Home
http://www.faz.net/-gqe-75icj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.01.2013, 08:00 Uhr

Auf einen Espresso Gut gemeint

„Gut gemeint“ ist meistens das Gegenteil von „gut gemacht“? Nicht für Peer Steinbrück. Er hat wahren Altruismus bewiesen.

© F.A.Z.

Sind Sie auch noch in freundlicher Ferienstimmung? Weihnachten und Silvester gerade vorbei, die Woche ist ebenso kurz wie der Stau auf der Autobahn - da ist man doch noch einen Tick entspannter, noch einen Tick freundlicher zu den anderen. So, wie es Peer Steinbrück war.

Patrick Bernau Folgen:

Der hat wirklich Altruismus bewiesen, als er im F.A.S.-Interview sagte: „Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig.“ Damit hat er nicht nur gezeigt, dass er Angela Merkel ein höheres Gehalt gönnt, sondern auch gleich seine eigenen Chancen auf dieses Gehalt gesenkt. Er scheint es wirklich gut zu meinen mit seiner ehemaligen Chefin. Der alte Satz davon, dass „gut gemeint“ meistens das Gegenteil von „gut gemacht“ ist - für Steinbrück scheint der nicht zu gelten.

Ein neues Treibhausgas

Wir Normalstromverbraucher kennen das Phänomen aber sehr gut. Gut gemeint haben wir es mit dem Klima und mit unserem Geldbeutel, wir haben im vergangenen Jahr so viele Solarstrom-Module installiert wie nie zuvor. Und was mussten wir dann erfahren? Bei der Produktion von Solarzellen entsteht, ja genau, das Treibhausgas „NF3“, in Langform: Stickstoff-Trifluorid. Es ist 17.000 Mal so schädlich wie Kohlendioxid. Jetzt soll der Ausstoß kontrolliert werden. Und zwar in den Industriestaaten. Viel mehr davon fällt aber in Asien an. Wir meinen es halt immer noch gut mit dem Klima.

Da bleibt nur das Energiesparen. RWE meint es gut mit uns und bietet ein Starterpaket für die schlaue Heizungssteuerung, ganz kostenlos, wenn sie die Rechnung künftig per Mail schicken dürfen. Das System hält den Tag über die Wohnung kühl, und eine halbe Stunde vor der Rückkehr können wir per Internet den Befehl zum Einheizen geben. Freunde haben ähnliche Heizkörper-Thermostate. Die erkennen automatisch, wenn das Fenster geöffnet ist, und schalten die Heizung so lange ab. Leider reagieren sie nicht schnell. Und schalten die Heizung genau dann ab, wenn das Fenster wieder geschlossen wird.

Staatsanleihen-Käufe

Gut meint es ja auch die amerikanische Notenbank. Monat für Monat kauft sie Staatsanleihen, um mit dem ausgegebenen Geld die Konjunktur zu stützen. Doch mit den Monaten wird immer deutlicher, dass das die Krise nicht wirklich löst. Jetzt diskutiert die Notenbank darüber, ob sie bald aufhören soll. Dann würde die Hälfte von Amerikas Haushaltsdefizit nicht mehr von der Notenbank finanziert. Für den Staatshaushalt wäre das gar nicht gut, gerade jetzt, wo Demokraten und Republikaner sich aus Angst vor „Fiskalklippe“ und Rezession mühsam darauf geeinigt haben, die Haushaltskonsolidierung aufzuschieben.

Auch in Deutschland haben die Ämter ja nichts Böses im Sinn, wenn sie vorschreiben, wie weit im Kindergarten die Handtuchhalter auseinanderhängen müssen, damit alles hygienisch zugeht. Oder wie rutschfest die Badezimmerfliesen sein müssen. Schließlich fallen Kinder ständig in den rutschigen Bädern ihrer Eltern auf die Nase. Blöd nur, dass die vielen Vorschriften viele gut gemeinte private Initiativen im Keim ersticken. Und am Ende wundern sich alle, dass es so wenige Kindergartenplätze gibt.

Anonyme Bewerbungen

Womit wir bei den besonders gut gemeinten Ideen wären: den anonymen Bewerbungen. Damit Bewerber mit ausländischen Namen und aus armen Vierteln nicht benachteiligt werden, anonymisieren einige Unternehmen seit Monaten die schriftlichen Bewerbungen für die erste Runde. In Frankreich ist inzwischen die Wirkung getestet worden; die Ergebnisse wurden beim Jahrestreffen der amerikanischen Ökonomen diskutiert - und es zeigt sich: Die anonymen Bewerbungen helfen gar nicht. Offenbar hat es Leuten mit ausländischen Namen vorher eher geholfen, dass sie erkennbar waren. Wenn ihre Bewerbungen anonymisiert waren, wurden sie jedenfalls noch seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen als sonst.

Da bleiben wir doch lieber erkennbar, wünschen Ihnen ein glückliches Jahr und bitten Sie um Ihr Wohlwollen. Sie wissen ja: Wir meinen es nur gut mit Ihnen.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Guardiola und der FC Bayern Ein Hauch von Endzeitstimmung

Aus der Romanze zwischen dem FC Bayern und Pep Guardiola ist eine startende Scheidung geworden. Als Kitt dient nur noch das letzte gemeinsame Ziel – das Triple. Der Weg dorthin scheint mit Attacken und Abwehrgrätschen gepflastert zu sein. Mehr Von Christian Eichler, München

06.02.2016, 13:49 Uhr | Sport
Nach Silvester-Übergriffen Polizei-Razzia in Köln

Im Kölner Stadtteil Gremberg hat die Polizei am Mittwochabend erneut mehrere Lokale durchsucht. Nach Angaben der Polizei sollen sich in diesen Bars, Wettbüros und Internetcafes Personen aufhalten, die diese Räumlichkeiten als Rückzugsraum nach Straftaten nutzen. Mehr

21.01.2016, 12:09 Uhr | Politik
Flüchtlinge Integration – eine völlig unklare Aufgabe

Ist Integration das Ergebnis von kreativem Anarchismus oder staatlicher Steuerung? Die Sorgen vor Ort legen den Gedanken nahe, dass sich die Antwort bald schon erübrigt hat. Mehr Von Jasper von Altenbockum

03.02.2016, 12:02 Uhr | Politik
Nach Silvester Weniger Sicherheitsgefühl, mehr Waffenkäufe

Offenbar wächst unter anderem als Konsequenz aus den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht die Unsicherheit in der Bevölkerung. Die dortige Polizei verzeichnet einen sprunghaften Anstieg von Anträgen für den Kleinen Waffenschein. Auch ein Waffenladen in Essen erfährt verstärkt Zulauf. Mehr

19.01.2016, 09:21 Uhr | Politik
Fastnacht in Hessen Polizei an tollen Tagen im Großeinsatz

Paris, Istanbul, Köln - kein gutes Klima für unbeschwerte tolle Tage, sollte man meinen. Doch Hessens Fastnachter lassen sich die Laune nicht vermiesen. Sie verlassen sich auf die Polizei, die mehr Beamte als sonst einsetzt. Mehr

29.01.2016, 16:23 Uhr | Rhein-Main

Der amerikanische Konsument und seine Laune

Von Winand von Petersdorff, Washington

An der Kauflaune der Amerikaner hängt die Weltwirtschaft. Aber derzeit gibt es viel Besorgnis um den amerikanischen Konsumenten. Zurecht? Nein. Die Lage scheint nur auf den ersten Blick bedrohlich. Mehr 7 10


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden