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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausblick auf Realeinkommen Mehr Geld in der Tasche

 ·  Höhere Löhne, niedrigere Steuern: Das neue Jahr fängt für viele Arbeitnehmer in Deutschland gut an und auch die Aussichten sind durchaus zufrieden stellend. Wenn die Euro-Krise bloß keinen Strich durch die Rechnung macht.

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Keine schlechte Nachricht zum Start eines neuen Jahres: 2012 haben die Deutschen mehr Geld in der Tasche. Nicht gerade Millionen - aber immerhin 413 Euro pro Kopf. Das jedenfalls hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK Geo-Marketing) ausgerechnet, die jedes Jahr zum Jahreswechsel alle verfügbaren Erkenntnisse und Prognosen auswertet, um die Kaufkraft der Deutschen im neuen Jahr zu ermitteln. Im Vergleich zu früheren Jahren ist das schon ganz ordentlich.

Die Richtung ist klar

Die meisten Ökonomen, die Gewerkschaften und der Sachverständigenrat der "Fünf Weisen" kommen in der Tendenz zu einem ähnlichen Ergebnis. Im Detail unterscheiden sich die Prognosen, die grobe Richtung aber ist klar: "Die Arbeitnehmer werden im Durchschnitt des nächsten Jahres netto etwas mehr in der Tasche haben, wenn auch nicht viel", sagt Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrates.

Der wichtigste Grund: Die Löhne und Gehälter in Deutschland sind durch die Tarifabschlüsse im vorigen Jahr, aber auch durch individuelle Vereinbarungen in vielen Betrieben, zum ersten Mal seit langem wieder deutlich gestiegen.

Die Bruttolöhne dürften weiter zulegen

Zwar stehen demnächst in mehreren wichtigen Branchen, darunter der Metall- und Elektroindustrie, Tarifverhandlungen mit natürlich unbekanntem Ausgang bevor. Aber die Tarifabschlüsse aus dem vorigen Jahr wie der in der Chemischen Industrie (plus 4,1 Prozent) und der Stahlindustrie (plus 3,8 Prozent) haben das Lohnniveau in Deutschland erstmals seit längerem merklich angehoben. Vieles davon wirkt 2012 weiter - und sorgt dafür, dass die Menschen, aufs Jahr gerechnet mehr verdienen als im vergangenen Jahr, als die Löhne noch nicht so hoch waren.

Doch das ist nicht alles. Noch stärker als die Tariflöhne sind im vergangenen Jahr die Einkommen der Angestellten gestiegen, die nicht nach Tarif bezahlt werden. Dieser Anstieg werde sich in diesem Jahr vermutlich etwas abschwächen - aber doch noch spürbar sein, meint Hagen Lesch, Tarifexperte des arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. "Die Entwicklung der Effektivlöhne hängt vor allem davon ab, wie scharf die Unternehmen um Fachkräfte konkurrieren und deshalb bereit sind, höhere Löhne zu zahlen." Insgesamt schätzen Ökonomen, dass die Bruttolöhne im Jahr 2012 um 2,6 Prozent zulegen.

Grundsicherung steigt

Mehr Geld bekommen auch die Rentner - und sogar die Hartz-IV-Empfänger. Rentner erhalten von Juli an rund 2,3 Prozent (West) und 3,2 Prozent (Ost) mehr. Hartz IV steigt bereits zum Jahreswechsel, wenn auch nur um zehn Euro.

Neben den höheren Löhnen sorgt ein zweiter Faktor dafür, dass die Deutschen mehr Geld in der Tasche haben: Es gibt Steuererleichterungen. Auch dabei geht es nicht um ganz große Beträge, aber viele dürften sie trotzdem wahrnehmen. Unter anderem steigt die Werbungskostenpauschale für Berufstätige von 920 auf 1000 Euro. Unter dem Strich können die Arbeitnehmer sich auf bis zu 124 zusätzliche Euro durch die kleinen Steuererleichterungen freuen.

Steigen die Preise stärker als die Löhne?

Die große Frage nun ist: Wie viel von dem, was die Deutschen durch höhere Löhne und niedrigere Steuern zusätzlich in der Tasche haben, wird durch die Inflation wieder aufgefressen? Sind nicht zuletzt Lebensmittel von Zucker bis Gemüse sowie Strom und Benzin schrecklich teuer geworden? Sorgte nicht die verstärkte Nachfrage aus China dafür, dass Rohstoffe knapp und teuer wurden?

In der Vergangenheit war es oft so, dass die Preise für viele Dinge in Deutschland stärker stiegen als die Löhne. Dann konnten die Menschen sich für mehr Geld weniger kaufen. Ökonomen sprechen in einem solchen Fall von "negativen Reallöhnen". Die gab es in Deutschland zuletzt selbst im Aufschwung bisweilen.

Für das Jahr 2012 aber erwarten die meisten Ökonomen keine besonders hohe Inflation - auch wenn sie einräumen, dass es in dieser Frage eine besonders hohe Unsicherheit gibt. 1,9 Prozent ist die offizielle Prognose der Bundesbank, auch Sachverständigenrat und Bundesregierung teilen diese Einschätzung. Das wäre weniger als die Steigerung der Löhne.

Viele Leute trauen Politikern und Ökonomen nicht

Woran liegt das? Die Weltwirtschaft kühlt sich insgesamt ab, so die verbreitete Erwartung. Und das hat zur Folge, dass die Industrie weniger Rohstoffe und weniger Energie braucht. Die Nachfrage sinkt tendenziell. Und die Preise steigen dann zumindest nicht mehr so kräftig weiter, wie das im vergangenen Jahr der Fall war.

Mit dieser Prognose stehen die Ökonomen in krassem Gegensatz zu den Befürchtungen der Bevölkerung. So hat eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Bank of Scotland gerade ergeben: Jeder zweite Deutsche erwartet in diesem Jahr eine kräftige Erhöhung der Preise, deutlich mehr Menschen als noch vor einem Jahr. Viele Leute trauen Politikern und Ökonomen offenbar nicht, die sagen, die Inflation habe man im Griff.

Die große Befürchtung vieler Menschen ist schließlich, dass die weltweite Schuldenkrise und die Krise des Euro zu höherer Inflation führen. Ganz abwegig ist das nicht: Wenn die Staaten versuchen, sich ihrer Schulden zu entledigen, indem sie Geld drucken, steigt die Inflationsgefahr. Auch wenn die Europäische Zentralbank immer mehr Anleihen notleidender Euro-Staaten aufkaufen muss und die Sache nicht im Griff behält, kann es eine kräftige Inflation geben. Der frühere Bundesbankpräsident Axel Weber ist wegen solcher Befürchtungen zurückgetreten.

Angst vor hoher Inflation „nicht ganz unbegründet“

"Die Angst vor einem künftigen Anstieg der Inflation ist nicht ganz unbegründet", sagt IW-Ökonom Hagen Lesch. "Allerdings halte ich das eher für ein mittelfristiges Phänomen." Auf Dauer könne es durchaus passieren, dass die Preise kräftiger steigen, als die Deutschen bislang gewohnt sind - aber dieses Phänomen werde stärker in künftigen Aufschwüngen spürbar, als in Phasen der Abkühlung. "Also noch nicht in diesem Jahr."

Für die Frage, ob die Deutschen 2012 mehr in der Tasche haben als 2011, ist die Frage der Inflation sehr wichtig: Liegt die Inflation unter zwei Prozent, dann können die Deutschen für ihre höheren Löhne auch tatsächlich mehr kaufen. Liegt sie dagegen bei beispielsweise drei Prozent, können sie sich weniger leisten.

Noch schlimmer könnte es natürlich kommen, wenn es tatsächlich den großen Crash der Eurozone geben sollte. Ein Fall, den Ökonomen als "unwahrscheinlich, aber nicht vollkommen auszuschließen" bezeichnen. Aber nach einem Crash wären sinkende Reallöhne vermutlich noch das kleinste Problem.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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