Home
http://www.faz.net/-ha4-6zyqy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Auf einen Espresso Spielen wir alle Theater?

Eine interessante Diskussion mit den Volontären unserer Redaktion: Warum sind Politiker wie Hannelore Kraft deshalb erfolgreicher sind als Norbert Röttgen?

Das war eine interessante Diskussion mit den neuen Volontären unserer Redaktion. Es ging um Authentizität. Der Auslöser für das Gespräch war die Frage, ob Politiker wie Hannelore Kraft deshalb erfolgreicher sind als zum Beispiel Norbert Röttgen, weil sie im Fernsehen natürlicher, herzlicher oder auch bodenständiger erscheinen. Hinzu kam die Frage, ob das Nach-Interview, das Claus Kleber vom „heute journal“ in dieser Woche mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zum Thema Röttgen geführt hat, ein Zufall war oder eine durchaus geplante Aktion, die Seehofer unglaublich spontan und authentisch erscheinen lässt.

Das Thema lässt sich weiten: Wann hat die Kanzlerin ihr wahres Gesicht gezeigt: zur Pressekonferenz nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen mit Röttgen an ihrer Seite oder ein paar Tage später, wieder allein, nach Röttgens Entlassung? Die Auseinandersetzung kulminiert in der Frage: Spielen wir nicht alle immer nur Theater?

Wollen wir nicht hoffen, dass die jungen Kollegen mit dieser These recht haben. Die Erfahrung zeigt ja eigentlich, dass man sich nicht sein Leben lang in der Öffentlichkeit verstellen kann. Ursprünglich ging es in der Unterhaltung auch um die Nutzung von Social-Media-Kanälen wie Twitter, Facebook oder „Google plus“ im Journalismus. Denn auch hier stellt sich die Frage, wie viel man von sich selbst preisgibt, um in den sozialen Netzwerken wahrgenommen zu werden. Der Börsengang von Facebook hatte in dieser Hinsicht auf jeden Fall den Erfolg, dass der Umgang des Unternehmens mit unseren Daten zu einem großen Thema wurde. Zur Selbstentblößung werden auf Facebook deshalb gewiss immer weniger Menschen neigen. Es gilt also, „man selbst“ zu sein, ohne die eigene Intimsphäre aufzugeben. Aber war das nicht schon immer das Erfolgsgeheimnis sympathischer Menschen?

Sicher ist: Wenn man stets nur misstrauisch ist, Hinterhalte erwartet und nur darauf bedacht, nicht in Fallen zu tappen, die andere vermeintlich oder tatsächlich aufgebaut haben, wird man auch nicht erfolgreich sein. Davon kann einer wie der FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler ein Lied singen, auch nach den jüngsten Wahlerfolgen.

Dann kämpfen wir doch lieber mit offenem Visier. Das denken sich zum Beispiel die Griechen. Rund um die gescheiterte Regierungsbildung in Athen lässt sich inzwischen klar erkennen, dass es um einen Test geht: Wie weit und wie lange lässt sich der Rest der Euroländer noch erpressen? Manche glauben wohl: nicht mehr so lange. Andere möchten die Grenze der Belastbarkeit erst noch sehen. Das griechische Volk jedenfalls hat bald wieder die Wahl und kann sich ganz klar für oder gegen den Euro entscheiden. So etwas nennt man Richtungswahl, ganz authentisch, ohne jede Schauspielerei, im Klartext: Falls radikale Parteien, die das Sparpaket der bisherigen Regierung ablehnen, am 17. Juni weiter zulegen, droht dem Land ein Stopp der internationalen Hilfen und damit der Staatsbankrott.

Bleibt noch die Frage, wie authentisch Vorstandsvorsitzende von Unternehmen sind. Vermutlich tun sich dort noch viel größere Lücken zwischen dem Ausfüllen der Funktion und dem Charakter der tatsächlichen Person auf als bei den Politikern, die einer Kontrolle durch eine viel größere Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Zu denken geben sollte den Chefs jedenfalls, dass nach Umfragen jüngeren Datums Menschen auf der Straße ganz normalen Mitarbeitern eines Unternehmens inzwischen mehr vertrauen als einem Vorstandsvorsitzenden. Das ist das Ergebnis von einigen Jahren Finanzkrise.

Vielleicht hat sich der BMW-Chef Norbert Reithofer daran erinnert, als er auf der Hauptversammlung zur Lösung der Schuldenkrise mehr als Sparprogramme verlangt hat. Vielleicht hat er aber auch nur eine Rolle gespielt. Denn wenn er eine „weitsichtige Politik, die eine vernünftige Balance zwischen Sparen und Wachstum findet“, fordert, bedeutet das wohl auch Ausgabenprogramme, die in der Folge künstlich den Autoabsatz vor allem in Südeuropa ankurbeln. Zu einem gemeinsamen Europa mit einem einheitlichen Währungsraum gebe es aus der Sicht von BMW keine Alternative, fügte Reithofer an. Immerhin: Er hat eine Meinung. Der frühere BMW-Vorstand und heutige Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat, wie man schon länger weiß, eine etwas andere. Authentisch sind beide, oder?

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Peter Ramsauer Bis Seehofer die Hutschnur platzt

Der einstige Verkehrsminister will auch ein halbes Jahr nach dem Amtsverlust nicht schweigen. Peter Ramsauer geht es nicht nur um die Maut. Er sieht sich als einen „freien Mann“. Mehr

22.07.2014, 19:05 Uhr | Politik
Mehr Mitglieder, mehr Geld, mehr Wert Warum Facebook alle überrascht hat

„Das ist doch eine Blase“: Oft wurde Facebook in den vergangenen Jahren totgesagt. Doch das Netzwerk hat eine Hürde nach der anderen genommen. Jetzt feiert es seinen Erfolg. Aber noch gibt es Risiken. Mehr

24.07.2014, 13:40 Uhr | Wirtschaft
Modellauto-Affäre Haderthauer bleibt im Amt trotz Ermittlungen

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs gegen Staatskanzleiministerin Christine Haderthauer und hat die Aufhebung ihrer Immunität beantragt. Nach einer Krisensitzung will Ministerpräsident Seehofer die CSU-Politikerin vorerst im Amt behalten, sie selbst beteuert ihre Unschuld. Mehr

29.07.2014, 17:06 Uhr | Politik

Indien enttäuscht

Von Henrike Roßbach

Indien hat überraschend ein Veto gegen ein globales Handelsabkommen eingelegt. Das Land will nicht auf Agrarsubventionen verzichten. Doch damit lässt sich der Hunger nicht besiegen. Mehr 19 8


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Die am höchsten verschuldeten Kommunen Deutschlands

Die Gemeinden im Saarland haben die höchsten Schulden pro Einwohner, die Bayern wirtschaften besonders gut. Die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland hat ein besonders kleiner Ort - mit nur elf Einwohnern. Mehr 2