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Auf einen Espresso Aktives Vergessen

Man vergisst ja so schnell in diesen Tagen. Oder können Sie sich noch daran erinnern, wie wir zum letzten Mal hier am Espresso genippt haben? Und was ist denn da drüben schon wieder los?

Man vergisst ja so schnell in diesen Tagen. Oder können Sie sich noch daran erinnern, wie wir zum letzten Mal hier am Espresso genippt haben? Klar, als regelmäßiger Gast unseres kleinen Cafés wissen Sie natürlich, dass wir hier jeden Samstag servieren und unser letzter Espresso nur sieben Tage her sein kann. Aber was ist seitdem passiert! Was war das für eine hektische Woche! Wir hätten glatt gedacht, der letzte Sonntag sei schon drei Wochen her - wenn uns nicht alle fünf Minuten unser Smartphone an einen Termin erinnern würde. Da vergisst man das Datum nicht.

Patrick Bernau Folgen:

Der Montag war ja noch ganz ruhig. Aber schon am Dienstag sagten die neuen Deutsche-Bank-Chefs laut, sie wollten ihre Bank bescheidener machen. Von den 25 Prozent Rendite haben sie sich jetzt öffentlich verabschiedet. Darüber könnte man noch den ganzen Mittwoch nachdenken. Aber dann nimmt der Fernseher schon morgens die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, denn dort kommen acht Leute in roten Roben aus der Tür. Die Verfassungsrichter erzählen, dass der Rettungsfonds ESM schon ganz in Ordnung ist - aber sie erinnern sich an die jüngsten Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank und wollen die demnächst unter die Lupe nehmen. Schon überlegen wir, ob das Verfassungsgericht der EZB Vorschriften machen kann. Dann kommt der Abend, und Apple stellt das neue iPhone vor. Immerhin: Wenn wir den Technik-Kollegen glauben, können wir wenigstens das beruhigt vergessen.

Die revolutionärste Neuerung

Halt, langsam. In solchen Zeiten geht die revolutionärste Neuerung völlig unter. Nach fünf Jahren bekommt das iPhone endlich eine Schaltfläche, um Anrufe abzulehnen.

Zum Glück hilft uns in Zukunft Stefan Raab, in so komplizierten Wochen den Durchblick zu behalten. Pünktlich am 11. November, zum Beginn des Karnevals, geht er mit einer neuen Talkshow auf Sendung. In der bespricht er - passend zur neuen Hektik - gleich vier Themen pro Woche. Bürger treten gegen Politiker an. Und wer von den Rednern das Publikum besonders gut überzeugt, bekommt 100.000 Euro zur freien Verwendung. Das müssen wir noch mal langsam lesen. 100.000 Euro? Zur freien Verwendung? Für einen Politiker? Womöglich noch im Geldkoffer? Wer so was macht, der muss schon sehr vergesslich sein.

Soros empfiehlt Deutschland den Euro-Austritt

Jaja, ist ja schon gut. Wir wissen schon noch, dass es bei Wolfgang Schäubles vergessenem Geldkoffer einst um 100.000 Mark ging und nicht um 100.000 Euro. Aber ist nicht so schlimm. Wenn es nach dem Hedgefonds-Manager George Soros geht, könnte Deutschland auch bald wieder in Mark rechnen. „Führen oder gehen: Zwischen diesen Varianten muss sich Deutschland entscheiden“, hat er in einem Interview gesagt. Vielleicht ist am Ende das der Satz der Woche, den einige Deutsche nicht vergessen. Man merkt sich immer das leichter, was man sich selbst wünscht.

Nur Bettina Wulff hätte sich vermutlich gewünscht, die Deutschen wären noch vergesslicher. Und würden sich nicht immer wieder an die Gerüchte erinnern, sie habe mal im Rotlichtmilieu gearbeitet. Aber da war Google vor - die Maschine, die nicht nur beim Suchen hilft, sondern dem Vergessen aktiv vorbeugt, indem sie immer die passenden Suchbegriffe parat hat. „Be“ eintippen, und Google ergänzt: „Bettina Wulff Prostituierte“ - weil danach so viele Leute suchen. Für Bettina Wulff ist diese Funktion schlimm. Uns Aufmerksamkeits-Geplagten hilft es zu wissen, was wir eigentlich wollten. Worum ging’s uns noch mal? Vergesslichkeit? Wir tippen’s ein, und Google bringt uns bei: „Vergesslichkeit mit 20“ scheint für die Deutschen ein größeres Problem zu sein als „Vergesslichkeit mit 50“.

Näher an den 20 als an den 50

Wir sind noch näher an den 20 als an den 50, fühlen uns also sofort angesprochen. Es scheint noch mehr Leuten so zu gehen. Vielleicht gibt es ja ein Mittel für die Konzentration und gegen Vergesslichkeit. Wir könnten unseren Arzt oder Apotheker fragen. Stop, nein! Noch so eine Idee, die wir angesichts der kommenden Streik-Wochen besser schnell wieder vergessen.

Und was lernen wir jetzt aus all dem, was diese Woche passiert ist? Lassen Sie uns noch einen Espresso bestellen, um die Ereignisse ordentlich sacken zu lass... aber gucken Sie mal da, in der Twitterbox rechts, was ist da eigentlich schon wieder mit Spanien los?

Man lernt nicht aus: Ursprünglich stand in diesem Text, das iPhone habe „gelernt, Anrufe abzulehnen“ - dabei kann es das schon lange: Wenn der Besitzer zweimal auf die Standby-Taste drückt. Gefunden hatte ich das nicht, umso dankbarer bin ich für die Schaltfläche - und für den Hinweis, lieber @vierzueinser.

Quelle: F.A.Z.

 
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