16.02.2012 · Hamburg investiert in Hapag-Lloyd 420 Millionen Euro. Die Aktion passt nicht zum Versprechen, den hoch verschuldeten Haushalt in Ordnung zu bringen. Vor allem aber ist sie überflüssig, vielleicht sogar schädlich.
Von Johannes RitterHamburgs Politiker haben ein großes Herz für die Unternehmen ihrer Stadt. Alle Jahre wieder springen sie mit vielen Steuermillionen in die Bresche. Diese staatskapitalistische Schutzübung hat an der Elbe parteiübergreifend Tradition. 2003 steckte Ole von Beust (CDU) mehr als eine Milliarde Euro in den Kosmetikkonzern Beiersdorf. Der damalige Erste Bürgermeister verhinderte damit den Einstieg des amerikanischen Konsumgüterriesen Procter&Gamble. Als sich der österreichische Industrielle Mirko Kovats 2008 anschickte, Einfluss auf die Hamburger Kupferhütte Aurubis zu nehmen, war Beust ebenfalls zur Stelle: Die Stadt beteiligte sich an Aurubis. Sie wurde so Teil einer Abwehrmauer, die das Unternehmen freilich gar nicht gebraucht hätte: Das Kartellamt durchkreuzte Kovats’ Planungen, worauf sich dieser zurückzog.
Der Sozialdemokrat Olaf Scholz, der seit März vergangenen Jahres mit absoluter Mehrheit in Hamburg regiert, steht seinem Vorvorgänger Beust mit seiner ordnungspolitischen Gewissenlosigkeit in nichts nach. Das zeigt der Fall Hapag-Lloyd. In diese Linien-Reederei, immerhin die größte in Deutschland, investiert Hamburg 420 Millionen Euro. Der Stadtstaat wird so zum mit Abstand größten Aktionär. Wie passt das zu Scholz’ festem Versprechen, nach den Schluderjahren unter Beust den Haushalt der mit fast 26 Milliarden Euro verschuldeten Hansestadt endlich einmal in Ordnung zu bringen? Gar nicht. Aber der frühere Bundesarbeitsminister ist nach eigener Lesart in einer höheren Mission unterwegs: Er muss den Hafen retten.
Der Hafen ist das Rückgrat der Hamburger Wirtschaft. Und Hapag-Lloyd schlägt dort gemeinsam mit seinen Partnerreedereien fast die Hälfte aller Container um. Diese tragende Rolle sieht Scholz in Gefahr. Seine Furcht hat folgenden Hintergrund: Der Reisekonzern TUI darf die Mehrheit von Hapag-Lloyd an einen x-beliebigen Interessenten verkaufen, wenn die übrigen Aktionäre, darunter auch die Stadt und der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, nicht zuvor selbst die Hand heben. Die Reederei könnte daher, so die Sorge, mehrheitlich in den Besitz eines ausländischen Konkurrenten gehen, der dann sogleich den Heimathafen seiner Neuakquisition aus dem Routenplan würfe.
Es lebe der Konjunktiv! Für ein solches Horrorszenario gibt es keine Anhaltspunkte. TUI hat schon im vergangenen Jahr händeringend nach strategischen Investoren für die Reederei gesucht, aber keine gefunden. Nicht etwa, weil Hapag-Lloyd ein schlechtes Unternehmen wäre. Im Gegenteil: Die Container-Reederei hat sich im sehr schwierigen Schifffahrtsjahr 2011 wacker geschlagen. Was die Wettbewerber vor einem Engagement zurückschrecken lässt, sind die Aktionärsstruktur und die Satzung von Hapag-Lloyd. Hamburg und Kühne verfügen gemeinsam schon über eine sichere Sperrminorität. Damit können sie allerhand blockieren. Obendrein haben sie 2009 in der Satzung verankert, dass wichtige Entscheidungen wie eine Fusion oder eine Standortverlagerung mit 90 Prozent der Stimmen gefasst werden müssen.
Das bedeutet: Selbst wenn eines Tages ein strategischer Investor nach der Reederei griffe, hätte die Stadt auch ohne Anteilaufstockung noch genügend Kraft und Einfluss, um standortschützend einzugreifen. Der nun geplante Einsatz in dreistelliger Millionenhöhe ist also schlicht überflüssig. Vielleicht erweist er sich sogar als schädlich. Eine strategische Partnerschaft ist ja nicht per se des Teufels. Auch wenn das in Hamburg keiner hören will: Ein Schulterschluss selbst mit dem vermeintlichen Angstgegner NOL, der 2008 ein Auge auf Hapag geworfen hatte, wäre im Grunde ideal. Diese Singapurer Reederei und Hapag-Lloyd ergänzen einander mit ihrer jeweiligen Aufstellung im Markt. Gemeinsam könnten sie mehr Schlagkraft entwickeln gegenüber den Branchenriesen Maersk und MSC. Doch in Hamburg ist die Angst vor dem Risiko größer als der Mut zur Chance.
Immerhin will der Hasenfuß Scholz Hapag-Lloyd nicht gleich komplett zur Staatsreederei machen. Bei einem späteren Börsengang will der Bürgermeister zumindest einen Teil der Aktien wieder verkaufen. Das ist eine gute Idee. Wie schnell sie in die Praxis umzusetzen ist, steht allerdings in den Sternen. Hapag-Lloyd stand schon mehrmals kurz vor der Börsenpforte, zuletzt im Frühjahr 2011. Doch immer wieder kam in diesem zyklischen Geschäft irgendetwas dazwischen. Jetzt hängt viel davon ab, wie sich der Welthandel und die - zuletzt arg gedrückten - Transportpreise entwickeln.
Je länger Hamburg eine dominierende Position bei Hapag-Lloyd behält, umso größer ist die Gefahr, dass sich staatlicher Mehltau auf das Unternehmen legt. Bei Beiersdorf und Aurubis ist die Stadt inzwischen wieder ganz ausgestiegen. So sollte es Scholz auch bei Hapag-Lloyd halten. Er weiß, dass der Staat nicht der bessere Unternehmer ist. Wenn er die Rolle des stabilisierenden Ankeraktionärs unbedingt besetzt sehen will, sollte er diese an einen privaten Investor abgeben.
Im Dienste der Steuerzahler wäre es wünschenswert, dass Hamburg „seine“ Unternehmen mit weniger Herz, aber dafür mit umso mehr Verstand behandelte.
In den von Johannes Ritter dargestellten Investments der Stadt Hamburg,
die über eine
Christoph Runge (Chris271)
- 16.02.2012, 18:24 Uhr
au contraire, konsequent strategisches, temporäres Engagement ist sinnvoll!!!
Maximilian Samwer (espressoschmeckt)
- 16.02.2012, 17:03 Uhr
Der Wahnsinn der Politik wird immer wahnsinniger
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 16.02.2012, 15:34 Uhr
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste
Hinrich Mock (HinrichM)
- 16.02.2012, 14:45 Uhr
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