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Auf einen Espresso Alles ganz einfach

 ·  Warum machen wir uns das Leben eigentlich immer so schwer? Das Leben kann so einfach sein - für die, die sich trauen. Sie können Griechenland retten, die Arbeitslosigkeit bekämpfen und die EU umkrempeln.

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Warum machen wir uns das Leben eigentlich immer so schwer? Das Leben kann so einfach sein - für die, die sich trauen. Die einfach mal die Zahnseide weglassen. Einfach mal keinen Bausparvertrag unterschreiben. Und einfach mal ihre Schulden nur zu einem Drittel zurückzahlen.

So hat das die EU für Griechenland beschlossen. Das heißt: Nicht für die vielen Schulden, die Griechenland bei öffentlichen Gläubigern hat. Auch die Staaten haben es sich einfach gemacht, sie behalten all ihre Rückzahlungsansprüche. Das neue Verzichtsangebot gilt nur für die privaten Kreditgeber, deren Ansprüche sowieso schon zusammengestrichen sind. Immerhin ist die „freiwillige Beteiligung“ dieses Mal wirklich freiwillig. Niemand muss - jeder darf sich freiwillig 1000 Euro Rückzahlungsansprüche für ungefähr 300 Euro abkaufen lassen. Keiner wird gezwungen. Das muss man ja bei Griechenland inzwischen dazusagen. Doch dieses Mal haben es die Griechen sich und ihren Gläubigern einfach gemacht - und für die Staatsanleihen einen Kaufpreis in Aussicht gestellt, der weit über dem Börsenkurs lag. Das Geld kommt ja von den anderen.

Griechenland macht es sich sogar so einfach, dass viele gar nicht mehr tauschen können. Denn tauschen darf nur, wer noch genügend Ansprüche gegen Griechenland hat. Gehen wir das Ganze mal in Ruhe durch, machen wir es leicht zu verstehen: Die Gläubiger haben einst Anleihen gekauft. Im ersten Schuldenschnitt haben sie auf mehr als die Hälfte ihrer Ansprüche verzichtet. Den neuen, niedrigeren Betrag bekamen sie in 20 unterschiedlichen Anleihen. Und wer jetzt in einer dieser 20 Anleihen noch 1000 Euro Rückzahlungsansprüche hat - der darf tauschen. Alle anderen bleiben außen vor. Es wäre ja auch viel zu kompliziert abzuwickeln. Wer will sich schon mit solchen Peanuts rumschlagen?

Auch die CDU hat’s verstanden

Auch die CDU hat verstanden, wie es einfacher geht. Und verzichtet bei ihren Parteitagen auf unnötige Komplikationen. Ja, nein, Enthaltung: Das ist viel zu kompliziert zu rechnen. Also streicht die CDU bei ihren Wahlen die paar Enthaltungen, bevor sie die Zustimmung ausrechnet. Netter Nebeneffekt: Prompt sieht das Wahlergebnis von Angela Merkel noch einen Prozentpunkt kubanischer aus.

Von Kuba kann man sowieso ganz gut lernen, wie man sich das Leben erleichtert. Die EU-Kommission hat diese Lehre vielleicht schon verinnerlicht. Das Problem: In der EU sind zu viele junge Leute arbeitslos, mehr als 20 Prozent. Sozialkommissar László Andor hat jetzt seine simple Lösung vorgestellt. Sie ist schon in den neunziger Jahren in Kuba bei ähnlichen Arbeitslosenquoten mit großem Erfolg eingeführt worden - und es handelt sich um: die Arbeitsplatzgarantie. Vier Monate dürfen Jugendliche nach Andors Vorstellung arbeitslos sein, dann sollen die Staaten ihnen einen Job anbieten. So einfach schafft man Arbeitsplätze!

Norbert Walter-Borjans ist die Welt ebenfalls zu schwierig geworden. Walter-Borjans, das ist der Finanzminister von Nordrhein-Westfalen. Er hat schon die Fahndung nach Steuerhinterziehern vereinfacht, indem er seine Finanzämter gestohlene Daten von Schweizer Banken kaufen ließ. Doch offenbar sind ihm die Ermittlungen immer noch zu kompliziert, sie dauern zu lange. Jetzt hat er noch eine Idee zur Steuer(fahndungs)vereinfachung gehabt: Einfach die Verjährung abschaffen. Verjähren soll Steuerbetrug nur noch, wenn man irgendwann eine korrekte Steuererklärung abgegeben hat. Das ist ungefähr so, als würde ein Diebstahl erst nach dem Geständnis verjähren. Längere Verjährungsfristen gibt es nur noch für Mord. Auch ein Weg, sich das Leben zu vereinfachen.

Bei so viel Vereinfachung bleibt nur eine Frage: Hat Herman van Rompuy die ganze Woche über nicht aufgepasst? Der ist immerhin Präsident der EU-Regierungschefs und hat in deren Auftrag jetzt monatelang an einem großen Zukunftsplan für die EU gearbeitet, der die EU quasi neu erfinden soll, um künftige Krisen zu verhindern. Am Donnerstag hat er ihn vorgestellt, den großen Wurf. Seine Vorstellung hat er in einem Schaubild zusammengefasst, gegen das sich ein Schaltdiagramm aus dem Physikunterricht wie ein Kinderbuch ausnimmt. Vielleicht dachte er auch nur: Wenn jetzt der Rest des Lebens so einfach ist, dann haben wir ja den Kopf frei, um uns die neuen EU-Mechanismen zu merken.

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08.12.2012, 08:10 Uhr

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