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Auf einen Espresso : Voll engagiert

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Die Kanzlerin hat die Woche immerhin schon mal kurz reingeschaut. Nachsehen, ob die Blumen gegossen sind und die Schachdame abgestaubt wurde.

          Die Kanzlerin hat die Woche immerhin schon mal kurz reingeschaut. Nachsehen, ob die Blumen gegossen sind und die Schachdame abgestaubt wurde, damit am Tag der offenen Tür im Kanzleramt alles ordentlich ist. Noch ein wenig Streit geschlichtet  in der Koalition und schwups ging es gute 6000 Kilometer weiter nach Kanada. „Kanada heißt Kanada, weil ka na da ist,“ hat uns ein in Deutschland heimisch gewordener Kanadier mal gesagt. Der konservative Regierungschef Stephen Harper aber war da, um mit Angela Merkel ein bisschen über Freihandel zu plaudern, die Haushaltslage ist in Ottawa ja vergleichsweise entspannt, und Zeit für einen Trip zu Meeresforschungsprojekten in Halifax war auch noch.

          Klingt eher nach Spaßreise als mancher Hüpfer ins nahe Brüssel, aber vermutlich sieht man bei der AOK Merkels Vielfliegerei generell mit Sorge. Berufspendler hätten ein 20 Prozent höheres Risiko auf Burnout, warnt die Kasse in ihrem Fehlzeiten-Report, der auch die zunehmende Erreichbarkeit außerhalb regulärer Arbeitszeit anprangert. Die AOK verwöhnt ihre Mitarbeiter mit Home-Office, Entspannungstraining, Ernährungskursen und Betriebssportgruppen. Trotzdem könne es, „wie bei jedem Arbeitgeber im Wettbewerb, auch bei uns zu Belastungsspitzen und Überstunden kommen“, warnt die selbsternannte Gesundheitskasse potentielle Bewerber. Doch haben die staatsnahen Zwangsversicherungen aus Arbeitnehmersicht ganz andere Vorzüge. „Die ist jetzt zur AOK gegangen, die gibt es noch in 2000 Jahren“, überhörten wir unlängst ein Gespräch im Bus.

          Dass es Deutschland noch Gold geht, sieht man nicht an den Medaillen, sondern an den Dingen, die unsere Regierung jenseits von Euro und Energiewende so treibt. Familienministerin Kristina Schröder etwa ist zuständig für die „Nationale Engagementstrategie“. Nächste Woche wird sie den schlappe 1371 Seiten starken „Ersten Engagementbericht“ ins Kabinett wuchten. Der Bericht sei ein Plädoyer für eine, wie könnte es anders sein, „nachhaltige“ Engagementpolitik auf der Grundlage „eines ausgewogenen Miteinanders von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft“, heißt es in der Stellungnahme ihres Ressorts.

          Neugierig geworden? Leider reicht der Platz nicht, um Ihnen das schöne neue „Handlungsfeld“ umfassend nahezubringen. Das überlassen wir der jungen Ministerin, die hier endlich einmal federführend zuständig ist. Was sie wohl zum „Trend zum kurzfristigen und unregelmäßigen Engagement“ der Bürger sagt? Oder zu den beklagten Defiziten in der Engagementforschung? Bis heute weiß offenbar niemand, ob nun 52 Prozent oder nur 17 Prozent der Bundesbürger freiwillig Engagierte sind. So viel Unsicherheit, schier nicht auszuhalten. Keine Missverständnisse: Wir ziehen vor jedem den Hut, der anderen in der Freizeit hilft. Aber muss man daraus gleich wieder ein Politikfeld machen?

          Vier Tage hielt unser Vorsatz, sich nicht mehr über die spendablen Kollegen vom Zwangsgebühren-Fernsehen aufzuregen. Donnerstag saß beim Tagesthemenkommentator das Steuergeld schon wieder locker. „Ein kleiner Rentenzuschuss sollte doch drin sein“, lobte Rainald Becker den Vorstoß der Bundesarbeitsministerin, Renten von Geringverdienern über die Grundsicherung hinaus anzuheben. Das kostet bald 3 Milliarden Euro jährlich.

          Fernsehfrei war zum Glück unser Strandkorb. Zu wünschen übrig ließ nur das Engagement der Seehunde von Norderney, die bloß herumlagen wie nasse Sandsäcke und so kaum als Touristenattraktion der Ausflugsdampfer im Wattenmeer taugen. Ein Fall für unseren neuen Umweltminister Altmaier, wenn er Sonntag die Seehundstation in Friedrichskoog besucht. Schließlich ist Engagementpolitik eine ressortübergreifende Aufgabe. Kollegin Schröder freut sich über Anregungen.

          Unser Bengale ist Nicht-Schwimmer, Nicht-Turner und Nicht-Radfahrer. Die fürsorglichen Eltern hatten ihn, in Kalkutta früher nicht unüblich, vor dem Erlernen von Purzelbäumen und anderen gefährlichen Leibesübungen durch Eingaben in der Schule bewahrt. Vielleicht erklärt auch das, warum Indien  bis heute so kläglich im olympischen Medaillenrennen versagt.

          Quelle: F.A.Z.

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