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Veröffentlicht: 16.03.2013, 13:28 Uhr

Auf einen Espresso Gerecht bis selbstgerecht

Heike Göbel

Ein bisschen Papst muss sein, auch in dieser Kolumne. Schließlich haben wir auf dem Dach des Petersdoms mal Espresso serviert bekommen. Über die große Versuchung Twitter kann sich heute jeder an den Papst ranschmeißen und ruck. zuck zwischen Arsenal gegen Bayern einen Kommentar raushauen. Für Frieden und (soziale) Gerechtigkeit solle sich Franziskus einsetzen, fordern Linke-Fraktionschef Gregor Gysi und Bayerns SPD-Spitzenkandidat Christian Ude fast wortgleich. Wer wollte ihren Allgemeinplätzen widersprechen? Eine Demutsgeste hätte den beiden selbstgerechten linken Sonnenkönigen besser angestanden. Wie wäre es mit dem Gelöbnis, dem Papst nachzueifern im bescheidenen Auftritt, im Wahlkampf von nun an strikt bei der Wahrheit zu bleiben und den Seehofer auch nicht mehr „Drehofer“ zu nennen?

Möge der Papst ein anderes Verständnis von Gerechtigkeit haben als die Spitze der deutschen Linken und Sozialdemokraten, deren dringlichste Sorge einer festen Obergrenze für Managergehälter und saftigen Steuererhöhungen gilt. Vielleicht gelingt es Franziskus, der sich, wie man liest, mit echter Armut und nackter Not in Lateinamerika auskennt, die deutsche Armutsdebatte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die Ärmsten der Armen leben nicht in Deutschland. Es wäre einiges gewonnen, wenn der Wettlauf um den umfassendsten Armutsbegriff hierzulande aufhörte. Und man wieder unterscheiden lernte, wo echte Not herrscht und wo nicht. Dann könnte man übrigens auch gezielter helfen.

Wie der Papst wohnt, wissen wir nicht. Ob es die Rauhfasertapete bis in den Vatikan gebracht hat? Falls ja, leistet das Bundesumweltministerium gernBeistand, wenn es gilt, Ökologie und Religion zu versöhnen. Im Märztipp erklärt Peter Altmaiers Haus jedenfalls, wann eine deutsche Tapete ökologisch einwandfrei ist: Pro 1000 Kilo Neupapier müssen schon 800 Kilo Altpapier drin sein. Aber natürlich nicht irgendein Altpapier, sondern mindestens zur Hälfte „minderwertiges Altpapier aus Haushaltssammelware“. Die Herkunft des Holzes für die eingesetzten Primärfasern muss belegt sein. Es darf nicht aus irgendeinem Wald stammen, sondern nur aus einem „nachweislich nach den Grundsätzen einer nachhaltigen Forstwirtschaft“ bewirtschafteten. Ob der Vatikan schon Papier sammelt?

Vielleicht sollte sich Franziskus für Frauenförderung interessieren, bevor ihn die EU-Kommissarin Viviane Reding zur Quote zwingt. Wie man guten Willen zeigt, auch das könnte er bei Altmaier abschauen. Zwar liegt die wirkliche Macht in Umweltministerium in Männerhand, doch zwei parlamentarische Staatssekretärinnen hübschen das Bild auf. Und jetzt hat Altmaier auch noch eine Ausstellung über „Visionäre Frauen des Umwelt- und Naturschutzes 1899 bis heute“ in seinem Haus eröffnet. Im Beisein von Bianca Jagger (so viel Glamour muss sein) und der „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl (so viel links muss sein). Ob die Bundeskanzlerin, als erste deutsche Umweltministerin auch unter den „21 exemplarisch ausgewählten Frauenbiografien“ ist, wissen wir nicht. So viel Chefin muss vermutlich nicht sein.

Weltverbesserung geht nicht nur den Papst an. Trotzdem hat uns eine Pressemitteilung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel überrascht, überschrieben mit „Innovative ökonomische Lösungen durch eine positive Sichtweise“. Demnach ist der Präsident des Instituts, Dennis Snower, nun Mitglied einer vom französischen Staatspräsidenten Franziskus, pardon, François Hollande gegründeten Kommission für „Positive Wirtschaft“. Sie soll Lösungen für die drängenden Herausforderungen finden, die bis zum Jahr 2030 zu bewältigen sind. Der Anspruch: „Die gesammelten menschlichen Fähigkeiten sollen durch die Positive Ökonomie zum Aufblühen gebracht werden. Die Erde soll nicht als Ressourcenlager des Menschen gesehen werden, sondern ein gemeinsames Miteinander ermöglichen. Zusammengefasst entsteht ein neues ökonomisches Modell, das weit über die Marktwirtschaft hinausgeht.“ Und das alles bis Mai. Wir sind gespannt, ob die EZB dann mit dem Gelddrucken aufhören darf oder die Notenpresse noch schneller laufen muss.

Positiv denken schadet natürlich nie und fängt zu Hause an. Das Mädchen hat gerade eine Fünf in Biologie heimgebracht. Da wächst offenkundig keine visionäre Frau für den Umwelt- und Naturschutz heran. Wie auch, wenn man Pestizide für Bakterien hält. Selbst in der Schule geht es bisweilen ganz gerecht zu.

Quelle: F.A.Z.

 

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