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Armut und Reichtum Wie schlägt sich Deutschlands Mittelschicht?

 ·  Sind in Deutschland die Mittelschicht kleiner geworden und die Armut größer? Statistiken sagen: Etwas schon. Verglichen mit anderen Ländern erscheint sie nach wie vor aber breit und solide. Was denken Sie?

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© Dieter Rüchel Mein Auto, mein Häuschen: Beschauliche Mittelschichtssiedlung in Bad Vilbel

Sozialverbände und Gewerkschaften schlagen Alarm: „Rekordarmut“ gebe es in Deutschland. Frank Bsirske, der grüne Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, wählte drastische Worte: „Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so groß, noch nie musste sich die Mittelschicht so bedroht fühlen“, sagte er kürzlich in der „Bild“-Zeitung. Der Paritätische Wohlfahrtsverband verwies auf einen steigenden Anteil von 15,1 Prozent der Bevölkerung, der als „armutsgefährdet“ gelte. Vor einigen Wochen schrieb das Statistische Bundesamt in einer Pressemitteilung zugespitzt, dass gar „jeder Fünfte“ in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sei. Erst weiter unten in einer Tabelle war zu lesen, dass tatsächlich 5,3 Prozent - also jeder Zwanzigste - arm („erheblich materiell depriviert“) seien. Die Vielzahl der Statistiken und Studien stiftet Verwirrung und Verunsicherung. Der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder kritisierte jüngst im Interview in der F.A.Z. eine „politisch motivierte Armutsforschung“.

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Politisch brisant sind die sich häufenden Studien über eine angebliche Erosion der Mittelschicht. Gerade in Deutschland wird die Mittelschicht als soziales Rückgrat des Landes angesehen. Bislang galt sie im internationalen Vergleich als breit und stabil. Doch einige Studien lassen Zweifel aufkommen. Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kam jüngst zum Ergebnis, dass die Mittelschicht seit fünfzehn Jahren schrumpfe und um 5,5 Millionen Menschen kleiner geworden sei. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist gegenüber 1997 um 7 Prozentpunkte auf 58 Prozent gesunken. Zur Mittelschicht zählt nach dieser Studie, wer ein verfügbares Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens hat, gewichtet nach Haushaltsgrößen. Das mittlere Nettoeinkommen betrug 2009 knapp 1600 Euro monatlich. Für einen Paarhaushalt unterstellen die Forscher das 1,5-Fache.

Verzerrender Effekt der Wiedervereinigung

Jeder Vierte in der Mittelschicht mache sich „latente Sorgen“, dass er seinen Status verlieren könne, warnte die Bertelsmann-Stiftung in der Studie. In einer früheren Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), auf deren Daten im Soziooekonomischen Panel (Soep) die meisten Forscher aufbauen, war sogar von „Statuspanik“ die Rede. Olaf Groh-Samberg, Juniorprofessor für Soziologie an der Universität Bremen, der die Bertelsmann-Studie maßgeblich erstellt hat, sagte allerdings: „Es ist nicht so, dass wir einen massenhaften Abstieg aus der Mittelschicht hatten.“ Vielmehr gebe es eine Verfestigung der unteren Einkommensschichten, weil der Aufstieg in die Mittelschicht schwieriger geworden sei.

Ob die Mittelschicht tatsächlich gravierend geschrumpft ist, darüber streiten Ökonomen und Sozialwissenschaftler. „Die deutsche Mittelschicht ist stabil“, betont etwa das Institut der deutschen Wirtschaft. IW-Ökonomin Judith Niehues gibt zwar zu: „Auch wir halten in unserer Studie fest, dass die Mittelschicht um die Jahrtausendwende gesunken ist. Aber von andauerndem Schrumpfen der Mittelschicht zu sprechen, das passt nicht zu der stabilen Entwicklung seit 2005.“ Bei einer längerfristigen Betrachtung erkenne man, dass die Mittelschicht aktuell nur geringfügig unter den Werten zu Beginn der neunziger Jahre liege. Christian Arndt, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen, bestätigt dies: „Seit Anfang der neunziger Jahre ist die Einkommensmitte um etwa 4 Prozentpunkte zurückgegangen. Das kann man aber nicht als Bröckeln bezeichnen, wenn man die Schwankungen in diesem langen Zeitraum betrachtet“, sagt Arndt, der für die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Überblickstudie über die Mittelschicht erstellte.

Andere Forscher verweisen aber auf den verzerrenden Effekt der Wiedervereinigung. 1990 kamen 17 Millionen Ex-DDR-Bürger hinzu, deren durchschnittliche Einkommen um mehr als die Hälfte unter dem West-Niveau lagen, aber gleichmäßiger verteilt waren. Die Wiedervereinigung senkte das gesamtdeutsche Durchschnittseinkommen, damit sank auch die Schwelle im Westen zwischen Unter- und Mittelschicht. „Folglich gab es statistisch viel mehr Mittelschicht, nachdem mehr Einkommensschwache hinzukamen, ein paradoxes Ergebnis“, erklärt Groh-Samberg. In den neunziger Jahren holten die Einkommen in den neuen Bundesländern stark auf. 1997 - just der Startpunkt der Bertelsmann-Studie - erreichte die statistisch errechnete Mittelschicht einen Höhepunkt von 65 Prozent. Vor kurzem allerdings erklärten DIW-Forscher, dass die Ungleichheit wohl 2005 den Höhepunkt überschritten habe. Seither gebe es eine „statistisch signifikante Trendumkehr“.

Umstrittener Einfluss der Einwanderung

Über die Ursachen der zuvor beobachteten Spreizung der Einkommen gehen die Meinungen auseinander. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat eine Vielzahl von Faktoren zusammengetragen: Ganz vorne steht der technische Fortschritt. Er begünstigt Hochqualifizierte, während geringqualifizierte Arbeiter durch Rationalisierung und Automatisierung unter Druck geraten. Zur Ungleichheit beigetragen hat in vielen Ländern eine wachsende Arbeitslosigkeit - doch in Deutschland ist der Trend der vergangenen sieben Jahre umgekehrt. Sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die Langzeitarbeitslosigkeit haben stark abgenommen seit der Arbeitsmarkt liberalisiert wurde. Damit einher gingen eine Ausweitung des Niedriglohnsektors, eine schwindende Tarifbindung und eine geringere Verhandlungsmacht der Gewerkschaften. Hinzu kamen Steuerreformen, die zwar sämtliche Einkommensschichten entlasteten, aber den Besser- und Spitzenverdienenden absolut mehr brachten.

Zuletzt erwähnt die OECD noch den demographischen Wandel, der auch zu einer Polarisierung der Einkommen beitragen kann. Zum Beispiel führt der Trend zu mehr Einzelhaushalten dazu, dass mehr Menschen statistisch als einkommensarm gezählt werden, weil ihre Einkünfte je nach Haushaltsgröße „bedarfsgewichtet“ werden. Wenn man sich Kühlschrank und Fernseher nicht teilt, sondern allein anschaffen muss, wird das Einkommen knapper. Kritiker wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn nennen die Rechnungen zwar ein „statistisches Artefakt“, doch mit diesen Verfahren arbeiten alle Verteilungsforscher.

Umstritten ist auch der Einfluss der Einwanderung, den viele Untersuchungen höchstens am Rande erwähnen. Zu einem erheblichen Teil ist die Unterschicht aber durch geringqualifizierte Zuwanderer gewachsen: Von 4,1 Millionen mehr Menschen in der unteren Einkommensschicht zwischen 1996 und 2006 waren 2,9 Millionen Zuwanderer, ergab eine Auswertung von Soep-Zahlen durch den Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel. Als das eigentliche Problem sieht er daher, dass diese Milieus sich verfestigen. Die Arbeitslosenquote unter den Zuwanderern ist nach wie vor doppelt so hoch wie im deutschen Durchschnitt.

Für die Bevölkerung ist reich, wer mehr als 9100 Euro im Monat verdient

Wo genau die Mittelschicht anfängt und wo sie endet, berechnen die meisten Verteilungsforscher nicht nur nach Einkommenszahlen. Die Mittelschicht definiert sich auch durch ihre Bildung und ein ausgeprägtes soziales Selbstbewusstsein. Früher, erinnert der Soziologe Groh-Samberg, sei die Rede gewesen von der „Kragenlinie“: Der Angestellte mit weißem Hemd grenzte sich von der Unterschicht ab, die sich bei der Arbeit dreckig machte. Diese Unterscheidung ist in der Bundesrepublik zunehmend verschwunden. Handwerker, Fach- und auch Vorarbeiter zählen heute soziologisch zur Mittelschicht. An- und ungelernte Arbeiter, einfache Angestellte sowie Beamte im unteren Dienst fallen in die Unterschicht. In den mittleren Einkommensschichten fänden sich viele Berufe, „vom Facharbeiter bis zum Gymnasiallehrer“, umreißt es IW-Ökonomin Judith Niehues.

Die Oberschicht beginne beim leitenden Angestellten oder höheren Beamten, beim Chefarzt, beim Professor oder bei Selbständigen und Unternehmern mit mindestens zehn Mitarbeitern. Auch wohlhabende Privatiers und Unternehmenserben zählen dazu. In den Augen der Bevölkerung wird die Einkommensschwelle für „Reiche“ meist höher angesetzt als jene Schwelle von 2400 Euro Nettoverdienst, die 150 Prozent des Median-Einkommens darstellen. Der umstrittene Armuts- und Reichtumsbericht gibt eine repräsentative Umfrage wieder, nach der für die Bevölkerung reich erst derjenige ist, der mehr als 9100 Euro im Monat - so die mittlere Antwort - verdient. Für Verteilungsforscher beginnt die obere Einkommensgruppe üblicherweise bei 3000 bis 5000 Euro Monatseinkommen.

Deutschland weniger ungleich als andere Länder

Die deutsche Gesellschaft ist im internationalen Vergleich durch weniger materielle Ungleichheit geprägt als viele andere. Das zeigt zum Beispiel der Gini-Koeffizient an. Ein Wert von 0 bedeutete absolute Gleichheit, ein Wert von 1 extreme Ungleichheit. Der deutsche Gini-Wert ist leicht auf 0,30 gestiegen, liegt aber unter dem Durchschnitt der OECD-Industriestaaten von 0,31. Deutlich ungleicher sind Einkommen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verteilt (Gini-Werte von 0,34 und 0,38), auch in Südeuropa und in Osteuropa gibt es mehr Ungleichheit. Nur im egalitären Skandinavien sind die Einkommen gleicher verteilt. „Der deutschen Mittelschicht geht es im europäischen Vergleich gut“, muss auch Groh-Samberg eingestehen, obwohl seine Studie ein starkes Schrumpfen der Mittelschicht postuliert hatte.

Trotz vieler Alarmmeldungen bleibt die Bevölkerung doch gelassen. Eine repräsentative Umfrage ergab, dass die große Mehrheit sich selbst in der Mittelschicht verortet: 1990 gaben 60 Prozent der West- und 37 Prozent der Ex-DDR-Bürger an, sie zählten sich zur Mittelschicht. Diese Werte sind bis 2010 sogar gestiegen. Jetzt zählten sich im Westen 62 Prozent und im Osten 51 Prozent zur Mittelschicht, immer weniger identifizierten sich als Arbeiterschicht, ganz wenige als Oberschicht. Die Anziehungskraft der Mittelschicht ist größer denn je.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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