsituationen. „Einmal standen über 30 Kraniche auf einer Landebahn“, berichtet er. Während das im Anflug befindliche Flugzeug Schleifen flog, raste Muuß mit einem Auto auf die gesperrte Fläche, feuerte eine Schreckschusspistole ab und ließ seinen Hund los, um die Vögel zu vertreiben.
Aber die meiste Zeit arbeitet Muuß dagegen, dass sich Bussard oder Falke überhaupt am Flughafen aufhalten. Hierzu jagt er Mäuse und fängt Kaninchen ein, die er andernorts aussetzt. Vier Stunden täglich durchstreift er die 600 Hektar Grünfläche - für ihn ein Traumjob. „Mit 48 bin ich froh, dass ich etwas mache, dass spannend ist und körperlich nicht so anstrengend wie meine frühere Arbeit.“ Die menschliche Vogelscheuche verdient deutlich mehr als herkömmliche Berufsjäger.
Mathias Winks, 38 Jahre: Der Blogger
Mathias Winks war in diesem Jahr dreimal in Los Angeles, er ist nach Mauritius geflogen, nach Melbourne und Las Vegas. Trotzdem wird er immer noch gefragt, ob er vom Bloggen eigentlich leben kann.
Online kennt man Winks als MC Winkel, seit 2004 schreibt er auf whudat.de, seine Seite gehört zu den deutschen Top-50-Blogs, jeden Monat wird sie von etwa 350 000 Menschen gelesen. Winks schreibt dort über Lifestyle-Themen, er dreht Videos mit Musikern wie Max Herre, empfiehlt neue Sneaker-Marken oder schreibt über Streetart an den Wänden von New York.
Was als Nebenprojekt begann, ist inzwischen Winks Lebensunterhalt. Im September 2009 hat er sich selbständig gemacht, nach 15 Jahren als Angestellter. Anfangs noch mit Gründerzuschuss vom Arbeitsamt unterstützt, macht er heute in guten Monaten einen fünfstelligen Umsatz. In anderen Monaten verdient er dann auch mal nur 2000 Euro, je nachdem, wie viele Kooperationen mit Firmen er in seinem Blog unterbringt. Dass man mit Blogs Geld verdienen kann, das hat Winks 2006 das erste Mal gemerkt. Damals bot ihm Opel ein Auto zum Testen und eine Bezahlung fürs Bloggen an. Seitdem tauchen immer wieder „Advertorials“ in seinem Blog auf, zum Beispiel verlost Winks Oreo-Kekse zum Start der Einführung auf seinem Blog und schreibt darüber.
“Den Lesern ist klar, dass das irgendwie PR ist“, sagt Winks. Aber es würde ja auch niemand ernsthaft glauben, dass er privat im Supermarkt Kekse kauft, um die zu verlosen. Außerdem seien seine Angebote keine plumpe Werbung, sondern immer mit seinem persönlichen Schreibstil und seiner eigenen Meinung verbunden.
Ohnehin machen solche Aktionen nur knapp fünf Prozent der Seite aus, den Großteil seiner Arbeit widmet Winks dem Durchforsten des Internets nach interessanten Seiten, Künstlern oder Videos. Alle zwei Stunden soll ein neuer Post auf der Seite stehen. Mit lässigem Sprachstil zieht er die Leser an, mit seiner Reputation die Geschäftspartner. So machen Werbebanner auf der Seite nur rund ein Drittel seiner Einnahmen aus.
Viola Tensil, 33 Jahre: Die Computerspiel-Testerin
Wenn Viola Tensil sagt, dass sie beruflich Spiele testet, hört sie oft die Antwort: „Das ist doch gar kein richtiger Job!“ oder „Wie soll man denn davon leben?“ Denn Computerspiele sind zwar teuer, bleiben aber für die Spieler meist eine Freizeitbeschäftigung. Schüler und Studenten testen sie liebend gerne, ohne Geld dafür zu verlangen. Schwer vorstellbar also, dass jemand mit diesem Hobby Geld verdient.
Aber für Viola Tensil funktioniert es. Sie daddelt mit Leidenschaft, seit ihrer Kindheit. Jetzt hat sie einen Traumjob, findet sie: „Ein Videospiel ist wie ein guter Film, der einen richtig packt.“ Bekannt wurde Tensil als Moderatorin einer Computerspiel-Show auf einem kleinen Fernsehkanal. Als ihr klar wurde, dass ihr Urteil in der Spiel-Branche gefragt ist, machte sie sich selbständig. Heute hat sie sich in der von Männern dominierten Branche einen Namen gemacht. „Es war nicht leicht, männliche Kollegen davon zu überzeugen, dass ich was drauf habe. Aber wenn man sie ein paar mal am PC schlägt, erntet man schnell Anerkennung.“ Tensils Honorar zahlen aber nicht die Entwickler der Spiele. „Als Tester muss man neutral sein. Schließlich gibt es auch Spiele, die wirklich schlecht sind“, sagt Tensil. Sie verdient ihr Geld damit, ihr Urteil über ein Spiel an verschiedene Medien zu verkaufen. Tensil beurteilt Grafikqualität, Spannung oder Vertonung und fasst die Bewertung in einem Text zusammen.
Wie viel Tensil so verdient, verrät sie nicht. Nur so viel: Für ein qualifiziertes Urteil über ein Spiel kann man rund 200 Euro verlangen. Bei vier Spielen die Woche kommt so einiges zusammen, zumal sich eine Bewertung an mehrere Auftraggeber verkaufen lässt.
Überwiegend schreibt Tensil für die Website spielfalt.de - eine Seite speziell für Eltern, die wissen wollen, ob ein Spiel für Kinder geeignet ist. Doch sie schreibt auch für ihre eigene Website.
Siegfried Kuderer, 56 Jahre: Der Taxifahrer
Die Messezeit ist eine gute Zeit für Siegfried Kuderer. Dann sind mehr Menschen in der Stadt, die mit dem Taxi fahren wollen. Acht Euro pro Fahrt kostet es von den Messehallen ins Zentrum, eine halbe Stunde muss er im Schnitt auf einen neuen Fahrgast warten. Das ist nicht optimal, aber besser als die normalen Tage für den Taxifahrer - wenn am Flughafen 200 Autos vor ihm in der Schlange stehen und er zwei Stunden warten muss, bis er jemanden in die Stadt kutschieren darf.
Doch, leben könne er vom Taxifahren schon, sagt Kuderer. Nicht umsonst gilt sein Beruf als Rettung für Menschen, die von ihrem eigentlichen Traumberuf nicht leben können. Aber Kuderer schlägt sich von Tag zu Tag durch. Wichtig ist ihm, dass sein Konto immer im Plus ist und er eine Rücklage für Reparaturen am Auto hat. „Aber, so kann ich nur leben, weil ich keine Kinder habe und kein Haus abbezahlen muss.“ Außerdem läuft es für ihn besser, seit er sich 1996 selbständig gemacht hat. Von seinem Umsatz muss er nichts an ein Taxiunternehmen abdrücken. Kuderer genießt die Selbständigkeit auch, weil er sich seine Zeit frei einteilen kann. Will er Freitags nicht arbeiten, fährt er eben in der Woche drauf länger.
Ohnehin ist sein Taxifahrer-Leben geprägt vom Zufall: Vergangene Woche wollte ein Fahrgast nach Mannheim, das waren 120 Euro für den Fahrer. Ebenso kommt es vor, dass Kuderer zwei Stunden wartet, um nur eine Fahrt für zehn Euro zu machen. Um für die Rente zu sparen, dafür reicht das Geld nicht. Kuderer hat Angst davor, mit einer mickrigen Rente noch von der staatlichen Grundsicherung abhängig zu sein. In solchen Momenten ärgert er sich, sein Studium fürs Taxifahren abgebrochen zu haben.