http://www.faz.net/-gqe-7ui3c

Misshandlungen in Asylbewerberheimen : Wenn Beschützer Täter werden

  • -Aktualisiert am

Das undatierte Handout der Polizei zeigt zwei Sicherheitsleute, die in der ehemaligen Siegerland-Kaserne in Burbach einen am Boden liegenden Flüchtling misshandeln. Bild: AFP PHOTO / POLIZEI HAGEN

Sicherheitsleute sollen einen Asylbewerber gedemütigt und misshandelt haben. Zwei von ihnen waren polizeilich bekannt, unter anderem wegen Körperverletzung. Wie kommt es, dass private Sicherheitsfirmen solches Personal einstellen?

          Ein junger Ausländer liegt mit Handschellen gefesselt in einem kahlen Raum, sein Körper ist vor Schmerzen gekrümmt, das Gesicht auf den Boden gepresst. Im Nacken hat er den Stiefel eines uniformierten Sicherheitsmannes, der die Machtposition sichtlich zu genießen scheint: Er grinst breit in die Kamera, den rechten Daumen streckt er zur Siegerpose nach oben. Ein zweiter Kollege beobachtet die Szenerie aus dem Hintergrund, auch er lächelt.

          Aufgenommen wurde das makabere Foto in einer Flüchtlingsunterkunft im siegerländischen Burbach, es zeigt zwei Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes SKI, die einen Asylbewerber misshandeln. Seit vergangenem Freitag ermittelt die Polizei gegen die beiden Wachmänner, auch zwei weiteren SKI-Angestellten wird vorgeworfen, Flüchtlinge in der Unterkunft misshandelt zu haben. „Das sind Bilder, die man sonst nur aus Guantanamo kennt“, kommentierte der örtliche Polizeipräsident die Aufnahmen.

          Das Schockierende an dem Vorfall: Zwei der Beschuldigten waren polizeilich bereits bekannt – unter anderem wegen Körperverletzung. Sie hätten also gar nicht in der Flüchtlingsunterkunft arbeiten dürfen. „Wenn sich Arbeitgeber bei der Einstellung nicht einmal das Führungszeugnis zeigen lassen, sagt das viel darüber aus, was bei manchen Unternehmen schiefläuft“, meint Harald Olschok, Geschäftsführer beim Bundesverband der Sicherheitswirtschaft. Denn eigentlich ist ein einwandfreier Leumund Voraussetzung für die Arbeit im Security-Bereich. Viele Unternehmen scheinen bei ihren Angestellten jedoch nicht allzu genau hinzusehen – wohl auch, weil ein Auffliegen unwahrscheinlich ist: „Viele Gewerbeaufsichten sind mit der Kontrolle der Anbieter völlig überfordert“, erklärt Olschok.

          Der private Betreiber unterhält rund 40 Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

          Erschwert wird die Arbeit der Behörden auch durch die oftmals verworrenen Beziehungen zwischen den verschiedenen Dienstleistern. So auch im Fall der Unterkunft in Burbach: Der dort eingesetzte private Sicherheitsdienst SKI ist ein Subunternehmer von European Homecare (EHC), einem der größten Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland: Rund 40 solcher Einrichtungen unterhält EHC hierzulande – und vergibt den Sicherheitsdienst dabei grundsätzlich an andere Unternehmen. Bei einer Kontrolle des Betreibers fallen dadurch mögliche Mängel des Sicherheitspersonals nicht unbedingt auf; schließlich sind diese Mitarbeiter bei einem anderen Unternehmen angestellt.

          Dabei bleibt auch oft die Qualität der Sicherheitsleute auf der Strecke: Sie müssen – neben der theoretischen Vorlage eines Führungszeugnisses – lediglich einen einwöchigen Kurs bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) bestehen. In Internetforen wird die dazugehörige Prüfung jedoch als „Idiotentest“ verspottet. Die angehenden Sicherheitsleute erhalten zudem stets dieselbe Schulung – ganz gleich, ob sie einmal auf Weihnachtsmärkten oder in Asylbewerberunterkünften eingesetzt werden sollen. Auch wer selbst ein Sicherheitsunternehmen gründen will, muss nur leicht strengere Vorgaben erfüllen. So kann quasi jeder hierzulande in das Geschäft mit Security-Dienstleistungen einsteigen; rund 4000 solcher Unternehmen soll es insgesamt geben. „Das sind viel zu viele“, kommentiert Experte Olschock die Masse an Anbietern.

          Flüchtlingsrat: Die Kommunen sind mit der Kontrolle überfordert

          Die Folge dieses aufgeblähten Marktes: ein extremer Preiskampf zwischen den privaten Anbietern, freie Stellen müssen möglichst schnell besetzt werden, um konkurrenzfähig zu bleiben. „Für viele Unternehmen steht meist allein die Gewinnmaximierung im Vordergrund“, beobachtet auch Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bunds Deutscher Kriminalbeamter in Nordrhein-Westfalen. Dies wirke sich nicht nur auf die Gehälter der Sicherheitsleute aus: „Die Angestellten sind oft im Niedriglohnsektor beschäftigt, dementsprechend schlecht sind sie ausgebildet“, sagt Fiedler. Auch der in die Schlagzeilen geratene Sicherheitsdienst SKI scheint seine Mitarbeiter nicht gut entlohnt zu haben: Das neue Personal in der Asylunterkunft muss ab sofort wenigstens den Mindestlohn erhalten – so legte es die dortige Bezirksregierung als Konsequenz aus den Misshandlungen fest. Von welchem Dienstleister künftig die Sicherheitsmänner in Burbach kommen werden, wollte der Betreiber HEC bislang aber nicht mitteilen.

          Fiedler kritisiert vor allem eine wachsende Privatisierung der Sicherheitsbranche, die „durch die Hintertür“ erfolge. Während es in NRW immer weniger Polizisten gebe, sei die Zahl der privaten Wachmänner in den vergangenen Jahren gestiegen. „Das geht natürlich zulasten der Qualität“, so Fiedler. Wenn der Staat private Dienste für Flüchtlingsunterkünfte engagiere, müsse er auch gewisse Standards für die Mitarbeiter festlegen – und diese kontrollieren. „Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Bezirksregierungen diese Kontrollfunktion alleine stemmen können“, sagt Fiedler.

          Auch der Flüchtlingsrat NRW zeigt sich entsetzt über die Vorfälle in Burbach. „Wir fordern schon seit Jahren eine bessere Betreuung von Asylbewerbern“, sagt eine Sprecherin. Die Kommunen seien mit der Kontrolle der privaten Anbieter heillos überfordert. Ähnliche Misshandlungen wie die des gefesselten Mannes seien dem Flüchtlingsrat zuvor zwar noch nicht gemeldet worden; ausschließen wolle man so etwas jedoch nicht, so die Sprecherin. Denn: „Die Flüchtlinge hätten vielerorts nicht einmal die Möglichkeiten, sich über solche Demütigungen zu beschweren.“

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Eröffnung des BER: Oktober 2020 Video-Seite öffnen

          Neuer Termin : Eröffnung des BER: Oktober 2020

          BER-Chef Engelbert Lütke Dalrup: „Die Eröffnung im Oktober 2020 ist auch dann belastbar, wenn neue Schwierigkeiten auftreten sollten. Wir haben ausreichende Sicherheitspuffer eingeplant.“

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Die provisorische Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlages auf dem Breitscheidplatz in Berlin.

          Behördenversagen : Attentäter Amri stärker überwacht als bekannt

          Neue Hinweise zeigen, wie viel die Behörden dank umfassender Überwachung schon mehr als ein Jahr vor seinem Weihnachtsmarkt-Anschlag über Anis Amri wussten. Warum wurde er nicht festgenommen? Auch dazu gibt es Vermutungen.
          Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner Mitte Dezember in Berlin.

          Sonntagsfrage : FDP und Union verlieren an Zustimmung

          Der Jamaika-Abbruch tat offenbar weder den Liberalen noch der Union gut – zumindest in der jüngsten Umfrage. Von Zweistelligkeit wäre Christian Lindners Partei derzeit ein gutes Stück entfernt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.