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Auf einen Espresso SMS aus Athen

Heike Göbel

Den „Turm“ geschaut, wenn schon Einheitswoche, denn schon. Der Film hat uns besser gefallen als die Reden zum selben Anlass, in denen es bisweilen mehr um das Schönfärben der Euro-Krise ging als um die 22-Jahr-Feier der Wiedervereinigung.

 

Erinnerungen werden wach, das Telefon etwa. Der Onkel in Apolda, die Oma in Könnern an der Saale hatten natürlich keins. Sie ging zum blinden Nachbarn, wenn sie Sohn und Enkel im Westen zu Geburtstag, Ostern und Weihnachten sprechen wollte. Das Gespräch anmelden, warten, oft Stunden. Rationierter überwachter Kontakt. Man telefoniert nicht entspannt aus fremden Wohnungen, und wir, nach solcher Mühe oft mitternächtlich Angerufene, wussten schlaftrunken nicht, was wir sagen sollten. Oft war es wohl das Wetter. Heute ist das Telefon allgegenwärtig, ans Abhören denkt niemand mehr. Ehrlich gesagt, viel öfter greifen wir nicht zum Hörer, um mit dem Ostteil der lieben Sippschaft zu reden, Feiertage und Geburtstage eben. Der 3. Oktober gehört nicht dazu. Macht aber nichts, man ist ja nun immer verbunden.

 

Die Nachrichten zur Lage in Griechenland verfolgen wir in diesen Tagen noch genauer als sonst. Denn das Kind ist mit der Klasse auf Abschlussfahrt „alte Steine“ anschauen. Seine erste SMS aus Athen: Kein Krawall, Unterkunft gut. Der Sohn fragt sich bloß, wie künftig der Tourismus das Land beleben soll, wenn das Busunternehmen deutsch ist und alle Eintritte frei sind. Letzteres klärt sich auf. Ein Kulturabkommen zwischen Deutschland und Griechenland sorgt dafür, dass für Studienfahrten kein Eintritt fällig wird. Was war bisher das Beste? „Baden im Meer“. Nix Akropolis, wir haben es geahnt und hoffen, dass am Ende der vierzehn Tage doch noch die Kulturwunder gewürdigt werden.

 

Vielleicht erwägt Athen mal die City-Maut. Wenn das schon in Tübingen, wo der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer entspannt mit ausgeglichenem Haushalt regiert, 20 Millionen Euro bringen soll, was brächte so eine Straßensperre erst in Athen? Dem Verkehr täte es sicher auch gut. Palmer braucht das Maut-Geld nicht, aber er will mit den Einnahmen den Nahverkehr kostenlos anbieten. Sinnvoll ist das nicht, denn was nichts kostet, „wird übernutzt“. Mit diesen Worten jedenfalls lehnt Palmer die Einführung beitragsfreier Kindergartenjahre ab. Sehr richtig.

 

Es ist grotesk, wer nun alles Peer Steinbrücks Einkommen auf Euro und Cent offengelegt wissen will. Dass der SPD-Kanzlerkandidat neben seinem Mandat ordentlich verdient hat, ist nicht verwerflich. Politiker müssen nicht arm sein, um gut zu sein. Verheimlicht hat er es auch nicht. Beruhigend ist: Der Mann kennt seinen Marktwert, kann seine Hotelrechnungen im Urlaub selbst zahlen und weiß, wo die Steuer richtig zupackt. Wer ihn schlagen will, soll sich mit seinem Programm auseinandersetzen, da gibt es genug, was den Angriff lohnt. Auch seine Bilanz als Finanzminister der großen Koalition glänzt nicht, drei Punkte Mehrwertsteuererhöhung waren weder ein Akt sozialer Wohltätigkeit, noch haben sie die Schuldenmacherei gestoppt.

 

Übrigens, seit sich Steinbrück mit den Großbanken anlegt, haben die in Kanzlerin Merkel eine neue Freundin. Als vergangenen Freitag Steinbrück plötzlich als ihr Gegenspieler ausgerufen wurde, nutzte sie unverzüglich ihre Rede vor der Deutschland-Konferenz dieser Zeitung mit der Herrhausen-Gesellschaft, um eine Botschaft zu lancieren: „Zu viele Finanzinstitutionen haben wir in Kontinentaleuropa und in Deutschland sicher nicht.“ Gegen die Sparkassen und Volksbanken wolle sie nichts sagen, aber: „Wenn man sich anschaut, welche Teile des Bruttoinlandsprodukts in anderen Ländern in der Finanzindustrie entstehen, muss man sagen, dass dieser Teil in Deutschland relativ klein ist. Er ist sozusagen unbalanciert zu unserer wirtschaftlichen Stärke.“ Das klang schon mal anders. Aber die Kanzlerin lernt, wie man weiß, gern dazu.

 

Einige Zweifel gibt es indes an der Lernfähigkeit von Thüringens CDU-Ministerpräsidentin. „Wir müssen uns daran gewöhnen, für Arbeit wieder den Preis zu entrichten, den sie hat“, sagt Christine Lieberknecht und propagiert deshalb den flächendeckenden Mindestlohn. Sie sollte aber lieber nicht vergessen, dass sich die DDR vor 22 Jahren mit genau dieser Einstellung in die Pleite gewirtschaftet hat.

Quelle: F.A.Z.

 
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