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Gastbeitrag : Besser als das Arbeitslosengeld

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Wie lange noch? Ein Stahlkocher zieht Proben am Hochofen von Thyssen-Krupp in Duisburg. Die Stahlkrise erzwingt den Wandel zum Technologiekonzern. Bild: VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Offene Märkte und technologischer Fortschritt steigern den Wohlstand einer Nation. Doch profitiert nicht jeder von mehr Freihandel, Digitalisierung, Robotern. Was die Politik tun sollte.

          Viele der großen ökonomischen Trends unserer Zeit – die Globalisierung, die Digitalisierung, die Automatisierung der Industrieproduktion durch Roboter – weisen eine zentrale Gemeinsamkeit auf: sie sind im Durchschnitt gut für die Gesellschaft, aber nicht automatisch gut für jeden. Gerade auf dem Arbeitsmarkt erzeugen sie auch Verlierer. Für das Aufkeimen des Populismus, für das Phänomen Donald Trump und den Brexit spielen diese Verlierer eine entscheidende Rolle. Deshalb mangelt es auch nicht an Bekenntnissen, dass dringend etwas zu deren Kompensation getan werden müsse.

          Doch wie soll das gehen? Diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt von den großen Strukturveränderungen betroffen sind, kommen oft nicht aus der typischen Zielgruppe des Sozialstaats. Sie beziehen kein Hartz IV, schlagen sich nicht mit mehreren Minijobs gleichzeitig herum. Die Globalisierung und der technologische Wandel treffen vielmehr eine stark industriell geprägte Mittelschicht, die ihre guten Arbeitsplätze verloren hat oder sich vor dem baldigen Verlust fürchtet.

          Wie kann die Wirtschaftspolitik dieser Klientel helfen? Mit klassischer Einkommensumverteilung oder mit lenkender Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik? Mit Geld oder Arbeitsplätzen?

          Die Sache mit dem Kuchen

          Vor der Therapie mit all ihren Nebenwirkungen muss die Diagnose stehen. Wie wird man zu einem Verlierer? Für die grundlegende Beantwortung dieser Frage ist ein Theorem von zentraler Bedeutung, das der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Samuelson und sein Kollege Wolfgang Stolper schon vor über 75 Jahren in einer bahnbrechenden Arbeit entwickelt haben.

          Dessen Quintessenz lässt sich mit einer Süßwarenanalogie verdeutlichen. Außenhandel vergrößert danach „den Kuchen“, also das insgesamt in einem Land zur Verfügung stehende Einkommen. Aber dieser Zuwachs schlägt sich nicht dergestalt nieder, dass die Portionsgrößen aller Gesellschaftsmitglieder mehr oder weniger wachsen. Stattdessen passiert etwas Erstaunliches: einige Portionen legen enorm zu, aber auf anderen Tellern schrumpft das Tortenstückchen. Und das, obwohl doch insgesamt mehr da ist. Wie kommt es zu dieser paradoxen Situation?

          Außenhandel führt auch zu Strukturwandel

          Mehrere Faktoren wirken hier zusammen. Einerseits führt Außenhandel zu handfesten Vorteilen, von denen alle profitieren, nämlich neue, bessere und günstigere Produkte. Gerade Massenware wird durch internationalen Wettbewerb erschwinglicher, weniger die Luxusgüter für die oberen Zehntausend. Aber Außenhandel führt auch zu Strukturwandel, und hier liegt der Schlüssel für die Probleme. Länder spezialisieren sich auf die Bereiche, in denen sie besonders gut sind. In Deutschland sind das zum Beispiel der Maschinenbau oder, trotz diverser Skandale, immer noch die Automobilindustrie. Dafür schrumpfen andere Wirtschaftszweige, bei uns etwa die Textil- oder die Stahlbranche, wo andere Länder relativ besser sind und deren Produkte wir fortan importieren.

          In diesen Branchen werden in Deutschland Arbeitskräfte freigesetzt. Keine Billiglöhner, sondern Fachleute mit oft jahrelanger Erfahrung in ihren jeweiligen Berufen. Die expandierenden Exportunternehmen benötigen aber nicht so viel zusätzliches Personal, weil sie tendenziell kapitalintensiver produzieren. Und wenn sie doch Leute einstellen, dann eher junge Berufsanfänger, aber nicht diejenigen, die gerade durch Importe ihre Arbeitsplätze verloren haben. Für die Betroffenen, vor allem für die ohne Universitätsabschluss, führt das zu spürbaren Einkommensverlusten.

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