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Auf einen Espresso Es geht uns gut

Ja, auch wir sind in der vergangenen Woche den Aufforderungen aus dem Kulturbetrieb gefolgt und haben „Unsere Mütter, unsere Väter“ im Fernsehen gesehen.

Ja, auch wir sind in der vergangenen Woche den einschlägigen Aufforderungen aus dem Kulturbetrieb gefolgt und haben „Unsere Mütter, unsere Väter“ im Fernsehen gesehen. Alle drei abendfüllenden Folgen lang, obwohl es in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts gar nicht so einfach ist, sich die entsprechenden Stunden frei zu halten. Dazu generationenübergreifend die gesamte Familie zusammenzutrommeln ist heutzutage auch nicht so leicht möglich. Denn Familien sind recht häufig über Deutschland verteilt, um ihrem Broterwerb nachgehen zu können. Aber wir haben, wie von den Filmschaffenden erhofft, über ihr Werk diskutiert und dabei festgestellt, was eine große deutsche Wochenzeitung folgerichtig zu ihrer Titelgeschichte erkoren hat: Den Deutschen geht es heute richtig gut.

Carsten Knop Folgen:      

Der eine Großvater kannte Italien nur aus dem Krieg, der andere hat jahrelang in Russland in Gefangenschaft gesessen. Der eine hat später viel über seine Erfahrungen berichtet, der andere kein einziges Wort. Schon darin zeigte sich dem Enkel früh der Unterschied zwischen amerikanischer und russischer Kriegsgefangenschaft. Aber für beide Vorfahren gilt: Sie haben einen großen Teil ihrer besten Jahre auf diesen furchtbaren Krieg verschwendet - und danach gemeinsam Deutschland einfach wieder aufgebaut. Das haben sie so gut gemacht, dass wir nun auch voller Dankbarkeit ihnen gegenüber sagen können: Es geht uns gut.

Und dann haben wir festgestellt, dass der Espresso der Woche zunächst etwas bitter daherkommen wird. Bitter deshalb, weil wir Deutschen im Alltag einfach zu häufig vergessen, dass das Land so gut dasteht. Weil wir zu viel meckern, anderen zu wenig helfen - und uns zu wenig für den Fortbestand unserer stabilen Demokratie einsetzen, die der Gegenentwurf zum abendlichen Filmgeschehen ist. Wie aber kann man es sich erlauben, über „Politikverdrossenheit“ zu klagen, wenn immer weniger Menschen zu Wahlen gehen? Wenn so gut wie niemand bereit ist, sich für die Schule seiner Kinder, den Sportverein oder die Gemeinde zu engagieren? Dort finden sich zwar immer noch ein paar, die den Betrieb aufrechterhalten; doch von einer breiten Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitarbeit kann nicht die Rede sein. Ist das aber, jenseits aller fleißigen Arbeit im Betrieb, nicht genau das, was wir brauchen, um auch weiterhin sagen zu können, dass es uns gutgeht? Geschäftsmodelle sind nicht alles.

Aber in dieser Woche haben wir auch gelernt, dass es sogar ganze Länder mit einem „Geschäftsmodell“ gibt. Ist das nicht furchtbar? Wenn sich die ganze Volkswirtschaft eines Landes auf die Geschäftsidee stützt, mit (Schwarz-)Geld aus Russland Bankbilanzen aufzublähen? Ausgerechnet aus Russland! Wir drücken den Zyprern die Daumen, dass sie daraus lernen. Wohlstand kann man nicht in der Schwarzgeld-Lotterie gewinnen, man muss dafür schaffen. Nicht nur die Deutschen, die in dem Land schon schöne Urlaubstage verbracht haben, würden es den Bewohnern der Insel im Süden von Herzen wünschen, wenn auch sie bald wieder sagen könnten: Es geht uns gut.

Es geht uns allerdings noch nicht so gut, dass wir bereit wären, die jüngste Handwerkerrechnung zu bezahlen, die uns soeben ins Haus flatterte. Da wurden für 90 Kilometer Anfahrtsweg doch tatsächlich 247,50 Euro in Rechnung gestellt. Unglaublich. Und dann sagen uns die Statistiker, wir hätten keine Inflation, und andere behaupten, die Deutschen hätten Europa in den vergangenen Jahren vor allem mit ihrer Lohnzurückhaltung kaputtgemacht. Erst dadurch sei die Schere zu den Ländern im Süden so weit aufgegangen. Letztlich hätten die Menschen dort nicht über ihre Verhältnisse gelebt, sondern wir Deutschen unter unseren. Wie bitte? Das kann doch nicht stimmen. Denn die einzelne Arbeitsstunde wird auf derselben Rechnung mit sage und schreibe 86 Euro berechnet. Wenn das, um an den Einstieg anzuknüpfen, unsere Mütter und unsere Väter noch gesehen hätten! Aber ach, wir hatten uns ja vorgenommen, gerade nicht meckern zu wollen. Freuen wir uns also mit den deutschen Handwerkern, dass es in diesem Land möglich ist, solche Rechnungen zu schreiben - und versuchen es einfach mal auf einem anderen Weg: Liebe Südeuropäer, ihr seht, es gibt Hoffnung. Lernt ein Handwerk, nutzt die Arbeitnehmer-Freizügigkeit in der Europäischen Union, kommt nach Deutschland, verdient hier euer Geld. Denn den Deutschen geht es verdammt gut. Und wer etwas leistet, wird hier sehr häufig auch gut bezahlt, sogar selbst dann, wenn man kein Manager ist. Und vielleicht haben ein paar von euch ja auch Lust, im Sportverein mitzumachen.

Quelle: F.A.Z.

 
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