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Wirtschaftsgeschichte : Ein Lob der Ungleichheit

Wohlstand und Ungleichheit Bild: Getty

Die Geschichte des wirtschaftlichen Fortschritts ist eine Geschichte der Ungleichheit. Was daran ungerecht sein soll, ist eine Frage die selten gestellt wird.

          Vor dem Ersten Weltkrieg verdiente mein Großvater sein Geld mit der Herstellung von einfachen Körben, die er aus den Weiden vom Ufer der Eyach – eines Nebenflusses des Neckars – flocht. Mit nur einem Bein kam er aus dem Krieg zurück. Die Gemeinde beschäftigte ihn als Straßenarbeiter: Humpelnd füllte er mit grobem Schotter die Schlaglöcher in den damals noch nicht asphaltierten Straßen zwischen Horb und Mühringen, einem kleinen Dorf am Rande des Schwarzwalds.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mein Vater, 1914 geboren, ging nach Druckerlehre und Arbeitslosigkeit in den dreißiger Jahren nach Stuttgart als einfacher Angestellter zur Dresdner Bank. Als er, vom Krieg gezeichnet, 1949 aus russischer Gefangenschaft zurückkam, fand er bei seiner Bank wieder ein Unterkommen als Hausmeister. Dort blieb er bis zur Pensionierung. Sein Sohn konnte studieren und wurde Zeitungsredakteur in Frankfurt.

          Kleinere oder größere Fortschrittsgeschichten dieser Art erzählen alle Nachkriegskinder. Ihre Aussage: Noch nie ging es uns Deutschen so gut wie heute. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das den durchschnittlichen individuellen Wohlstand misst, liegt mit kaufkraftbereinigt 48.000 Dollar auf dem höchsten Stand der Geschichte. Lediglich die Schweizer haben es in Europa zu mehr gebracht (60.000 Dollar). In den vergangenen 150 Jahren hat sich unser durchschnittliches Einkommen mehr als verzwölffacht, ein Wunder, das wir Produktivität nennen.

          Für einen Liter Milch arbeiten wir halb so lang wie 1980

          Das lässt sich anschaulich machen: Für einen Liter Milch musste man im Jahr 1980 noch 8,8 Minuten arbeiten; heute hat die gleiche Menge einen Gegenwert von 4,1 Minuten Arbeitszeit. Und während der Erwerb eines Farbfernsehers 1980 229 Stunden Arbeitszeit „verbrauchte“, hat man sich den schicken Flachbildschirm heute schon in eineinhalb Wochen Tarifarbeitszeit verdient.

          Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton: Der Wunsch nach einem besseren Leben

          The Great Escape“ nennt der Ökonom Angus Deaton diese geniale Fortschrittsgeschichte der Menschheit im 20. Jahrhundert: „Der große Ausbruch“. Es sind nicht nur die materiellen Entbehrungen, die der Fortschritt hinter sich gelassen hat. Es sind vor allem auch die großen medizinischen Erfolge des vergangenen Jahrhunderts, die unser Wohlbefinden positiv beeinflussen und die heute für uns selbstverständlich sind. Dass Tod und Alter heute Synonyme sind, ist alles andere als selbstverständlich. Mein Vater hatte sechs Geschwister; nur drei von ihnen haben Kindbett und erste Lebensjahre überlebt. Früher war es normal, früh zu sterben.

          Auch Angus Deaton erzählt die Geschichte seiner Familie: Der Urgroßvater hatte den Bauernhof aufgegeben und wurde Steiger in einem englischen Kohlebergwerk. Der Großvater machte als Aufseher im Bergwerk Karriere. Der Vater, geboren 1918, entging im Zweiten Weltkrieg knapp dem Tod, studierte Bauingenieurswesen und wurde Bewässerungsexperte im Norden von Schottland. Der Wunsch, sein Sohn solle es einmal besser haben, hat sich erfüllt: Angus Deaton ist heute Ökonomieprofessor an der Eliteuniversität in Princeton. Im Jahr 2015 erhielt er den Nobelpreis. Seine Kinder sind finanziell noch erfolgreicher als er, arbeiten für einen Hedgefonds an der Wall Street.

          Es ist trivial: Nicht aus allen Bergarbeiterenkeln werden Ökonomienobelpreisträger mit gut verdienenden Söhnen in New York. Dazu muss man sich nur einen Tag lang die traurigen Dörfer Schottlands zwischen Glasgow und Edinburgh ansehen, einer rauhen Gegend mit relativ hoher Arbeitslosigkeit. Erfolg ist eine komplexe Angelegenheit. Es braucht dazu Begabung, Ehrgeiz, Leistung – und eine große Portion Glück. Der Fortschritt produziert Gewinner und Verlierer, die Schere öffnet sich.

          Der Fortschritt gebiert neue Ungleichheit

          Die Geschichte des wirtschaftlichen Fortschritts ist deshalb zugleich eine Geschichte wachsender Ungleichheit. Wem es materiell bessergeht, der lebt in aller Regel auch länger. Arbeitslose sind unglücklich und sterben früher. Die einen bleiben arm, selbst wenn sie hätten reich werden können. Den anderen fehlen die Chancen. Ungleichheit, sagt Deaton mit einem schönen Bild aus höfischen Zeiten, sei „die Kammerzofe des Fortschritts“ – sie ist immer dabei; aber es ist auch klar, wer der Boss ist: der Fortschritt. Fortschritt öffnet die Kluft zwischen Erfolgreichen und Erfolglosen, beseitigt zugleich aber auch gravierende Ungleichheiten und schließt die Kluft. Medizin und Pharmaindustrie egalisieren die Lebenserwartung. Ein gutes Beispiel ist die Einführung der oralen Rehydrierungstherapie in den siebziger Jahren. Dabei handelt es sich um eine wässrige Lösung von Traubenzucker, Kochsalz und anderen Bestandteilen, mit welcher relativ kostengünstig, aber erfolgreich, Cholera und Ruhr in Bangladesch bekämpft wurden. So konnte Millionen von Kindern das Leben gerettet werden.

          Doch der Fortschritt gebiert auch neue Ungleichheit: Jobs fallen weg, weil die Arbeit künftig von Robotern billiger und zuverlässiger erledigt wird. Oder weil die Menschen ihre Droschken über Uber bestellen, was die Taxibranche in Not bringt. Oder weil junge Frauen in Bangladesch die Näharbeiten für ein T-Shirt billiger erledigen als auf der Schwäbischen Alb.

          Finanzlegende und Spekulant George Soros

          Ist Ungleichheit ungerecht?

          Ist Ungleichheit ungerecht? Viele behaupten das. Doch kann man es dem Sohn von Angus Deaton zum Vorwurf machen, dass nicht alle Urenkel schottischer Bergarbeiter millionenschwere Hedgefonds-Manager geworden sind? Kann man es dem Spekulanten George Soros moralisch anlasten, dass er mit seiner Wette gegen die Bank of England einen Reibach von 1000 Millionen britischen Pfund gemacht hat? Ein große Portion Glück, verbunden mit Spürsinn und hohem Wagemut, kam da zusammen. Die Sache hätte auch schiefgehen können. Welchen Nachteil haben der Nobelpreisträger in Princeton oder der Zeitungsredakteur in Frankfurt durch Soros’ sagenhaften Erfolg? Für die Egalitaristen, die Ungleichheitskritiker, zählen solche Einwände nicht. Für sie ist Gleichheit ein Wert an sich und Inbegriff aller Gerechtigkeit, dem gegenüber jede Ungleichheit eine amoralische Abweichung darstellt. Dass Ungleichheit auch Ansporn sein kann, mögen sie sich nicht vorstellen.

          „Der fundamentale Irrtum des Egalitarismus liegt in der Annahme, es sei moralisch entscheidend, ob eine Person weniger als eine andere hat, unabhängig davon, wie viel jeder von beiden hat“, schreibt der greise Philosoph Harry G. Frankfurt – ein deutscher Emigrant, der in Princeton lebt – in einem gerade bei Suhrkamp erschienenen kleinen Bändchen („Ungleichheit. Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen“). Der Neid, verbunden mit Unwohlsein oder Unglücksgefühlen, welcher die Ungleichheitserfahrung regelmäßig auslöst, ist zwar eine menschlich verständliche Emotion, taugt aber nicht als moralisches Argument. Harry Frankfurt widerspricht den Egalitaristen energisch: Nicht die Herstellung von Gleichheit, sondern die Bekämpfung der Armut ist ein moralisch gebotenes Ziel. Denn Armut beschädigt die Menschenwürde und verweigert das existentiell notwendige Minimum. Ungleichheit aber muss man ertragen, besser noch: Man muss sie nutzen.

          Gerade beim Ziel der Armutsbekämpfung ist die Menschheit in den vergangenen Jahren bemerkenswert schnell vorangekommen. Schuld daran tragen ausgerechnet die „marxistischen“ Chinesen. Dort konnten über 600 Millionen Menschen seit den im Jahr 1997 von Deng Xiaoping eingeleiteten marktwirtschaftlichen Reformen aus bitterster Armut erlöst werden. Als bitterarm definieren UN und Weltbank Menschen, die von 1,25 Dollar oder noch weniger am Tag leben müssen. Während im Jahr 1990 noch knapp zwei Milliarden Menschen im Sinne dieser Definition arm waren, blieben nach nur fünfzehn Jahren mit 836 Millionen noch weniger als die Hälfte übrig. China ist der wichtigste Treiber bei der Halbierung der Arbeitslosenzahlen, ein ungeheurer Erfolg der Marktwirtschaft, wodurch sich viele Menschen auf der Welt heute besserstehen als vor 25 Jahren. Gehe es so weiter, sagen die Prognosen der Weltbank, werde die Armut im Jahr 2030 „besiegt“ sein. Jedermann hat dann wenigstens 1,25 Dollar am Tag zum Leben. Natürlich ist ein Leben mit so wenig Geld noch kein schönes Leben – aber das behauptet auch niemand.

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          Der Erfolg der Marktwirtschaft in vielen asiatischen Ländern hat dazu geführt, dass die Ungleichheit zwischen den einzelnen Staaten dramatisch zurückgegangen ist. Dies wird von vielen Freunden der sich öffnenden Ungleichheitsschere gerne ignoriert. Vor zwanzig Jahren war der Lebensstandard in Deutschland oder Frankreich zwanzig mal höher als in Indien und China. Heute ist diese Lücke nur noch halb so groß. Das ist eine historische Zäsur. Sie kehrt eine langfristige Entwicklung um, welche die Wirtschaftshistoriker „The great divergence“ (das große Auseinanderdriften) nennen. Was ist damit gemeint? Während noch um die Mitte des 17. Jahrhunderts Asien und Europa wirtschaftlich gesehen sich ungefähr auf demselben Wohlstandsniveau befanden, ist in den gut zweieinhalb Jahrhunderten danach der Westen (inklusive der Vereinigten Staaten) davongezogen. Über die Gründe, warum Unternehmertum und industrielle Revolution vor allem bei uns segensreich wirkten, gibt es viele Theorien.

          Die Ungleichheit zwischen den Staaten sinkt

          Kleine, dezentrale Räume sind offenbar wohlstandsfördernder als Großreiche. Gute rechtsstaatliche Institutionen trugen das Ihrige zur Entwicklung der Marktwirtschaft bei. Die Nationen drifteten immer mehr auseinander. Doch dieser Trend ist inzwischen gestoppt. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Lücke zwischen den Staaten so rapide verkleinert, wie sie sich in fast 200 Jahren zuvor geöffnet hat, das hat der französische Ökonom François Bourguignon errechnet. Dies ist eine gute Nachricht für die sogenannten Schwellenländer, in denen sich immer mehr stabile Mittelschichten bilden. Abgehängt bleibt allein der afrikanische Kontinent, allen Anstrengungen westlicher oder chinesischer Entwicklungshilfe zum Trotz. Und der Westen hat sein Monopol auf Wachstum und Reichtum verloren. Das kann man aus ökonomischen wie aus ethischen Gründen nur begrüßen.

          Indessen ist im selben Maße, in dem die Ungleichheit zwischen den Ländern in den vergangenen zwanzig Jahren zurückging, diese in den allermeisten Länder gewachsen. Das gilt sowohl für die Schwellenländer, wo viele Menschen vor allem auf dem bäuerlichen Land weiterhin arm sind, aber teilweise auch superreiche Eliten entstanden (China) sind. Es gilt aber auch für die 34 entwickelten sogenannten OECD-Länder (dazu gehören die europäischen Länder, die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Chile, Israel und andere). In den achtziger Jahren hatten in diesen Ländern die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung siebenmal mehr Geld zur Verfügung als die zehn Prozent am unteren, armen Rand der Gesellschaft. Heutzutage ist der Abstand zwischen unten und oben zehnmal so groß.

          Rechnet man zu den Einkommen gar Immobilienbesitz und andere Vermögensarten hinzu wird der garstige Graben laut OECD noch deutlich größer: Im Jahr 2012 kontrollierten die reichsten zehn Prozent der Bürger in OECD-Staaten die Hälfte allen Haushaltsreichtums, und das superreichste eine Prozent nannte 18 Prozent des geldwerten Wohlstands sein Eigen, während die ärmsten 40 Prozent lediglich über drei Prozent des Reichtums verfügen. Dies ist der Grund, warum es vor allem in Amerika, wo die Ungleichheit besonders groß ist, wachsende Proteste gegen die Superreichen gibt. Dies mag auch der Grund sein, warum in diesen Wochen im amerikanischen Wahlkampf extreme Kandidaten Zulauf haben, die diese wachsende Spaltung der Gesellschaft zum Thema machen.

          Die Einkommensunterschiede in Deutschland wachsen nicht mehr

          Hierzulande sollte man allerdings die Kirche im Dorf lassen. Zwar sind auch in Deutschland die Einkommensunterschiede seit den 80er Jahren gewachsen; der sogenannte Gini-Koeffizient (0 heißt völlige Gleichheit, 1 heißt totale Ungleichheit) rückte von 0,25 auf 0,29 vor. Das ist deutlich weniger als der OECD-Durchschnitt mit 0,32, zumal der Trend in Deutschland seit 2005 gestoppt ist. Dass Deutschland ein relativ egalitäres Land ist, liegt vor allem an einem funktionierenden Wohlfahrtsstaat, der die Markteinkommen der Reicheren mit Hilfe von Steuern und Abgaben kräftig abschöpft und dieses Geld an die Ärmeren umverteilt. Ausgerechnet der Ungleichheitskritiker Thomas Piketty lobt unser System deswegen als „rheinischen“, also guten Kapitalismus. Der Mann hat recht: Die Armen werden bei uns nicht ärmer. Der Anteil, den die Ärmsten am verfügbaren Einkommen haben, schrumpft nicht.

          Unterschlagen werden darf allerdings nicht, dass die Vermögen (Erspartes, Aktien, Häuser, Autos) der Deutschen vergleichsweise gering und sehr ungleich verteilt sind und wir im internationalen Vergleich der Vermögensungleichheit (die von der Einkommensungleichheit zu unterscheiden ist) weit vorne liegen. Woran das liegt, ist noch nicht gut verstanden worden. Und das Ergebnis sähe auch dann nicht völlig anders aus, würde man, was bislang nicht passiert, die Rentenansprüche zum Vermögen hinzurechnen.

          Sind die schwindende Ungleichheit zwischen den Staaten und die dramatisch zunehmende Ungleichheit innerhalb der Staaten zwei Seiten einer Medaille? Gesunder Menschenverstand würde das vermuten und denken, wenn Arbeiter in China profitieren, werden Arbeiter in Amerika oder Deutschland zu Verlierern. Ökonomen widersprechen: Seit Adam Smith bis heute glauben sie, dass Globalisierung kein Nullsummenspiel ist und von internationaler Spezialisierung alle profitieren. Sie glauben, dass am Ende die Vorteile des offenen Welthandels die Nachteile überwiegen und alle reicher werden. Es ist ja der Wunsch der Chinesen nach einem S-Klasse-Mercedes, der den Daimler-Arbeitern in Untertürkheim gute Löhne verschafft. Und es ist die Lust auf geschmackliche Vielfalt der Whisky-Freunde in aller Welt, der den Single-Malt-Destillerien in den schottischen Highlands zu Umsätzen verhilft. Whisky-Freunde und S-Klassen-Chinesen müssen aber selbst auch Arbeit haben, um sich diese Wünsche erfüllen zu können.

          Internationaler Handel ist der mächtigste Treiber des Wohlstands

          Neuerdings regt sich Zweifel, ob nicht zumindest kurzfristig der Erfolg in Fernost negative Folgen für Europa und Amerika hat. „Arbeiter in den reichen Ländern leiden viel mehr unter dem raschen Aufstieg Chinas, als man bisher dachte“, vermutet David Autor, Ökonom am renommierten Massachussetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Wenn China Solarzellen, Handys oder Turnschuhe billiger herstellen kann und diese Produkte auf der ganzen Welt verkauft, verlieren Arbeiter im Westen ihre Stelle. Die Theorie hat lange angenommen, dass die freigesetzten Arbeiter dann eben in anderen Unternehmen unterkommen. Aber das kann dauern, zumal Menschen (selbst in Amerika) in ihren Regionen kulturell verwurzelt und nicht so mobil sind wie Waren, die man schicken kann, wohin man will. MIT-Ökonomen mutmaßen, dass allein im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert der Wettbewerb durch chinesische Importe die amerikanische Wirtschaft 2,4Millionen Jobs gekostet hat. Anpassungsprozesse an wirtschaftliche Schocks dauern eben doch länger, als es uns und der ökonomischen Theorie lieb ist.

          Solche Forschungsergebnisse geben all jenen Aufwind, die immer schon der Ansicht waren, die Welt habe es mit der Globalisierung übertrieben und leide jetzt unter den Folgen dieses Überschwangs. Tatsächlich ist der grenzüberschreitende Handel in den vergangenen Jahren der mächtigste Treiber des Wohlstands, aber auch Auslöser neuer Ungleichheit: Ausländische Direktinvestitionen bringen Fabriken und Arbeit in die Schwellenländer. Bleiben die Investitionen aus, wandern die Menschen dorthin, wo es Arbeit gibt. Die großen Flüchtlingsströme, die wir derzeit erleben, sind eben auch eine Folge der Globalisierung. Menschen wandern, weil sie sich anderswo bessere Lebensbedingungen erträumen. Die Wanderung ist im Zeitalter von Smartphone und Schlepperbusiness günstiger als früher, aber gleichwohl hochriskant.

          Was Occupy mit dem „Superstar-Effekt“ zu tun hat

          Ob die Globalisierung die Hauptursache ist für die wachsende Ungleichheit in vielen Ländern, darüber streiten die Fachleute. Inzwischen ist ein regelrechter „Krieg der Modelle“ darüber entstanden, wo die schlimmsten Übeltäter der Ungleichheit zu suchen sind. Neben der Globalisierung gilt der technische Fortschritt als ernstzunehmender Kandidat. Immer schon haben die Menschen die Erfahrung gemacht, dass sie durch Maschinen ersetzt werden können, die ihre Arbeit billiger machen. Die sogenannte Digitalisierung, verbunden mit der Erfindung intelligenter Roboter, bedroht nun abermals die Arbeitsplätze. Angst macht das vor allem den Mittelschichten – vom Facharbeiter bis zum Ingenieur –, die fürchten, dass die künstliche Intelligenz von Computern und Robotern ihrer menschlichen Intelligenz überlegen sein könnte.

          Was heißt das für die Erklärung der Ungleichheit? Sollten sich diese Ängste bewahrheiten, bleiben auf mittlere Sicht am unteren Ende nur einfache Arbeiten mit schlechter Bezahlung übrig, am oberen Ende aber jene Superstars, die es schaffen Millionen abzuschöpfen. Das nennt der schon erwähnte französische Ökonom François Bourguignon den „Superstar-Effekt“. Globalisierung und Technik machen es den besten Leuten einer Zunft leichter, überall auf der Welt Geld zu verdienen. Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling verdient rund 300 Millionen Dollar im Jahr, weil Übersetzungen und Filmrechte viel mehr bringen, als Autoren früher erwarten konnten. Kein Wunder, dass der „Superstar-Effekt“ im Krieg der Modelle unter den Ökonomen derzeit besonders viele Anhänger hat. Kein Wunder auch, dass die Aggression von Occupy, Blockupy & Co. sich vor allem gegen diese gutverdienende Kaste richtet und dass Kritiker wie Thomas Piketty fordern, die Superreichen drastisch zu besteuern, um die Verlierer zu entschädigen. Ob man das will, ist eine politische Frage; dass die Steuerlast auf hohe Vermögen und Einkommen in vielen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten zurückging, ist eine Tatsache.

          Die rasende Wut: Ein brennendes Polizeiauto während der Blockupyproteste in Frankfurt

          Man mag die Ungleichheit irgendwie ungemütlich, womöglich sogar obszön finden: Solange alles mit rechten Dingen zugeht, gibt es moralisch daran wenig auszusetzen. Wenn Opernhäuser in Sydney oder New York die Stars unter den Sängern fürstlich honorieren, weil ihr Publikum das will und bezahlt, dann ist das bitter für die Sänger im Ensemble, die auch nicht schlecht singen, aber schlecht bezahlt werden. Aber ein Verstoß gegen das Leistungsprinzip ist es nicht. Gerne herum gereichte Studien, wonach Ungleichheit die Menschen demotiviert und das Wirtschaftswachstum dämpft, sind jedenfalls mit Vorsicht zu genießen.

          Die „Zofe des Fortschritts“

          Problematischer wird es mit Blick auf den ererbten Reichtum, der über die Generationen hinweg viel zur Macht großer Vermögen beiträgt. Das ist zwar auch gerecht, solange man nur auf den Erwerb und die Weitergabe des Eigentums blickt. Aber ist es noch fair, wenn dadurch die Chancen sozialer Mobilität erstickt oder erschwert werden? Die Akzeptanz ungleich verteilter Einkommen erhöht sich, wenn die Aussichten gut sind, dass es den eigenen Kindern später besser geht. So hat das der Nobelpreisträger Angus Deaton erlebt. So hat das auch der Hausmeistersohn aus Stuttgart erlebt, der Wirtschaftsredakteur wurde. Aber vieles spricht dafür, dass die Chancen, die alten Dynastien zu überrunden, überschätzt werden. Gewiss, die SAP-Gründer können in die Vermögensklasse der Quandts einbrechen, und Bill Gates wie Mark Zuckerberg, Harvard-Studienabbrecher, sind reicher als die Erben der Rockefellers. Aber sie sind die Ausnahme. Trotz der Zunahme von Selfmade-Superstars bleibt die Macht der alten Clans groß.

          Ungleichheit bleibt die „Zofe des Fortschritts“. Wer Ungleichheit abschaffen wollte, müsste auf den Fortschritt verzichten. So war das in der DDR (und selbst dort wurden nicht alle Ungleichheiten planiert). Aber, um im Bild zu bleiben, die Zofe ist inzwischen ganz schön machtbewusst. Und sehr präsent.

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