Eigentlich wollten wir diese Zeilen exklusiv für unsere Leserinnen schreiben, von Quoten-Frau zu Frau, als Reverenz an den Weltfrauentag. Aber dann fiel uns ein, dass der 8.März ja dazu da ist, dem modernen Mann und Chef ein schlechtes Gewissen zu machen. Also müssen Sie, lieber Leser, da nun durch und sich ein paar kritische Fragen gefallen lassen: Heute schon den Müll rausgetragen? Ungefragt Blumen mitgebracht? Wie viele Chefinnen haben Sie neben sich? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Der Preis für den „Spitzenvater 2012“ ist übrigens schon vergeben. Ausgezeichnet wurde als „emanzipierter“ Vorreiter des Erziehungsurlaubs ein Vater aus Hamburg, der schon in den neunziger (!) Jahren zu Hause blieb, um seiner Frau beruflich den Rücken freizuhalten. An dieser Stelle erwarten wir mindestens eine Schweigeminute all unserer Redaktionskollegen, die heute ohne Mutprobe mit dem Chef unbeschwert ihre bezahlten Vätermonate genießen.
Wie schön, dass der Bundestag seine enorme Bedeutung auch bei diesem Thema unter Beweis stellt. Zur Frauenfrage redete am Donnerstag fast ausnahmslos die stolze Spezies der „Gleichstellungspolitikerin“. Jede Partei hat ein paar davon, immerhin werden die Doppelnamen seltener. Ihrem Anliegen wäre man zugeneigter, wenn es nicht immer noch in eine grässliche Gender-Sprache verpackt wäre, die irgendwo in den siebziger Jahren wurzelt. Da trauen sich die Regierungsfraktionen tatsächlich, im Jahr 2012 einen Antrag mit „Geschlechtergerechtigkeit im Lebensverlauf“ zu überschreiben. Er enthält so unverdauliche Sätze wie: Die Bundesregierung wird aufgefordert, „dem im Ersten Gleichstellungsbericht formulierten Anspruch an eine konsistente Gleichstellungspolitik in Lebensverlaufsperspektive zu genügen, indem Schwerpunktthemen der Gleichstellungspolitik anhand ihrer weichenstellenden Bedeutung im Lebensverlauf von Männern und Frauen identifiziert und Rahmenbedingungen so verändert werden, dass Fehlanreize zur Überbewertung kurzfristiger Vorteile zulasten langfristiger Nachteile im Geschlechterverhältnis abgebaut werden.“ Häh? Wer auf solche Sätze baut, sollte nicht damit rechnen, bald Gehör zu finden.
Und die nächste Generation? Wir fragen die zwölfjährige Tochter nach dem Stand der Gleichberechtigung in der Schule. Kein Thema, sagt sie. Dann fällt ihr doch was ein. Wenn zwei Jungs sich streiten, interessiere das die ganze Klasse. Stritten zwei Mädchen miteinander, interessiere das kein Schwein.
Gestritten wird seit einer Woche quer durch die Republik über die Gehälter im öffentlichen Dienst. Verdi-Chef Frank Bsirske versucht es (typisch Mann) erst gar nicht mit friedlichen Mitteln, sondern gleich mit nervigen Streiks. Wo sitzen die größten Claqueure? Richtig, wieder mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Gegen die Lohnforderung von 6,5 Prozent könne man kaum etwas sagen, befindet der Kommentator vom Ersten. Die sei „vollkommen o. k.“ Man muss gönnen können: Wer es gewohnt ist, sich beim Gebührenzahler zu bedienen, hat auch kein Problem damit, den Steuerzahler anzuzapfen.
Die Fakten sollten aber stimmen: Verdi wolle nur so viel wie die IG Metall, behauptet der Fernsehmann. Das stimmt nicht. Bsirske verlangt einen Mindestaufschlag auf die Löhne von 200 Euro. Deshalb liegt seine Forderung in Wahrheit bei 8 Prozent.
Auch Norbert Röttgen hat keine Probleme, das Geld der Bürger auszugeben. Die „Spiegel“-Kollegen haben den CDU-Umweltminister zum Jahrestag des Atomausstiegs gefragt, ob er glaube, dass die Hartz-IV-Familie gerne bereit sei, 120 Euro im Jahr in den Ausbau der erneuerbaren Energie zu investieren. Röttgen lapidar: Das sei ein anderes Thema und das EEG (das Gesetz, das die Zwangsabgabe der Stromverbraucher für erneuerbare Energien regelt) „kein Instrument der Sozialpolitik“. Soll wohl heißen: Dann muss eben die Sozialministerin sehen, wie sie für einen Ausgleich sorgt. Solche Sätze sind aller Schulden Anfang. Und leider besteht kein Grund zur Annahme, dass eine Frauenquote im Kabinett der Staatsverschuldung den Garaus machen könnte.