http://www.faz.net/-gqe-6zyqy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 18.05.2012, 15:30 Uhr

Auf einen Espresso Spielen wir alle Theater?

Eine interessante Diskussion mit den Volontären unserer Redaktion: Warum sind Politiker wie Hannelore Kraft deshalb erfolgreicher sind als Norbert Röttgen?

von

Das war eine interessante Diskussion mit den neuen Volontären unserer Redaktion. Es ging um Authentizität. Der Auslöser für das Gespräch war die Frage, ob Politiker wie Hannelore Kraft deshalb erfolgreicher sind als zum Beispiel Norbert Röttgen, weil sie im Fernsehen natürlicher, herzlicher oder auch bodenständiger erscheinen. Hinzu kam die Frage, ob das Nach-Interview, das Claus Kleber vom „heute journal“ in dieser Woche mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zum Thema Röttgen geführt hat, ein Zufall war oder eine durchaus geplante Aktion, die Seehofer unglaublich spontan und authentisch erscheinen lässt.

Carsten Knop Folgen:

Das Thema lässt sich weiten: Wann hat die Kanzlerin ihr wahres Gesicht gezeigt: zur Pressekonferenz nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen mit Röttgen an ihrer Seite oder ein paar Tage später, wieder allein, nach Röttgens Entlassung? Die Auseinandersetzung kulminiert in der Frage: Spielen wir nicht alle immer nur Theater?

Wollen wir nicht hoffen, dass die jungen Kollegen mit dieser These recht haben. Die Erfahrung zeigt ja eigentlich, dass man sich nicht sein Leben lang in der Öffentlichkeit verstellen kann. Ursprünglich ging es in der Unterhaltung auch um die Nutzung von Social-Media-Kanälen wie Twitter, Facebook oder „Google plus“ im Journalismus. Denn auch hier stellt sich die Frage, wie viel man von sich selbst preisgibt, um in den sozialen Netzwerken wahrgenommen zu werden. Der Börsengang von Facebook hatte in dieser Hinsicht auf jeden Fall den Erfolg, dass der Umgang des Unternehmens mit unseren Daten zu einem großen Thema wurde. Zur Selbstentblößung werden auf Facebook deshalb gewiss immer weniger Menschen neigen. Es gilt also, „man selbst“ zu sein, ohne die eigene Intimsphäre aufzugeben. Aber war das nicht schon immer das Erfolgsgeheimnis sympathischer Menschen?

Sicher ist: Wenn man stets nur misstrauisch ist, Hinterhalte erwartet und nur darauf bedacht, nicht in Fallen zu tappen, die andere vermeintlich oder tatsächlich aufgebaut haben, wird man auch nicht erfolgreich sein. Davon kann einer wie der FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler ein Lied singen, auch nach den jüngsten Wahlerfolgen.

Dann kämpfen wir doch lieber mit offenem Visier. Das denken sich zum Beispiel die Griechen. Rund um die gescheiterte Regierungsbildung in Athen lässt sich inzwischen klar erkennen, dass es um einen Test geht: Wie weit und wie lange lässt sich der Rest der Euroländer noch erpressen? Manche glauben wohl: nicht mehr so lange. Andere möchten die Grenze der Belastbarkeit erst noch sehen. Das griechische Volk jedenfalls hat bald wieder die Wahl und kann sich ganz klar für oder gegen den Euro entscheiden. So etwas nennt man Richtungswahl, ganz authentisch, ohne jede Schauspielerei, im Klartext: Falls radikale Parteien, die das Sparpaket der bisherigen Regierung ablehnen, am 17. Juni weiter zulegen, droht dem Land ein Stopp der internationalen Hilfen und damit der Staatsbankrott.

Bleibt noch die Frage, wie authentisch Vorstandsvorsitzende von Unternehmen sind. Vermutlich tun sich dort noch viel größere Lücken zwischen dem Ausfüllen der Funktion und dem Charakter der tatsächlichen Person auf als bei den Politikern, die einer Kontrolle durch eine viel größere Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Zu denken geben sollte den Chefs jedenfalls, dass nach Umfragen jüngeren Datums Menschen auf der Straße ganz normalen Mitarbeitern eines Unternehmens inzwischen mehr vertrauen als einem Vorstandsvorsitzenden. Das ist das Ergebnis von einigen Jahren Finanzkrise.

Vielleicht hat sich der BMW-Chef Norbert Reithofer daran erinnert, als er auf der Hauptversammlung zur Lösung der Schuldenkrise mehr als Sparprogramme verlangt hat. Vielleicht hat er aber auch nur eine Rolle gespielt. Denn wenn er eine „weitsichtige Politik, die eine vernünftige Balance zwischen Sparen und Wachstum findet“, fordert, bedeutet das wohl auch Ausgabenprogramme, die in der Folge künstlich den Autoabsatz vor allem in Südeuropa ankurbeln. Zu einem gemeinsamen Europa mit einem einheitlichen Währungsraum gebe es aus der Sicht von BMW keine Alternative, fügte Reithofer an. Immerhin: Er hat eine Meinung. Der frühere BMW-Vorstand und heutige Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat, wie man schon länger weiß, eine etwas andere. Authentisch sind beide, oder?

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler Von unserem Angebot kann Netflix nur träumen

Das ZDF setzt weiter auf Jan Böhmermann und will mehr für junge Zuschauer tun. Aber wie sieht für Norbert Himmler Fernsehen in Zeiten der Flüchtlingskrise aus? Ein Gespräch. Mehr Von Michael Hanfeld

25.08.2016, 07:40 Uhr | Feuilleton
Nach Anschlagswelle Seehofer geht auf Distanz zu Merkel

CSU-Chef Horst Seehofer beteuerte, er wolle keinen Streit. Aber den Satz von Bundeskanzlerin Merkel Wir schaffen das, könne er sich beim besten Willen nicht zu eigen machen. Mehr

31.07.2016, 17:37 Uhr | Politik
Sichere Kommunikation So verschlüsseln Whatsapp & Co

Sollen Strafverfolger auch verschlüsselte Kommunikation abgreifen können? Die Debatte läuft. FAZ.NET erklärt, wie Whatsapp, Facebook, Google oder Skype derzeit verschlüsseln. Eine Übersicht. Mehr Von Jonas Jansen

24.08.2016, 14:53 Uhr | Wirtschaft
Royaler Besuch Prinz William verzaubert Düsseldorf

Zur 70. Geburtstagsfeier des Landes Nordrhein-Westfalen ist einer der prominentesten Briten überhaupt gekommen: Prinz William. Zusammen mit der Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, Hannelore Kraft, verlieh er der britischen Truppe ein Fahnenband zur Truppenfahne. Damit soll das Engagement der britischen Streitkräfte gewürdigt werden. Mehr

24.08.2016, 14:14 Uhr | Gesellschaft
Auf Fotos unsichtbar werden Der Anti-Paparazzi-Schal

Nie wieder unliebsame Fotos! Das verspricht ein niederländischer Designer. Er hat einen Schal entwickelt, der den Träger von Fotos verschwinden lässt. Mehr Von Maria Wiesner

21.08.2016, 09:22 Uhr | Stil

Verbunden auf Gedeih und Verderb

Von Martin Gropp

Der Konflikt bei VW zeigt: Die Verbindung zwischen Zulieferern und Autoherstellern ist fragil – und kann sich im Streitfall zur Abhängigkeit entwickeln. Doch beide stehen gemeinsam in der Verantwortung. Mehr 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Welches Land wirtschaftet am besten?

Deutschland erzielt im ersten Halbjahr einen stattlichen Haushaltsüberschuss. Das können auch andere Länder. Mehr 4