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Veröffentlicht: 28.06.2013, 19:27 Uhr

Auf einen Espresso Snowdens Sitz und andere leere Stühle

Sie kennen sicher schon den berühmtesten Sessel der Welt, Platz 17A? Nein? Dann sollten sie ihn kennen lernen. Und einige andere leere Stühle noch dazu.

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Sie kennen sicher schon den berühmtesten Sessel der Welt, Platz 17A? Ein Flugzeugsitz in dreckigem 70er-Jahre-Orange, dessen Foto seit vergangenem Montag über alle Nachrichten-Seiten und Twitter-Accounts lief? Es war der Sitz, auf dem Edward Snowden nach Kuba fliegen sollte: der junge Mann, der die Schnüffelaktionen des amerikanischen Geheimdiensts NSA verpfiffen hat. Doch es kam anders als gedacht, auf dem Flug tauchten zwar 30 Journalisten auf, aber kein Edward Snowden. Seitdem hat ihn niemand mehr in der Öffentlichkeit gesehen, es bleiben nur Statusmeldungen der russischen Regierung, die ihn nach wie vor im Flughafen verortet. Sitz 17A fliegt inzwischen weiter durch die Welt und hat inzwischen auch in den Vereinigten Staaten Station gemacht. Das wissen wir, weil Sitz 17A einen eigenen Twitter-Account hat. Dort spottet irgendjemand in seinem Namen: „Ich fühle mich leer.“ Und: „Sie zeigen den Film: Der Mann, der gar nicht da war.“ Der Twitter-Sitz ist also ahnungslos. Und die Welt wartet gebannt darauf, ob der amerikanische Geheimdienst noch bessere Quellen außerhalb des Internets hat.

24965024 © AFP Vergrößern Sitz 17A.

Patrick Bernau Folgen:

Die „Politik des leeren Stuhles“ gibt es ja schon länger. Andere haben damit schon große Erfolge erzielt. In der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der Europäischen Union, blieb die französische Regierung monatelang von den Verhandlungen weg. Niemand konnte etwas beschließen, nichts ging voran. Am Ende bekam Frankreich seinen Willen. Im Rückblick müssen das erholsame Zeiten gewesen sein. Heute ist ständig irgendein Krisengipfel, und man bekommt das Gefühl: Kein Land muss seine Probleme mehr selbst lösen, alle werden nach Brüssel delegiert. Jetzt hat die EU versprochen: Künftig sollen für marode Banken zuerst die Aktionäre zahlen, dann die Gläubiger und erst später die Steuerzahler. Aber ob die Politiker das wirklich durchhalten, wenn das nächste Lehman droht? Hinweise darauf sind ungefähr von derselben Qualität wie die Hinweise auf den Aufenthaltsort von Edward Snowden. Man hört was und muss es halt glauben. Zu sehen ist nichts.

Auch von Kroatien ist in der EU noch nichts zu sehen. Das Land hat bisher noch nicht mal einen Stuhl, den es frei lassen könnte. Der kommt erst am Montag, wenn das Land in die EU aufgenommen wird. Trotzdem hat es von außen schon mal in den Brüsseler Stuhlkreis hineingerufen und angemeldet, dass es zusätzliches Geld bekommen möchte. Das Land brauche zusätzliche Ausbildungsunterstützung für IT, Tourismus, Transport und Landwirtschaft. Was lernen wir daraus? Lieber reden, wenn man mit am Tisch sitzt. Allzu beliebt scheint diese Regel in Europa allerdings nicht zu sein. Leute, die sich auskennen, sagen: Es wäre eher eine Nachricht, wenn ein Land mal so lange warten würde.

Meistens ist sitzen aber besser. Der irische Banker John Bowe hat das jetzt mitbekommen. Dank einem Telefon-Mitschnitt kann jetzt alle Welt hören, dass er für seine Pleitebank „Anglo Irish Bank“ einen Überbrückungskredit von sieben Milliarden Euro erbeten hat, ohne über die Rückzahlung nachzudenken. Als das Thema aufkam, lachte er laut und sagte „Ich muss mir gleich die Unterwäsche wechseln!“ Die Summe für den Kredit war frei erfunden. „Die habe ich mir aus dem Arsch gezogen“, so sagte er es am Telefon einem Kollegen. Und es wird ganz deutlich, dass er lieber mal einfach auf seinem Stuhl sitzen geblieben wäre.

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Andere Banker lernen das Einsitzen jetzt erzwungenermaßen. Drei Jahre Haft gibt es für einen ehemaligen Lehrling der Commerzbank, weil er 340.000 Euro von Kundenkonten abgezweigt hat. Allzu gut kann die Ausbildung allerdings nicht gewesen sein. Sonst hätte der Lehrling sich ausrechnen können, dass 340.000 Euro noch lange nicht reichen, um sich auf Sitz 17A nach Kuba abzusetzen.

Aber eigentlich sollten wir alle viel mehr auf unseren Stühlen sitzen. An der Universität von Ost-Michigan hat jetzt ein Sport-Gegner ausgerechnet, dass man lieber einen Marathon im Fernsehen anguckt, als selbst einen zu laufen. Die Argumentation: Laufen halte zwar gesund, aber verlängere das Leben nicht so sehr, dass die Läufer ihre verbrauchte Zeit wieder hereinholen. Zumindest nicht, wenn man die Zeit ökonomisch richtig verzinst. Alles klar? Dann bleiben Sie gemütlich beim Frühstück sitzen, setzen sich danach in den Sessel und genießen ein gemütliches Wochenende.

Quelle: F.A.Z.

 

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