12.01.2012 · Wenn ein Kind kommt, sorgen sich viele Frauen um ihre berufliche Zukunft. Andere nutzen die Elternzeit und machen sich selbständig.
Von Judith LembkeWenn Karina Bizzi zur Arbeit kommt, zieht sie sich warm an. Sie hat ihre beiden Töchter in den Kindergarten gebracht, danach wieder einmal auf der Ausfallstraße im Stau gestanden und ist nun in Eile. Sie streift eine Skijacke über ihr ärmelloses T-Shirt, tauscht ihre Turnschuhe gegen Lammfellstiefel und verschwindet im Kühlraum. Aus dem einstigen Tresorraum der ehemaligen Bundesbankdruckerei in einem Gewerbegebiet im Osten Frankfurts holt sie nun ihren Schatz: Vanille-, Schoko-, Mandel-Kardamon-Eis und Orangen-Minze-Sorbet, hergestellt aus biologischen Zutaten, in knalligen Farben verpackt.
Aus dem Nebenraum schallt laute Elektromusik. Wo früher D-Mark-Scheine gedruckt wurden, gießt ein Mitarbeiter kiloweise Quark in die Eismaschine. Karina Bizzi hat eine Idee für eine neue Sommersorte, die nun ausprobiert wird. Die zierliche Frau mit den langen blonden Haaren und den dunkel lackierten Fingernägeln kontrolliert noch schnell die Rührmaschine, wechselt ein paar Worte mit ihrem Schwiegervater, der mit scheinbar stoischer Ruhe Etiketten auf Eisbecher klebt, und schließt dann die Tür zu ihrem Büro. Sie setzt sich zwar auf ihren Schreibtischstuhl, aber nur auf das vordere Drittel, ganz so, als rechne sie damit, jederzeit wieder aufspringen zu müssen.
Bis vor kurzem war Bizzi Ice ein Ein-Frau-Betrieb. Produktion, Werbung, Auslieferung, alles hat Karina Bizzi allein gemacht und abends, wenn die Kinder im Bett waren, noch die Buchhaltung. Oft haben ihre beiden Töchter im Büro gespielt, während sie an der Eismaschine stand, die selbstgemalten Bilder an den Wänden zeugen davon. "Am Anfang sind die Kinder vor lauter Arbeit ein bisschen untergegangen", sagt Bizzi. Trotzdem bereut sie es nicht, sich kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter selbständig gemacht zu haben: "Immer wenn ich mein Eis in den Händen halte, denke ich, ,wow' das hast du selbst gemacht!" Und auch Tochter Elena platzt immer fast vor Stolz, wenn der ganze Kindergarten zum Probeessen einer neuen Sorte eingeladen wird. Zwar träume sie manchmal von einem geregelten Arbeitstag von 9 bis 14 Uhr und Spielplatz-Nachmittagen mit ihren Kindern. Gleichzeitig weiß sie jedoch, dass dieser Wunsch mit ihrem früheren Arbeitsplatz unvereinbar wäre. "Als ich schwanger wurde, war mir klar, dass es keinen Weg mehr zurück gibt", erzählt sie. Zu häufig hat sie beobachtet, dass es für Frauen mit Kindern in der Werbebranche, wo sie früher tätig war, nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder so weiterzuarbeiten wie bisher oder auf Teilzeit umzustellen - und damit auf dem Abstellgleis zu landen. Beides wollte Bizzi nicht. Außerdem sei sie in der Schwangerschaft "emotional anders gepolt gewesen", sagt sie: "Ich wollte etwas Greifbares machen."
Die Idee, ein Unternehmen für Bio-Eis zu gründen, entstand aus ihrem eigenen Bedürfnis. In der Schwangerschaft hatte sie andauernd Heißhunger auf Süßes, probierte sich von Eisdiele zu Eisdiele - und wurde immer wieder enttäuscht. "Was ich dort bekam, hatte nichts mit dem zu tun, was wir aus Italien kennen." Von dort stammt ihr Mann, der selbst ein Cateringunternehmen besitzt, und auch ein Großteil der Rezepte für Bizzi-Ice. Ihr Mann unterstützte sie auch bei ihrem Vorhaben, ein eigenes Unternehmen zu gründen - eine Grundvoraussetzung dafür, dass es mit der Selbständigkeit in der Elternzeit klappt.
„Wenn die Männer dagegen sind, haben die Frauen kaum Aussicht auf Erfolg“, sagt Stefanie Bathe, die als Betreuerin schon mehrere Frauen in die Selbständigkeit begleitet hat. Ihrer Ansicht nach ist die berufliche Auszeit, die sich die meisten Frauen nach der Geburt eines Kindes nehmen, ein guter Zeitpunkt, um diesen Schritt zu wagen. Schließlich sei die Familiengründung ohnehin eine Zeit des Umbruchs, und während der mehrmonatigen Babypause hätten Frauen im Idealfall Zeit, darüber nachzudenken, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen. Bathe rät den Frauen dazu, zunächst darauf zu schauen, was sie wirklich machen wollen, und nicht darauf, was sie vermeintlich am besten können. Er später sollte man die Ideen dann auf ihre Praxistauglichkeit überprüfen. Als größte Gefahr hat sie beobachtet, dass die Frauen sich nach der Geburt ihres Kindes überfordern, weil sie meinen, beweisen zu müssen, dass sie trotz Doppelbelastung noch genauso schnell Karriere machen. "Dabei bekommen Mütter mit der Zeit von allein einen langen Atem - eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Selbständigkeit."
Diese Erfahrung hat auch Karina Bizzi gemacht. Obwohl der Wunsch, mehr Zeit für die Kinder zu haben, ein Grund für die Firmengründung war, seien ihre beiden Töchter in der ersten Zeit zu kurz gekommen, sagt die Unternehmerin. Direkt nach der Geburt ihres ersten Kindes bemühte sie sich um die Finanzierung ihrer Geschäftsidee. Tochter Elena hatte sie sich bei den Bankterminen in einem Tuch vor den Bauch gebunden. Doch mit dem Kredit klappte es erst, als ihr Ehemann sie zu den Terminen begleitete: "Einer jungen Mutter allein wollte keine Bank Geld leihen", sagt sie in einem Tonfall, der die Frustration der Anfangszeit ahnen lässt. Als das erste Eis produziert wurde, schlief ihre jüngere Tochter Tosca in der Autoschale im Nebenraum. Nach Feierabend war die Jungunternehmerin dann meist zu kaputt, um noch mit den beiden Töchtern zu spielen. Das schlechte Gewissen wurde zum ständigen Begleiter. Mittlerweile zwingt sie sich zu festen Arbeitszeiten und sie hat sich im Sommer auch ein paar Wochen Urlaub - allerdings mit Laptop - gegönnt. Trotz der hohen Belastung will sie mit ihren angestellten Freundinnen nicht mehr tauschen: "Ich arbeite selbstbestimmt und muss keinen fragen, wenn ich zu Hause bleibe, weil meine Kinder krank sind."
Es ist die Möglichkeit, sich die Zeit frei einteilen zu können, die für junge Mütter den Reiz einer Selbständigkeit ausmacht. Gleichzeitig haben vor allem hochqualifizierte Frauen Sorge, in ihrem alten Beruf zurückgestuft zu werden, nur noch als „Teilzeit-Mami“ zu gelten, und ziehen deshalb die Unternehmensgründung einer Festanstellung vor. Statt über verbaute Karrierewege zu lamentieren, schaffen sie sich selbst neue.
„Ich habe meinen alten Job geliebt, aber mir war von Anfang an klar, dass er mit Kindern nicht zu vereinbaren sein würde", sagt Jacqueline Schwope. Die gebürtige Schweizerin sagt das ohne Bitterkeit. Sie sitzt in einem Frankfurter Café und nimmt langsam einen Schluck von ihrem frischen Pfefferminztee, bevor sie weiterspricht. Sie strahlt die Gelassenheit eines Menschen aus, bei dem es auf fünf Minuten nicht ankommt. Das war früher anders. Bevor sie Mutter wurde, war Schwope für das Marketing bei der Bildagentur Getty verantwortlich. Unter der Woche ständig auf Dienstreise, pendelte sie am Wochenende von München, wo sie arbeitete, nach Frankfurt, wo ihr Mann lebte.
Schon immer habe sie gewusst, dass sie einmal Kinder haben möchte, sagt sie. Schwope wusste aber auch, wie ihre Zukunft auf keinen Fall aussehen sollte. Dabei hatte sie zwei Negativszenarien im Kopf: Einerseits wollte sie nicht zu den Frauen gehören, die mit Mitte 40 nach dem dritten Glas Rotwein ihre Stimmen senken und sagen: "Mir blieb ja gar nichts anderes übrig, als Karriere zu machen", um dann zu sinnieren, wann sie den Zeitpunkt verpasst haben, eine Familie zu gründen oder auch nur einen Mann kennenzulernen, mit dem das möglich gewesen wäre.
Genauso wenig wollte Schwope aber nach der Babypause in ihr altes Unternehmen zurückkehren, um in Teilzeit eine Assistentinnenstelle auszufüllen, wo sie Vollzeit eine Führungsposition innehatte. "Ich wollte Zeit für meine Kinder haben, aber halbtags hätte mein Job nicht funktioniert", sagt sie. Schwope wählte einen dritten Weg. Sechs Monate nach der Geburt ihrer ersten Tochter machte sie sich mit Motherworld, einer Agentur für Kinderbetreuung, selbständig. Ebenso wie bei Karina Bizzi ergab sich auch Jacqueline Schwopes Geschäftsidee aus dem Gefühl eines eigenen Mangels. Gemeinsam mit zwei Freundinnen stellte sie sich die Frage, wie sie Familie und Beruf einmal vereinbaren würden. Immer wieder fiel den drei Karrierefrauen auf, dass das Fehlen qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung ein Knackpunkt sein werde - vor allem in der Schweiz, die Schwope in dieser Hinsicht als "Entwicklungsland" beschreibt, aber auch in Deutschland. "Nur wenn Mütter ihre Kinder gut betreut wissen, können sie auch vernünftig arbeiten" ist sie überzeugt.
Ihre Idee begann sie kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes zu verwirklichen, erst gemeinsam mit ihren Freundinnen, dann allein. Während die Tochter schlief, schrieb sie ihren Businessplan, später engagierte sie halbtags eine Tagesmutter. Die Gründung der Agentur finanzierte sie ausschließlich mit Eigenkapital, Gespräche mit Investoren scheiterten. "Ich will selbst bestimmen."
Obwohl sie sich ein Leben als Angestellte nicht mehr vorstellen kann, habe sie zwischendurch öfter überlegt, alles hinzuschmeißen, gibt Schwope zu. "Man muss Durchhaltevermögen haben und gut allein sein können", resümiert sie nach mehreren Jahren Selbständigkeit. Die Geburt ihrer zweiten Tochter sei ein Wendepunkt gewesen: "Ich musste mich entscheiden, ob ich es lasse oder noch einmal richtig durchstarte." Sie entschied sich für die zweite Variante. Mittlerweile gibt es den Service von Motherworld nicht mehr nur im Rhein-Main-Gebiet, sondern in mehreren deutschen Städten, das Angebot wurde ausgeweitet.
Bis dahin hat Ute Vöcking noch einen weiten Weg vor sich. Sie hat gerade erst angefangen, eine Beratung für Unternehmen, die sich sozial engagieren wollen, aufzubauen. Doch eines hat sie schon festgestellt: "Die Selbständigkeit ist ein großer Gewinn an Lebensqualität." Endlich könne sie selbst entscheiden, am Nachmittag zur Theateraufführung ihrer Tochter zu gehen und dafür am Abend weiterzuarbeiten.
Die Frage, wie sich Familie und Beruf miteinander vereinbaren lassen, beschäftigt die Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur und der dunkel gerahmten Brille schon seit dem Studium. Nach dem Abschluss hat sie in einer Agentur unter anderem das Bundesfamilienministerium zu diesem Thema beraten und wurde beim "Verband berufstätiger Mütter"aktiv. Auch bei der Partnerwahl spielte die Möglichkeit der "Vereinbarkeit", wie Vöcking das Miteinander von beidem nur nennt, eine Rolle: "Ich wollte immer einen Mann haben, mit dem ich mir die Kindererziehung teilen kann", sagt sie. Obwohl bei Vöcking die Bedingungen, als Mutter engagiert weiterzuarbeiten, sehr viel besser waren als bei vielen anderen, stieß sie nach der Geburt ihrer Töchter an Grenzen - trotz der Hilfe ihres Mannes und der Arbeit in einer Agentur, die sich auf die Beratung zu Möglichkeiten der "Vereinbarkeit" spezialisiert hat. Doch als Ute Vöcking nach der Geburt ihrer ersten Tochter aus der Elternzeit zurückkehrte, zeigte sich, wie schwer Termindruck und Kundenwünsche auf der einen Seite mit Kindergarten-Abholzeiten und Windpocken auf der anderen Seite zu vereinbaren sind. "Wir haben zwar einen Kita-Platz bezahlt bekommen, aber wenn ich wegen meiner kranken Tochter kurzfristig Termine absagen musste, wurde es problematisch", erinnert sich Vöcking.
Dass in vielen Unternehmen Leitbild und Umsetzung immer noch stark auseinanderfallen, hat Vöcking auch in ihrer Verbandsarbeit erlebt. Zwar hätten sich viele Firmen die Förderung von berufstätigen Müttern mittlerweile auf die Fahnen geschrieben. In der Realität würden Frauen jedoch häufig zurückgestuft oder auch gekündigt, sobald sie aus der Elternzeit zurückkehrten. Da sich die Bedürfnisse der Kinder nicht verändern ließen, müssten sich die Arbeitsbedingungen anpassen, fordert Vöcking. "Nicht die Öffnungszeiten der Kindergärten müssen sich ändern, sondern die Arbeitszeiten."
Mit der Entscheidung, von Köln nach Hamburg zu ziehen, kam auch der Entschluss, sich selbständig zu machen. "Mich hat diese Rolle schon immer gereizt, ich hatte aber auch Respekt davor." Vöcking glaubt, dass die Erfahrungen als Mutter ihr auch das Selbstvertrauen gegeben haben, diesen Schritt zu gehen. Mit Kindern lerne man zum Beispiel, klar zu kommunizieren - in der Sache deutlich, im Ton nicht zu dominant. Davon profitiere sie auch im Umgang mit Kunden. Im Moment arbeitet Vöcking von zu Hause aus: vormittags, wenn die Töchter in Schule und Kindergarten sind, und an zwei Nachmittagen. Dann kümmert sich ihr Mann um die Kinder. Trotz fester Regeln sei es manchmal schwer, sich abzugrenzen, hat sie festgestellt. "Wenn man zu Hause arbeitet, wird irgendwie auch immer erwartet, dass man die Hausarbeit nebenbei macht." Dabei sei eine strikte Unterscheidung zwischen Arbeits- und Kinderzeit eine Grundvoraussetzung dafür, dass es mit der Selbständigkeit am heimischen Schreibtisch klappe. Denn kein Bild sei trügerischer, als das einer Frau, die im linken Arm ein Baby halte und mit der rechten Hand die Computermaus bediene. "Gerade als Selbständige müssen Arbeit und Kinder getrennte Bereiche sein", sagt Vöcking. Sonst bleibe das eigene Unternehmen ein bezahltes Hobby.
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