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Auf einen Espresso : Willkommen mit Kultur

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Wer wissen will, warum der Wahlkampf mau ist, dem hilft ein Blick auf die Sorgen der Bürger. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes steht auf dem vorletzten Platz.

          Wer wissen will, warum der Wahlkampf so dahinplätschert, dem hilft ein Blick auf die Sorgen der Bürger. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes findet sich auf dem vorletzten Platz der Gesprächsthemen. Das zeigt die jüngste Allensbach-Umfrage für diese Zeitung. Jahrelang rangierte die Angst um den Arbeitsplatz ganz vorn. Doch mit den monatlichen guten Nachrichten zur Beschäftigung und Ausbildungslage, die fast Routine geworden sind, hat sich die Abstiegsangst verflüchtigt. Fast unmerklich ist sie auf die hinteren Ränge gerutscht, nur die Affäre um die Drohne Euro Hawk interessiert die Menschen noch weniger. Am deutschen Arbeitsmarkt ist heute vieles in Ordnung.

          SPD und Gewerkschaften passt das gar nicht. Straft die Umfrage doch das von ihnen pechschwarz gezeichnete Bild Lügen. So überschreibt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ihren aktuellen Rundbrief mit „Das Jobwunder-Märchen“. Und behauptet: „Was vom angeblichen Jobwunder bleibt, sind Millionen schlecht bezahlte und unsichere Jobs.“ Offenkundig empfinden die meisten Bürger das anders. Sozial ist eben doch, was Arbeit schafft. Wer politisch ernst genommen werden will, sollte das bedenken.

          Die meisten Bürger wissen auch, dass die Griechen-Rettung sie teurer kommt, als ihnen CDU und FDP weismachen wollen. Mit seinem Hinweis auf ein drittes Hilfsprogramm hat der Bundesfinanzminister das Versteckspiel nicht beendet. Es fehlen Zahlen zur Höhe der neuen Lasten.

          Auch der FDP-Chef duckt sich weg. „Wir werden bis 2014 warten.“ Bis dahin gebe es nichts weiter zu tun, als die Griechen zu Reformen zu drängen, sagt Philipp Rösler. Das zentrale Anliegen der FDP sei ein solider Haushalt. Glaubt er, dass die Bürger den Widerspruch nicht sehen? Die deutsche Finanzpolitik steht auf dem Treibsand uneinbringlicher Milliardenforderungen gegenüber Griechenland.

          Noch mehr Spiele bietet die Regierung dieses Wochenende. Sie lädt zum Tag der offenen Tür in die Berliner Bundesministerien. Im Umweltressort wechselt sich indischer Tanz mit Tierstimmenquiz ab. Die Familienministerin lässt die Besucher puzzeln, wie viele Männer als Kita-Erzieher arbeiten. Der Bundesfinanzminister hat „acht junge lettische Indie Pop-Feen“ engagiert, vielleicht, weil die tapferen Letten sich von der Euro-Krise nicht schrecken lassen und 2014 der Währungsunion beitreten. Immerhin begibt sich Wolfgang Schäuble selbst auf die Bühne zum „großen Sommerinterview“. Eine neue Gelegenheit, mehr Wahrheit zu Griechenland zu wagen.

          Im Arbeitsministerium referiert CDU-Staatssekretär Brauksiepe über die „Willkommenskultur“ in Unternehmen. Das Wort steht noch nicht im Duden, obwohl es rasant politische Karriere macht. „Willkommensgruß“ schlägt das Lexikon stattdessen vor. Nicht schlecht, ohne Gruß keine Kultur, oft fehlt es ja an einfachsten Formen. Angeblich hat Deutschland von der Willkommenskultur zu wenig, weswegen die erhofften ausländischen Fachkräfte ausbleiben. Nachhilfe in „interkultureller Kompetenz“ erteilt deshalb eine interaktive Ausstellung im Arbeitsministerium, mit eher zweifelhaften Testfragen. Eine Kostprobe: „Sie, eher jemand, der Kleidung nach praktischen und weniger nach ästhetischen Gesichtspunkten wählt, sind in einer deutschen Großstadt zu Besuch und seit Stunden durch die Innenstadt gelaufen, um sich alles anzusehen. Nun müssen Sie dringend zur Toilette und gehen in das nächstbeste Geschäft. Zufällig handelt es sich um eine Boutique für Designermode. Ein Verkäufer kommt zögernd auf Sie zu und fragt nach Ihren Wünschen. Sie tragen Ihr Bedürfnis vor. Der Verkäufer verzieht das Gesicht und zeigt auf die Ausgangstür. Warum reagiert der Verkäufer so?“ Die ehrliche Antwort weiß jeder. Solch unsinnige Fragespiele führen in Sachen Fachkräftezuzug nun wirklich nicht weiter. 

          War früher mehr Willkommenskultur? Unser Bengale, der schon lange in Deutschland ist, zögert. Man hat ihn nicht überschwänglich begrüßt. Geblieben ist er trotzdem. Es sei ein unbeschreibliches Gefühl, in einem Land zu leben, in dem so vieles funktioniere.

          Quelle: F.A.Z.

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