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Auf einen Espresso Spielen wir alle Theater?

 ·  Eine interessante Diskussion mit den Volontären unserer Redaktion: Warum sind Politiker wie Hannelore Kraft deshalb erfolgreicher sind als Norbert Röttgen?

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Das war eine interessante Diskussion mit den neuen Volontären unserer Redaktion. Es ging um Authentizität. Der Auslöser für das Gespräch war die Frage, ob Politiker wie Hannelore Kraft deshalb erfolgreicher sind als zum Beispiel Norbert Röttgen, weil sie im Fernsehen natürlicher, herzlicher oder auch bodenständiger erscheinen. Hinzu kam die Frage, ob das Nach-Interview, das Claus Kleber vom „heute journal“ in dieser Woche mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zum Thema Röttgen geführt hat, ein Zufall war oder eine durchaus geplante Aktion, die Seehofer unglaublich spontan und authentisch erscheinen lässt.

Das Thema lässt sich weiten: Wann hat die Kanzlerin ihr wahres Gesicht gezeigt: zur Pressekonferenz nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen mit Röttgen an ihrer Seite oder ein paar Tage später, wieder allein, nach Röttgens Entlassung? Die Auseinandersetzung kulminiert in der Frage: Spielen wir nicht alle immer nur Theater?

Wollen wir nicht hoffen, dass die jungen Kollegen mit dieser These recht haben. Die Erfahrung zeigt ja eigentlich, dass man sich nicht sein Leben lang in der Öffentlichkeit verstellen kann. Ursprünglich ging es in der Unterhaltung auch um die Nutzung von Social-Media-Kanälen wie Twitter, Facebook oder „Google plus“ im Journalismus. Denn auch hier stellt sich die Frage, wie viel man von sich selbst preisgibt, um in den sozialen Netzwerken wahrgenommen zu werden. Der Börsengang von Facebook hatte in dieser Hinsicht auf jeden Fall den Erfolg, dass der Umgang des Unternehmens mit unseren Daten zu einem großen Thema wurde. Zur Selbstentblößung werden auf Facebook deshalb gewiss immer weniger Menschen neigen. Es gilt also, „man selbst“ zu sein, ohne die eigene Intimsphäre aufzugeben. Aber war das nicht schon immer das Erfolgsgeheimnis sympathischer Menschen?

Sicher ist: Wenn man stets nur misstrauisch ist, Hinterhalte erwartet und nur darauf bedacht, nicht in Fallen zu tappen, die andere vermeintlich oder tatsächlich aufgebaut haben, wird man auch nicht erfolgreich sein. Davon kann einer wie der FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler ein Lied singen, auch nach den jüngsten Wahlerfolgen.

Dann kämpfen wir doch lieber mit offenem Visier. Das denken sich zum Beispiel die Griechen. Rund um die gescheiterte Regierungsbildung in Athen lässt sich inzwischen klar erkennen, dass es um einen Test geht: Wie weit und wie lange lässt sich der Rest der Euroländer noch erpressen? Manche glauben wohl: nicht mehr so lange. Andere möchten die Grenze der Belastbarkeit erst noch sehen. Das griechische Volk jedenfalls hat bald wieder die Wahl und kann sich ganz klar für oder gegen den Euro entscheiden. So etwas nennt man Richtungswahl, ganz authentisch, ohne jede Schauspielerei, im Klartext: Falls radikale Parteien, die das Sparpaket der bisherigen Regierung ablehnen, am 17. Juni weiter zulegen, droht dem Land ein Stopp der internationalen Hilfen und damit der Staatsbankrott.

Bleibt noch die Frage, wie authentisch Vorstandsvorsitzende von Unternehmen sind. Vermutlich tun sich dort noch viel größere Lücken zwischen dem Ausfüllen der Funktion und dem Charakter der tatsächlichen Person auf als bei den Politikern, die einer Kontrolle durch eine viel größere Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Zu denken geben sollte den Chefs jedenfalls, dass nach Umfragen jüngeren Datums Menschen auf der Straße ganz normalen Mitarbeitern eines Unternehmens inzwischen mehr vertrauen als einem Vorstandsvorsitzenden. Das ist das Ergebnis von einigen Jahren Finanzkrise.

Vielleicht hat sich der BMW-Chef Norbert Reithofer daran erinnert, als er auf der Hauptversammlung zur Lösung der Schuldenkrise mehr als Sparprogramme verlangt hat. Vielleicht hat er aber auch nur eine Rolle gespielt. Denn wenn er eine „weitsichtige Politik, die eine vernünftige Balance zwischen Sparen und Wachstum findet“, fordert, bedeutet das wohl auch Ausgabenprogramme, die in der Folge künstlich den Autoabsatz vor allem in Südeuropa ankurbeln. Zu einem gemeinsamen Europa mit einem einheitlichen Währungsraum gebe es aus der Sicht von BMW keine Alternative, fügte Reithofer an. Immerhin: Er hat eine Meinung. Der frühere BMW-Vorstand und heutige Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat, wie man schon länger weiß, eine etwas andere. Authentisch sind beide, oder?

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