http://www.faz.net/-gqe-742yh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 03.11.2012, 11:57 Uhr

Auf einen Espresso Licht für Steinbrück

Heike Göbel

Die Stadtwerke Bochum haben jetzt ein Problem. Was hat sie dazu gebracht, dem Vortragsredner Peer Steinbrück ein Honorar zu zahlen, das mit Großzügigkeit viel, mit Marktpreisen offenkundig nichts zu tun hat? Die 25000 Euro seien als Spende gedacht, die der Redner frei verwenden könne, redet man sich heraus. Der weiß leider von nichts. Aber auf ein paar Tausender mehr oder weniger kommt es in so manchem von Parteigeklüngel dominierten Staatsunternehmen bekanntlich nicht an, der Steuerzahler - oder besser der Stromkunde - hat es ja. Und im großen Plan der Energiewende sind das nicht mal Peanuts. Wenn die Bochumer künftig das Licht anmachen, könnte es für einen guten Zweck sein. Oder eben auch nicht.

Die Energiewende hat Umweltminister Peter Altmaier jetzt mit der Mondlandung verglichen. Super-Analogie. Zum Mond kommt man nicht als Erbsenzähler. Ein kleiner Schritt für Deutschland, ein großer für die Menschheit, jedenfalls für die Chinesen. Die freuen sich über die Milliarden aus Deutschland für ihre Solarindustrie. Und Steinbrück kriegt auch was ab. Und wenn alles gutgeht, sitzen wir irgendwann alle gebannt nachts vor dem Fernseher und schauen zu, wie statt Greenpeace der Altmaier auf dem letzten eroberten Atommeiler die deutsche Fahne hisst und den roten „Aus“-Knopf drückt. Wenn das Fernsehbild dann nirgendwo schwarz wird, ist die Energiewende geschafft. Falls es schiefgeht, leuchtet immer noch der gute alte Mond.

Im Land der Muster-Mülltrenner und mit Vorhängeschlössern versehener Mülltonnen gibt es bald ein Jubiläum zu feiern. Das Dosenpfand wird, man glaubt es kaum, schon zehn. Das gibt ein Fest. Wer beobachtet, wie in der Schlange vor dem Pfandautomaten Menschen zerknüllte Plastikflaschen aufpusten und Dosen glätten, damit der Strichcode lesbar wird, der weiß: In diesem Land gelingt auch die Energiewende. Mit dem Dosenpfand hat Urheber Jürgen Trittin auch noch die Sozialpolitik revolutioniert. Denn wer keine Geduld für die Rückgabe hat, schmeißt Dosen und Flaschen guten Gewissens beherzt in den Müll - kleine Spende für die Flaschensammler-Existenzen, die Trittin geschaffen hat. Zum Jubiläum sollte man aber nun wirklich das Pfand anheben, Inflationsausgleich und Kaufkraftstärkung für den armen Sammler müssen auch mal drin sein. Der hat ja keine Gewerkschaft, die ihm zum „Schluck aus der Pulle“ verhilft. Wäre doch ein schönes links-grünes Projekt im Wahljahr.

Zu den Sprüchen, mit denen der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück Rätsel aufgibt, gehört seine Warnung: „Ich glaube, dass es Transparenz nur in Diktaturen gibt.“ Wenn es um die Verwendung öffentlicher Mittel geht, kann es aus unserer Sicht jedenfalls nicht genug Aufklärung geben. Deswegen haben wir am Mittwoch auf die krasse Selbstbedienungsmentalität der Chefs der Kassenzahnärzte hingewiesen. Die tun - im Benehmen mit FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr alles - um ihre völlig überzogenen Abfindungsregeln zu retten, ohne dass die Öffentlichkeit was merkt. Die drei Funktionäre haben zum Jahresgehalt von mehr als 240000 Euro selbst dann Anspruch auf zwölf Monate Übergangsgeld, wenn ihr Vertrag verlängert wird, es also gar keinen „Übergang“ gibt. Das summiert sich bei den derzeitigen Amtsträgern auf bis zu 30 Monate, je rund 600000 Euro - finanziert aus den Zwangsbeiträgen der Kassenversicherten. Geht’s noch gut?

Apropos Diktatur: Auf die Chinesen setzen die Deutschen in Asien die größten Hoffnungen, Diktatur hin, Menschenrechte her. Als politischer Partner gilt das kommunistische Einheitsregime aus deutscher Sicht mehr als die Demokratien in Japan und Indien. Unser Bengale findet diese Einschätzung ziemlich blind. China fehle noch, in die Freiheit geboren zu werden. Diese Hürde habe Indien schon genommen. Deswegen sei das chinesische System intrinsisch instabil, denn mit dem Wohlstand komme das Verlangen nach Freiheit und damit verbunden die Unsicherheit über den Weg dahin. Das wiege manche Nachteile Indiens auf.

Von der Griechenland-Exkursion kam das Kind mit einer Lebens-Lektion zurück. Eine pfiffige Lehrerin hatte die Schüler bei der Besichtigung einer Pyramide plötzlich gebeten, sich an die Wand zu stellen, Hände über den Kopf an die Steine zu legen und das rechte Bein zu heben. Gebannt tat die Klasse mit und harrte auf neue Erkenntnisse über die alten Griechen. „Ach, ich wollte nur mal sehen,was ihr noch so alles glaubt“, lachte die Lehrerin. Diktatur-Prävention, ganz praktisch.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Der besondere Aufsteiger Wie Leipzig die Bundesliga erobern will

RB Leipzig will eine besondere Geschichte im Fußball schreiben – gegen alle Widerstände. Zum Auftakt spielt der Aufsteiger unentschieden. Doch der Klub dürfte sich erst zufriedengeben, wenn der Titel kein Traum mehr ist. Mehr Von Michael Horeni

29.08.2016, 08:22 Uhr | Sport
Angebot eines Start-Up Unfallversicherung für Pokémon-Go-Spieler

Abgesichert gegen Unfälle: Ein deutsch-schweizerisches Start-Up bietet gebannten Pokémon-Go-Spielern eine Versicherung an. Mehr

05.08.2016, 17:52 Uhr | Finanzen
Vertrauliches Treffen Bereitet Merkel mit Kretschmann Schwarz-Grün vor?

Aus seiner Vorliebe für eine Koalition mit der Union auch im Bund macht Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann kein Geheimnis. Nun traf sich der Grünen-Politiker zu einem vertraulichen Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel. Mehr

26.08.2016, 15:38 Uhr | Politik
Nicht olympisch Bier auf Ex und eine Meile rennen

Auf die Plätze, Dose auf und trinken: Im Norden Londons ging es ans Eingemachte bei den Beer Mile World Classic. Die Teilnehmer müssen ein Bier vor jeder Runde trinken. Insgesamt sind vier Runden zu laufen. Mehr

03.08.2016, 10:41 Uhr | Sport
Zum Tod Sonia Rykiels Das Ende einer Ära

Sie hatte ihre ersten Pullover für sich selbst in der Schwangerschaft gestrickt. 1968 traf ihre Mode den Nerv der Zeit und Sonia Rykiel wurde von Paris aus zur Queen of Knits und machte ihr Modehaus zu einer Institution. Mehr Von Jennifer Wiebking

25.08.2016, 13:24 Uhr | Stil

Hartz IV mit Methode

Von Kerstin Schwenn

Die Hartz IV-Leistungen sollen Anfang 2017 steigen. Die Erhöhungen folgen dabei strikten Vorgaben - und trotzdem kommt Kritik von den üblichen Verdächtigen. Das hat Methode. Mehr 11 19

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden