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Aufsichtsbehörden verbieten Leerverkäufe von Finanzaktien

19.09.2008 ·  Drakonischer Eingriff in Börsenhandel

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LONDON, 19. September. Die Aufsichtsbehörden in den Vereinigten Staaten und Großbritannien haben mit drakonischen Beschränkungen von Leerverkäufen auf die extremen Spekulationen in Bankaktien in den letzten Tagen reagiert. "Leerverkäufe sind zwar eine legitime Handelsstrategie in normalen Verhältnissen; aber in der jetzigen extremen Situation haben sie dazu geführt, dass der Handel nicht mehr ordentlich abläuft", warnte die Londoner Finanzaufsicht FSA am Donnerstagabend, als sie sämtliche Leerverkäufe für Bank- und Versicherungsaktion in London schlagartig verbot. Die amerikanische Aufsicht, die Securities and Exchange Commission (SEC), untersagte gleichzeitig den Leerverkauf von Aktien von 799 Finanzhäusern bis zum 2. Oktober.

Die Erleichterung über diesen Markteingriff und die Deckungen von Leerverkaufspositionen an den Börsen führten am Freitag zu dem deutlichsten Kursanstieg von Bankaktien in den letzten Jahrzehnten. In Deutschland war bei der Reform des Finanzmarktförderungsgesetzes darauf verzichtet worden, eine Regelung aufzunehmen, die die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ermächtigt hätte, Leerverkäufe bei drohenden Marktstörungen zu verbieten.

Unter Leerverkäufen versteht man den Verkauf von Aktien am Markt, die man gar nicht hat, um sie später zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen und einen Gewinn einzustreichen. Einfach erklärt: Fritzchen geht zu einem Freund und borgt sich einen Korb mit 20 Äpfeln, läuft zum Markt und verkauft den Korb für 10 Euro. Dafür muss er seinem Freund einen kleinen Obulus überlassen. Fritzchen vermutet, dass am nächsten Tag mehrere Bauern mit der neuen Ernte zum Markt kommen und die Äpfel dann billiger sind. Genau das geschieht. Die Äpfel kosten am nächsten Tag nur noch 5 Euro. Fritzchen ersteht am nächsten Tag einen Korb Äpfel zu 5 Euro, bringt seinem Freund einen Korb mit den Früchten zurück und steckt einen Gewinn von knapp 5 Euro in die Tasche. Das war ein gedeckter Leerverkauf, denn Fritzchen hat Äpfel gehabt, wenn auch zwischenzeitlich von seinem Freund geborgt.

Es gibt aber auch ungedeckte Leerverkäufe. Da geht Fritzchen ohne Äpfel zum Markt und sagt einer Hausfrau, dass er ihr in drei Tagen einen Korb Äpfel bringe, obwohl er gar keine Äpfel hat. Dieser Korb koste 10 Euro und die Hausfrau willigt ein. Am nächsten Tag ersteht Fritzchen einen Korb Äpfel für 5 Euro, bringt ihn der Frau, bekommt von ihr 10 Euro und behält einen Gewinn von 5 Euro. Das gefährliche bei diesem Trick ist, dass Fritzchen der Frau auch zwei oder vier Körbe Äpfel versprechen kann in der Hoffnung, er werde sie am nächsten Tag billiger erstehen. Wenn Fritzchen dies tut, drückt allein die Tatsache, dass von ihm so viele Körbe Äpfel angeboten werden, den Preis - es weiß ja niemand, dass er gar keine Äpfel besitzt und sich eindecken muss. Wegen dieser preisdrückenden Auswirkung erlauben viele Länder ungedeckte Leerverkäufe nicht.

Gedeckte Leerverkäufe werden an den meisten Börsen der Welt zugelassen. Die Tatsache, dass Fritzchen offenbar weiß, dass die Ernte an den Markt kommt, fließt über seine Apfelgeschäfte in den Markt. Es ist nachweislich so, dass Märkte, an denen Leerverkäufe erlaubt sind, liquider und effizienter sind als Märkte, in denen diese Handelstechnik verboten ist.

In den letzten Wochen nutzten Spekulanten die Technik der Leerverkäufe, um Banken systematisch in die Knie zu zwingen. Dabei nahmen sie nicht nur Leerverkäufe vor, sondern streuten offenbar zusätzlich gezielt falsche und schädliche Gerüchte über Banken im Markt, sprachen sich mit anderen Investoren wie Hedge-Fonds ab und bemühten sich gemeinsam, systematisch die Aktienkurse von Banken und Versicherungen zu drücken. Dies beschleunigte den Vertrauensverlust am Markt, drückte den Aktienkurs immer weiter und spielte den Leerverkäufern hohe Gewinne in die Kasse.

Diese Taktik war bei vielen Finanztiteln in letzter Zeit zu beobachten, angefangen von Northern Rock und Bear Stearns bis zuletzt bei Morgan Stanley und Goldman Sachs. Je tiefer jedoch die Aktienkurse abrutschten, desto unmöglicher wurde es für die Banken, Vertrauen an den Märkten zurückzugewinnen oder sich neues Kapital an der Börse zu beschaffen. Kapitalerhöhungen scheiterten oder drohten zu scheitern. Die Hauptfunktionen der Börse, als Ort der Kapitalbeschaffung zu dienen und eine fundamental gerechtfertigte Preisbildung zu garantieren, waren nicht mehr garantiert.

Deshalb haben die Aufsichtsbehörden mit Verboten reagiert, obwohl dies der Idee des freien Handels zuwiderläuft: In London versuchte es die Aufsicht zunächst mit Transparenz. Sie forderte im Juni, dass Investoren ihre Leerverkaufspositionen bei bestimmten Finanztiteln zu melden hätten. Nachforschungen der FSA, welche Investoren hinter den Kulissen schädliche Gerüchte über Banken streuten, wurden erfolglos eingestellt. Im Juli untersagte die amerikanische Finanzaufsicht SEC zunächst ungedeckte Leerverkäufe auf 19 Bankaktien. Jetzt zog sie mit dem kompletten Verbot von Leerverkäufen nach. Auch in London sind nun sämtliche Leerverkäufe von Bank- und Versicherungsaktien untersagt.

Die Verbote führten zu großem Aufatmen an den Börsen. Leerverkäufer müssen nun damit rechnen, dass Bankaktien wieder steigen, müssen also schnell ihre Positionen glattstellen, sprich Bankaktien kaufen. Beide Faktoren führten am Freitag gemeinsam zu den beobachteten drastischen Preissprüngen bei Bankaktien. Bei VW-Aktien war am Donnerstag etwas Ähnliches geschehen: offenbar waren gewaltige Positionen von Leerverkäufen geschlossen worden - gerüchteweise von Seiten der Liquidatoren von Lehman Brothers. Dies ließ den Aktienkurs des Automobilherstellers um bis zu 25 Prozent in die Höhe schnellen. BETTINA SCHULZ

VW wird zum Spielball der Anleger, Seite 21

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