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Aschewolke Gestrandet auf Mallorca

18.04.2010 ·  Auf der Balearen-Insel sitzen Tausende Urlauber fest. Zimmer sind genügend frei. Manche Reiseveranstalter bezahlen den längeren Hotelaufenthalt automatisch, doch selbstverständlich ist das nicht. Denn die Aschewolke ist höhere Gewalt. Und da ist Kulanz gefragt.

Von Rüdiger Köhn, Mallorca
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Der Reiseleiter konnte zur Betreuung der Gäste nicht in das Hotel kommen. Keine Informationen über Sehenswertes auf der Balearen-Insel Mallorca, kein Verkauf organisierter Besichtigungstouren, kein Mietwagenverleih. Stattdessen ist Anton Duvnjak wie seine Kollegen von Neckermann Reisen, Tui und Thomas Cook dabei, das Chaos zu organisieren, und das bereits seit Freitag.

Die Reiseleitung sei mit der Behebung der Unannehmlichkeiten beschäftigt, werden die Urlaubsgäste per Aushang in den Hotellobbys auf drohendes Ungemach eingestimmt. Daher würden weder Ferieninformationstreffs noch die planmäßigen Besuchszeiten stattfinden. Stattdessen laufen die Reisebetreuer selbst Mitten in der Nacht durch Hotelflure, um nichts ahnende Urlauber zu wecken und ihnen mitzuteilen, dass sie - entgegen der Planung - nicht früh am morgen vom Bus zum Flughafen transferiert werden. Oder schlimmer: Sie steigen tatsächlich morgens um drei Uhr in den Bus ein, um zum Flughafen in Palma transferiert zu werden. Flüge nach Barcelona gehen noch. Daher werden die Urlauber auf das spanische Festland gebracht, von wo Busse auf die Odyssee gen Norden gehen.

„Hier herrscht Ausnahmezustand“, sagt Duvnjak stellvertretend für viele im Team der Reiseleiter, die versuchen, in Cala Rajada im Nordosten der Ferieninsel so gut es geht die noch geduldigen Gäste zu informieren; wenn sie sie schon nicht bei Laune halten können. Wie geht es weiter, nachdem in Deutschland wie in Europa die Flughäfen geschlossen worden sind?

Der Nachschub an Touristen bleibt aus

Viele Fragen kann er nicht beantworten, da er nur die Informationen weitergeben kann, die er von der Zentrale des Reiseveranstalters auf der Insel und die wiederum von den Leitstellen in Deutschland erhält. Die sind nicht immer die frischesten, vor allem aber sind sie dürr. Die Urlauber stehen ratlos da und wissen nicht, wie es weiter geht. Nicht viel anders geht es den „Frontarbeitern“ der Reiseveranstalter. Es wird vertröstet auf den Nachmittag, auf den Abend, auf Morgen - Tag zwei auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel im Mittelmeer nach dem Vulkan. Denn noch am Sonntag war im Tagesverlauf unklar, inwieweit die Tourismusmaschinerie wieder in Gang gebracht werden kann.

Das Chaos begrenzen heißt, die gestrandeten Gäste, die sich seit Freitagabend wieder in ihrer Heimat wähnen sollten, in den Hotels unter Kontrolle zu behalten und vom Flughafen Son Sant Joan bei Palma de Mallorca fernzuhalten. Seit Freitagabend waren dort tausende Fluggäste zu betreuen, die von der Flugsperre in Deutschland kalt erwischt oder wegen des nur langsam zu stoppenden Transfer-Räderwerks zwischen Hotels und Flughafen noch in die Terminals gespült wurden. Seit Samstag gibt es keine Bustransfers mehr, weder vom noch zum Airport. Die gestrandeten Passagiere wurden von den Reiseveranstaltern in den umliegenden Hotels unter- oder einfach in ihre Hotels wieder zurückgebracht, die sie gerade verlassen hatten.

Zimmer sind genügend frei. Denn zum einen ist derzeit auf Mallorca keine Saison. Die Frühjahrsferien, die den ersten Gästeschub dieses Jahres gebracht haben sind gerade beendet. Die umfangeichen Renovierungs-, Reinigungs- und Restaurationsarbeiten an vielen noch geschlossenen Hotels, Restaurants, Bar oder Kneipen deuten darauf hin, dass die eigentliche Touristenflut aus ganz Europa noch bevorsteht. Mancher auf der Insel wollte sich am Wochenende gar nicht das Desaster vorstellen, wäre die Aschewolke in der Hochsaison von Island abgeschickt worden.

Und es gibt genügend Übernachtungskapazitäten, weil der Nachschub neuer Urlauber ausbleibt. Nach Angaben der spanischen Luftfahrtbehörde Aena sind schätzungsweise 35 000 Urlauber von den Flugsausfällen auf Mallorca betroffen gewesen. Mehr als 90 Flüge von und nach Palma wurden bereits am Freitag gestrichen, rund 40 von und nach Großbritannien, knapp 30 von und nach Deutschland. Am Donnerstag waren schon insgesamt 44 Flugverbindungen aus nordeuropäischen Regionen betroffen. Am Samstag waren allenfalls noch Flüge auf das spanische Festland und vereinzelt auch noch nach Frankreich möglich. Auf den Kanarischen Inseln, dem anderen großen Feriendomizil der Deutschen, sind rund 30 000 Urlauber betroffen.

Bereit zum Abruf

„Ich will nicht nach München“, sagte noch am Freitagnachmittag eine Berlinerin, deren Flug zurück in die Hauptstadt längst nicht mehr möglich war. Am Flughafen Franz-Josef-Strauß bei München starteten und landeten indes noch die Maschinen, auch von Mallorca. Nur wenige Stunden später ging auch dort nichts mehr. Wie andere, wurde die Berlinerin gar nicht mehr abgeholt und verbringt seither das Wochenende bei schönstem Wetter unfreiwillig auf der Balearen-Insel. Bislang hat sie Glück. Denn ihr Reiseveranstalter hat wie die anderen automatisch den Hotelaufenthalt verlängert und auch bezahlt. Zunächst für zwei Nächte. Unklar bleibt das weitere Verhalten von Thomas Cook, Tui, Neckermann Reisen & Co. Selbstverständlich ist der Kostenausgleich nicht. Denn die Aschewolke ist höhere Gewalt. Und da ist bestenfalls Kulanz gefragt.

Manche Mallorca-Besucher jubelten sogar über die Zwangsverlängerung ihres Urlaubes - über das Wochenende. Da die Lage unklar bleibt, vor allem aber auch noch Geduld wegen der langwierigen Normalisierung nach Wiederaufnahme des Flugverkehrs gefordert ist, kann die Freude aber schnell in Unmut umschlagen. Ein Strandaufenthalt bei Sonnenschein und steigenden Temperaturen, wie in den nächsten Tagen vorausgesagt, kommt nicht in Frage. Denn die für die Abreise überfälligen Fluggäste werden von den Veranstaltern gebeten, sich im Hotel aufzuhalten - für weitere Informationen und einen möglichen sofortigen Abruf.

Mit dem Buskonvoi nach Deutschland zurück

Vom Flugverbot über halb Europa waren am Wochenende allein rund 150.000 deutsche Pauschalurlauber betroffen. Für Zehntausende wird der Zwangsurlaub teurer werden: Ihnen wird nicht nur das Gehalt für die Fehltage gekürzt oder mit noch offenem Urlaub verrechnet. Viele von ihnen müssen ab Sonntag- oder Montagabend auch noch für Hotelübernachtungen zahlen und zusätzliche Kosten für die Rückreise befürchten. Denn viele Veranstalter kündigen nun die Reiseverträge mit ihren Gästen.

Die meisten Urlauber stecken nach Angaben des Deutschen Reiseverbands an den klassischen Frühjahrszielen fest, auf den Balearischen und Kanarischen Inseln oder im türkischen Badeort Antalya. Der Reisekonzern TUI hat festsitzende Spanien-Urlauber schon mit einem Buskonvoi nach Deutschland zurückgeholt. 540 Touristen wurden von Mallorca nach Barcelona ausgeflogen. Nach einer von TUI bezahlten Übernachtung dort fuhren sie am Sonntag in Bussen nach Deutschland. Auch Gran-Canaria-Urlauber werden aufs Festland geflogen, wo sie Busse Richtung Heimat besteigen. Malta-Fahrer werden nach Sizilien geflogen, dort warteten die Busse. (F.A.Z.)

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Jahrgang 1958, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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