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Aufbruch Bauen am neuen Burma

 ·  Die Generäle wirtschafteten das einst reichste Land Südostasiens herunter. Dann zogen sie ihre Uniform aus. Nun drängen alle nach Burma: Investoren, Makler, Berater. Die Menschen aber müssen sich an die verordnete Freiheit erst gewöhnen.

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© Francis Leroy/hemis.fr/laif Burma: Aus einst blühenden Landschaften wurden unter den Militärs Bauruinen

Die Hitze des Tages liegt noch schwer auf der Stadt. Die untergehende Sonne lässt die goldene Spitze der Shwedagon-Pagode glühen. Hier oben auf der Dachterrasse kühlt eine leichte Brise, die Menschen wiegen sich im Takt der Musik aus den großen schwarzen Boxen. Wer hier ist, zählt zu den Gewinnern im neuen Burma: Unternehmer und Erben, Werbeleute und Computerexperten, Manager und Diplomaten, schöne Frauen und Männer mit Hemden, die einen Knopf zu weit offen stehen. Im Hochhaus gegenüber flackert das rosafarbene Licht eines trostlosen Karaoke-Clubs. Auf der Dachterrasse leuchten die Augen. „Jetzt haben wir die Chance, die wir brauchen“, sagt U Moe Kyaw. „Wenn der Westen uns jetzt nicht hilft, dann landen wir für Dekaden wieder in den Armen Chinas. Aber gewinnen werden wir so oder so.“

Die Party hat begonnen - nicht nur auf dem Dach des Büroturms, in dem U Moe Kyaw drei Etagen gemietet hat. Mit seinem kleinen Konglomerat, das den kiloschweren Band der ersten Gelben Seiten der Wirtschaftsmetropole Rangun verlegt, Werbespots aufnimmt, Marktforschung betreibt, steht er in der ersten Reihe des Aufschwungs. „Bislang hat die Regierung von den drei Ks gelebt: Kontakt, Kontrolle, Kommando. Nun kommt noch ein Viertes hinzu: das Sichkümmern“, sagt der 47-Jährige. „Und das wird alles ändern.“

Vom Ziel gibt es eine Idee, der Weg aber liegt im Dunklen

Burma, das sich selber Myanmar nennt, hat Anfang vergangenen Jahres sein Dasein als schlimmste Militärdiktatur Südostasiens abgestreift wie eine alte Uniform. Aus Generälen wurden Zivilisten, die sich Demokraten nennen - in der Regierung aber haben sie weiter das Sagen. Burmas Kurs erinnert an das Befahren einer nächtlichen Autobahn ohne Scheinwerfer: Vom Ziel gibt es eine Idee, der Weg aber liegt im Dunklen. Drehen und umkehren geht nicht. Der Duft der Freiheit hat das Land erfasst, wabert wie eine weiche Wolke über den Städten und den Hütten auf dem Lande. Jeder atmet ihn ein. Noch weiß kaum einer, was er mit der Freiheit anfangen soll. Aber aufwärts soll es gehen. Mit mehr Chancen. Mehr Geld. Und Kindern, denen es einst bessergehen wird als den Eltern.

Min Lyat Chan weiß, wie sich das anfühlt. Kenmin wird er genannt, hat einen Körper wie ein Leistungssportler, den offenen Charme des Erfolgreichen und einen Beruf, um den ihn alle beneiden: Er ist Lehrer in einem Sicherheitszentrum für Ölarbeiter und Matrosen. Das wurde von der deutschen Uniteam Marine gebaut, einem Mittelständler, der burmesische Besatzungen für Seeschiffe bereitstellt. Ganz nebenbei eröffnete Uniteam mit dem Savoy auch noch eines der schönsten Hotels der Stadt. Dort begann Kenmins Aufstieg: Der Leiter des Sicherheitszentrums wurde auf den Kellner aufmerksam. Er engagierte den jungen Mann, der so gutes Englisch sprach, als Instrukteur. Schickte ihn abends an die Hochschule, um noch ein bisschen Psychologie zu hören. Heute trainiert der 26-jährige Kenmin Ölarbeiter darin, zu überleben, wenn ihr Hubschrauber in die offene See stürzt, und Matrosen, sich bei einem Schiffsuntergang zu retten. Von den 500 Dollar, die er als Instrukteur im Monat bekommt, schickt er die Hälfte an seine Eltern nach Hause. Mehrfach am Tag taucht er in dem großen Trainingsbecken ab. Sein Chef, der Holländer Paul van Empel, betätigt sich dann als Wettergott: „Wir können hier Regen und Sturm, Nebel und Wellen simulieren“, sagt van Empel. Dann drückt er auf einen Knopf, und in dem riesigen Schwimmbad am Rande von Rangun tobt der Sturm los.

Wenn das mit der Freiheit auch so einfach ginge - einen Knopf drücken und dann üben, wie man überlebt. „Es geht jetzt schnell“, sagt auch Kenmin. „Nicht alle sind vorbereitet. Ich hoffe, dass wir nicht überrollt werden von Ausländern.“ Er kann den Aufschwung mit Händen greifen: „Noch vor zwei Jahren haben Handys bei uns 1000 Dollar gekostet - jetzt bekommen wir sie für 200 Dollar.“ Dann sagt er: „Ich habe die Chance, reich zu werden.“ Und er sagt das so, wie Schulkinder in Deutschland von ihrem schönsten Weihnachtsgeschenk erzählen.

Die Elite hat sich maßlos bereichert

Min Lyat Chan hat seine Ziele klar vor Augen. Für sein Land aber ist der Weg noch weit. Burma - das waren die Generäle, die sich nicht scheuten, zu morden, zu foltern, zu stehlen. Deren Soldaten Mönche in ihren roten Roben über die Straßen Ranguns hetzten, Reporter erschossen, Widerständler quälten, die Rohstoffe des Landes verhökerten. Was sich nun herausschält, ist ein Land, das an Chinas Tropf hing, in dem sich eine Elite maßlos bereicherte, das Volk als Arbeitssklaven betrachtete. Tropenholz und Jade, Rauschgift und Erdöl, sie alle gingen über die Grenze nach China, manches nach Indien und Thailand. 1862 exportierte Burma als eines der ersten Länder der Erde das erste Fass Öl. Noch unter der britischen Herrschaft war es das reichste Land Südostasiens, gesegnet mit Bodenschätzen und Kulturdenkmalen. Wer es regiert, hat schon aufgrund der Lage Burmas Macht - ein Keil zwischen Indien, China und Thailand, mit einer langen Küste zum Golf von Bengalen.

Doch der Ausbeuterkapitalismus führte es in den Staatsbankrott. Statistiken wurden gefälscht, Kredite nicht zurückgezahlt - bis heute wartet die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) auf gut 490 Millionen Dollar, die sie der Regierung einst überwies. Während die Generäle Wachstumsraten von 15 Prozent auswiesen, ermittelten die Entsandten des Internationalen Währungsfonds gerade eine wirkliche Wachstumsgeschwindigkeit von gut 5 Prozent. Es gibt kein Finanzsystem, kein Bankensystem, keine Geldautomaten, aber vier Wechselkurse. 2007 floss die Hälfte der Auslandsinvestitionen in den Öl- und Gassektor. Ein Viertel des Haushalts steckten die Generäle in Waffen. Noch ist längst kein Ausgleich mit den ethnischen Minderheiten gefunden. Es gibt keine funktionierende Zivilgesellschaft, kein Rechtssystem, keine Investitionssicherheit. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi sperrten sie 15 Jahre in ihrem Haus am See weg. Heute warnt sie westliche Unternehmer vor leichtfertigem Optimismus: „Legen Sie einen gesunden Skeptizismus an den Tag.“ Ihr Bruder aber, der sich mit ihr überworfen hat, durfte eine riesige Villa an den Ufern des Irrawaddy bauen, im heiligen Bagan. Zuckerbrot und Peitsche, Honigtopf und Maschinengewehr, das war die Strategie der „Men in Green“.

Besiegt habe die Militärs der Zyklon Nargis 2008. „Da haben die Generäle gemerkt, dass wir Burmesen nicht kleinzukriegen sind, zusammenhalten“, sagt Zaw Oo. Er hat die Bürgerinitiative Loka Ahlinn aufgebaut, vieles im Verborgenen geschaffen. „Nach Nargis hat uns dann der arabische Frühling geholfen. Da haben die Generäle richtig Angst bekommen.“ An das Gute im Diktator glaubt Zaw Oo längst nicht mehr: „Da hat sich keine Tür geöffnet. Die Generäle standen am Abgrund. Sie haben das Land heruntergewirtschaftet. Ihnen standen die Menschen gegenüber. Sie mussten auf sie zugehen. Oder springen.“ Die Welt nahm von den Änderungen Notiz, als die Burmesen wie aus dem Nichts ihrer Schutzmacht China eröffneten, dass sie einen Staudamm nicht bauen lassen würden, dessen Strom die Chinesen brauchen. „Das war der Wendepunkt“, sagt Tin Maung Thann. Er ist derzeit einer der meistgefragten Männer Burmas. Denn bei der von ihm geführten Nichtregierungsorganisation Egress klopfen sie alle an: Stiftungen und Politiker, Diplomaten und Wirtschaftsführer. „Sicher half die arabische Revolution, denn die Machthaber bekamen Angst, ihnen drohte das gleiche Schicksal. Hinzu kam der Druck der Nachbarländer Südostasiens, die endlich vorankommen wollten, ohne sich immer für die Diktatur in ihren Reihen rechtfertigen zu müssen.“ U Moe Kyaw sieht es noch anders: „15 Prozent von 10 Dollar sind nicht so viel wie 5 Prozent von 1000 Dollar“, sagt der Geschäftsmann. Was er meint: Die Oberschicht des alten Burma habe erkannt, dass für sie mehr drin war, wenn sie nicht nur dunkle Geschäfte mit den Chinesen macht. „Keiner mag die Chinesen. Aber es war doch der Westen mit seinen Sanktionen, der uns erst in ihre Arme getrieben hat“, sagt der Egress-Chef.

Burmas schwüle Hitze lässt den Kopf schwirren, Legenden bilden sich hier beim ersten Glas Whiskey. Die Kehrtwende der Generäle bietet Raum für Zynismus. Einer der ausländischen Geschäftsleute in Rangun, der verständlicherweise ungenannt bleiben will, sieht die Öffnung so: Die westlichen Konzerne wollen unbedingt an die Honigtöpfe Burmas, vor allem an Öl und Gas. Da die Generäle schon unter der Ausbeutung der Chinesen in den vergangenen Jahrzehnten zu Multimillionären geworden sind, kamen sie zu der Auffassung, dass das Land nun reif sei, sich zu öffnen. Denn wenn es wieder zu einem Blutbad käme, drohte auch ihnen alles verlorenzugehen. Der Westen aber brauchte politische Zugeständnisse, um die Sanktionen aufzuheben. Sie gipfelten in der Wahl von Aung San Suu Kyi ins Parlament. „Eine Wende um 180 Grad“, sagt der Mann. „Früher durfte sie auf keinen Fall ins Parlament. Nach der Wahl Mitte April aber musste sie unbedingt hinein.“ Sie sei das Feigenblatt, das den westlichen Konzernen endlich den offiziellen Eintritt nach Burma ermögliche. Danach werde sie - „wie lautet doch Ihr wunderbares deutsches Wort dafür? Ach ja, ,kaltgestellt’“. Mancher sieht die Zukunft Burmas so: so viele Reformen, dass der Weg für Asean und einen Ausgleich mit dem Westen frei bleibt. Eine wirtschaftliche Öffnung, aber weiterhin ein extrem schwieriges Investitionsklima.

Das Interesse jedenfalls ist kaum zu bremsen: Delegationen und Entsandte von Unternehmen, Makler, Berater und Banker durchstreifen Rangun. Jeder will der Erste sein, wenn sich die Geldschleusen öffnen. Lange wird es nicht mehr dauern. Die Amerikaner haben einige Sanktionen aufgehoben, die Europäer setzten sie weitgehend aus, Japan erlässt Burma 4,5 Milliarden Dollar, verspricht neue Kredite, baut die Börse und eine Motoradfabrik. „Früher hatten wir eine Anfrage im Monat, heute sind es zwei am Tag“, erzählt Chit Su Wai, die in einem lichten Büro im Untergeschoss des Inya Lake Hotels seit Jahren in Rangun die Stellung für den Ostasiatischen Verein hält. Der Börsenkurs von Yoma Holdings, die der Burmese Serge Pun in Singapur gegründet hat, stieg binnen Jahresfrist um 493 Prozent, nachdem die Öffnung offensichtlich geworden war. Denn Pun hält eine Lizenz, in Burma chinesische Dongfeng-Lastwagen einzuführen, Wohnhäuser zu bauen, und besitzt Ackerland.

Ein größeres Rad dreht Italian Thai Development: Der thailändische Baukonzern versucht gerade 12,5 Milliarden Dollar aufzunehmen, um einen Tiefwasserhafen, ein Kraftwerk und die erste Sonderwirtschaftszone Burmas nicht fern der Grenze zu entwickeln. „Das haben die noch mit den Generälen festgeklopft“, sagt Zaw Oo bitter. „Aber wir werden verhindern, dass sie allen Strom nach Thailand liefern, und nur Firmen von dort Geld verdienen.“ Wer die richtige Nase besaß, hat sich über Strohmänner längst Besitz besorgt. Die Preise für Serviceapartments haben sich in sechs Monaten verdoppelt. Für den Kauf eines Apartments braucht man einen Lastwagen, Dutzende Säcke, gefüllt mit Kyat-Scheinen, und acht Wächter und Träger. Sie bringen das Bargeld zum Verkäufer, danach gibt es die Schlüssel. Der Münchner Anlageberater Jens Erhardt hat mit Freunden ein Fünf-Sterne-Hotel am Strand gebaut. „Myanmar ist eine Goldmine, aus welcher Richtung man auch immer darauf schaut - Rohstoffe, Gas und Öl, riesige Dimensionen, die Lage zwischen China, Indien und Südostasien. Das Wachstum wird aus allen Richtungen kommen, die Leute strömen aus allen Ecken der Welt herbei. Es gibt keinen Flug, kein Hotel, die nicht von Geschäftsleuten gebucht sind“, umreißt Craig Steffensen die Lage. Er ist bei der ADB für Burma zuständig.

Dabei wird der Aufbau Burmas schwerer, als es aussieht. Das zeigt der Blick über die Grenze: Thailand, die zweitgrößte Volkswirtschaft Südostasiens, hat mit 60 Millionen Menschen fast so viele Einwohner wie Burma. „Die Unterschiede aber hauen einen um: Thailand besuchen in einer Woche so viele Touristen wie Burma im ganzen vergangenen Jahr. Die Zahl der Autobesitzer liegt in Burma bei 6 Prozent derjenigen in Thailand, die der Besitzer von Mobiltelefonen bei nur einem Prozent der Zahl im Nachbarland“, sagt Ian Gisbourne, der Burmas Chancen für die Schweizer Bank UBS ausgeleuchtet hat. Die Machtstruktur im Land habe sich bislang kaum geändert - sie sei nur anders gekleidet, argumentieren Kritiker. Tin Maung Thann schaut genauer hin: „Der politische Prozess ist jetzt auf dem richtigen Weg. Um unsere Wirtschaft aber aufzubauen, brauchen wir irgendein Modell, einen Fahrplan. Für so etwas gibt es aber kein Modell“, sagt der Vordenker von Egress. „Wir können doch nicht mehr die Lehren des 20. Jahrhunderts, des Aufbaus Südkoreas, Ostdeutschlands oder Indonesiens, anwenden. Schließlich sind wir im 21. Jahrhundert.“ In diesem Moment fällt in seinem Büro der Strom aus, die Klimaanlage schweigt.

Daran sind die Menschen gewöhnt. An die Freiheit noch nicht. Der Bürgerrechtler Zaw Oo darf nun sagen, was Sache ist. Aber er flüstert, wenn er über das Militär spricht. Tin Maung Thann kann sich vor Fördergeldern kaum retten. Doch er muss sich rechtfertigen vor Kritikern aus dem eigenen Land und betont, dass Egress zu Zeiten der Diktatur „den Institutionen nahestand, nicht den Personen“. U Moe Kyaw fliegt mit seiner Familie zum ersten Mal in den Schnee, in die Schweiz. Und stöhnt darüber, dass sein Manager aus Amerika im Monat so viel verdient wie hundert seiner burmesischen Telefonistinnen. Und der junge Min Lyat Chan hofft, dass viele seiner Landsleute nun aus Amerika ins neue Burma zurückkehren - er selbst aber will zum Geldverdienen nach Singapur. Die Änderungen rauben einem den Atem. Den Wunden bleibt keine Zeit zu heilen. Als er einen Laster mit Soldaten überholt, sagt der Taxifahrer in Rangun: „Die Militärs sehen aus wie Menschen. In Wahrheit sind sie Tiere.“ Noch vor einem Jahr hätte er nur gewagt, den Blick zu senken.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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