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Ausgleichsport Manager im Ring

18.04.2005 ·  Golfplatz war gestern. Boxen heißt der neue Trendsport für die Führungskräfte. Sie schlagen sich in Luxushotels. Auch Frauen machen mit.

Von Alexander Mühlauer
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Anzug, Hemd und Krawatte legen Oliver Platt und Alex Manson ab, bevor sie in den verwinkelten Keller hinabsteigen. Aus den Hochhausetagen sind sie gekommen, um jetzt im Untergrund der Frankfurter Innenstadt zu kämpfen.

Neonröhren werfen kaltes Licht auf den Boxring. Fenster gibt es keine. Alte Kabel hängen von der Decke. Auf dem abgewetzten Parkettboden belauern sich die beiden Männer. Boxhandschuhe verdecken ihre verschwitzten Gesichter. So lange, bis einer zum ersten Schlag ausholt.

Hier boxte schon Muhammad Ali

Platt, 34, und Manson, 35, boxen sooft es geht in der Sportschule Petrescu. Hier trainierte schon Muhammad Ali, der damals noch Cassius Clay hieß, als er 1966 im Frankfurter Waldstadion seinen Weltmeistertitel gegen Karl Mildenberger durch K.-o.-Sieg verteidigte.

Das Ziel der beiden Manager ist es, bei einem Kampf des "Real Fight Clubs" in London zu boxen. "The Real Fight Club" ist eine Vereinigung von rund 1.600 boxenden Managern. Mehrmals im Jahr läßt der Club Führungskräfte in Luxushotels vor 1.000 Zuschauern in den Ring steigen. Auch Frauen boxen gegeneinander. Während es sich die Gäste bei Champagner und Gänseleber gutgehen lassen, schlagen sich die Manager zweimal drei Minuten für einen wohltätigen Zweck. Alle Einnahmen des Abends werden gespendet.

Der Boxstall wird zum neuen Golfplatz

Eigentlich sollten am kommenden Samstag englische gegen deutsche Manager in einem noblen Hotel an der Themse boxen. "Eine exklusive Galaveranstaltung für Schlagkräftige", versprach der Flyer des Fight Clubs. Doch von ursprünglich acht Deutschen sagten vier ab. "Einer hat sich die Rippe gebrochen, der andere muß auf Geschäftsreise. Die Deutschen fühlen sich einfach noch nicht fit genug, um zu kämpfen", sagt Adrian King, Initiator des Londoner Kampfclubs. "Im Herbst wollen wir endlich ein Box-Event nach Frankfurt bringen."

In Großbritannien und den Vereinigten Staaten boomt "White collar boxing" (Weiße-Kragen-Boxen). Für viele Banker, Anwälte und Börsianer ist der Boxstall zum neuen Golfplatz geworden.

Boxen wirkt befreiend

"Die Manager kämpfen nicht, um sich umzubringen", sagt King, "sie müssen ja am nächsten Tag wieder ins Büro. Und die meisten von ihnen haben Familie." Das sieht auch Ray Arnold, Personal Trainer von Platt und Manson, so: "Wir boxen nicht, um uns die Nase zu brechen, sondern um Kondition, Technik und Konzentration zu verbessern."

Obwohl es in Deutschland nicht die Boxtradition wie in England gibt, treibt es auch hierzulande immer mehr Führungskräfte in die Box-Gyms. "Boxen ist ein sehr intensiver Sport. Im Ring kann man sich nicht verstecken", sagt Manager Platt. Und sein Sparringspartner Manson meint: "Boxen wirkt befreiend. Es ist der perfekte Ausgleich zum Job."

Boxen als diagnostisches Medium

Dennoch: "Bei uns stellen sich viele die Frage: Was denken die anderen über mich? Und wenn der Chef das nicht macht, boxe ich auch nicht", sagt Kai Hoffmann. Er trainiert zweimal pro Woche Manager im Neu-Isenburger Kampfsportclub "Seishin" am Stadtrand Frankfurts.

Hoffmann hat aus dem Boxsport ein Geschäft gemacht und ein Buch ("Boxen & Managen") geschrieben. "Boxen ist für mich ein diagnostisches Medium", sagt der studierte Philosoph und Psychoanalytiker. Er bietet Führungskräften Boxcoaching an.

Wartete er ab, boxt er drauflos, traut er sich zuzuschlagen?

Im Ring will Hoffmann Stärken und Schwächen des Managers erkennen, die sich auch im Beruf zeigen. Er analysiert, wie sich sein Gegenüber verhält: Traut er sich nicht zuzuschlagen? Wartet er ab, bis der Gegner den ersten Schlag macht? Boxt er ohne Ziel drauflos? Entschuldigt er sich, wenn er den Gegner getroffen hat?

Vor der ersten Runde im Boxstall sitzt der Kunde wie beim Psychiater auf der Couch und spricht über seine Ziele und Werte. Danach geht es für gut eine Stunde in den Ring. Hoffmann bringt dem Kunden Grundtechniken bei und beginnt, mit ihm zu boxen. "Man muß im Ring immer präsent sein. Wichtig ist es, im richtigen Moment zu kontern oder in die Offensive zu gehen - das ist wie im Job", sagt ein Risikomanager einer deutschen Großbank, der das Boxcoaching hinter sich hat.

Erfolge durch Boxcoaching

"Beim Boxen muß man Charakter zeigen", ist Hoffmann überzeugt. Vom Verhalten im Ring zieht er Schlüsse auf das Berufsleben. Für drei Beratungen auf der Couch und zwei "Sitzungen" im Boxring verlangt Hoffmann rund 1000 Euro.

Sein Boxcoaching hat bereits Anhänger gefunden: "In meinem Job sagte ich oft nicht direkt, was mich wirklich stört. Ich packte meinen Unmut in Fragen, anstatt das Problem direkt anzusprechen", sagt Dino Gallo, Manager aus Bayern. "Jetzt spreche ich mit meinen Mitarbeitern offen und teile ihnen meine Gefühle mit. Das ist definitiv durch das Boxcoaching rausgekommen."

Anmaßend? - Neue Tugenden beim Boxen lernen

Roland Suttner, Chef der Münchner "Boxfabrik", sieht Hoffmanns Geschäftsidee sehr kritisch: "Manager sind von Grund auf entscheidungsfreudig und erfolgreich. Diese Tugenden findet man beim Boxen wieder. Daß andersherum Führungskräfte beim Boxen neue Tugenden lernen - das finde ich anmaßend. Da überschätzen wir uns im Vergleich mit anderen Sportarten."

Auch zu Suttner kommen Manager - von BMW oder der Allianz. Doch "Manager" mag er sie nicht nennen. In seiner "Boxfabrik" bietet er "Boxen über 30" an. Daß Boxen Trend ist, freut ihn, aber: "Wir wollen hier keine Schicki-Mickis haben. Bei uns trainieren auch 60 Frauen. Aber nur solche, die Boxen als Sportart auch wirklich lernen wollen."

In deutschen Vorstandsetagen ist Boxen noch immer die Ausnahme. Dennoch sind ehemalige Amateurboxer wie Maserati-Boß Karl-Heinz Kalbfell und WestLB-Chef Thomas Fischer davon überzeugt, in ihren Boxzeiten wichtige Lebensweisheiten gelernt zu haben. Er habe oft genug auf die Schnauze bekommen, sagt Fischer. Boxen habe so einen "starken Bezug zum Leben". Kalbfell lernte, wann es Zeit ist, den Gegner anzugreifen und auszuteilen. Und wann es besser ist, zwei Schritte zurückzugehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 45
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