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Ungleichheit : r>g

Der französische Ökonom Thomas Piketty wurde mit seinem Buch „Das Kapital“ bekannt. Bild: dpa

Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Was für ein Unsinn.

          So kann man sich täuschen. Jahrelang hatte der französische Ökonom Thomas Piketty Zahlen über Vermögen und Renditen zusammengetragen. 700 Buchseiten füllte er damit, das Werk wurde in den Vereinigten Staaten ein Bestseller. Denn Piketty zog aus seinen Daten eine Folgerung, die ihn berühmt machte: Die Kapitalbesitzer häuften von Generation zu Generation immer mehr Geld an, während der Rest der Welt zurückbleibe. Als „r>g“ wurde diese Feststellung prominent, denn Piketty hatte eine Prämisse: Die Kapitalrenditen müssten größer sein als das Wirtschaftswachstum - und das sei doch meistens der Fall. Weil der Professor zu Steuererhöhungen als Gegenmittel riet, wurde sein Buch rund um die Welt zu einer Bibel der Linken. Das Problem: Pikettys Folgerung ist so nicht richtig. Doch das ist vielen Leuten egal. Zu vielen.

          Der Ökonom selbst hat seine These längst relativiert. Plötzlich sollte sein Satz nur noch für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gelten - so schrieb er es, nachdem er die harsche Kritik anderer Ökonomen nicht widerlegen konnte. Im Internationalen Währungsfonds hat ein Wissenschaftler trotzdem gerade ein weiteres Mal die Zahlen der vergangenen Jahre analysiert und festgestellt: Es gibt keine Hinweise darauf, dass die moderne Wirtschaft tatsächlich so funktioniert wie von Piketty behauptet. Vielleicht überschätzt der Franzose die Fähigkeit der Erben, ihr Vermögen zusammenzuhalten. Vielleicht sind die Steuern schon hoch genug. Vielleicht hat er etwas anderes übersehen. Sicher ist: Seine These erklärt in der Gegenwart nichts.

          Das hätte man früh wissen können - wenn man rechtzeitig auf die Kritiker gehört hätte. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zum Beispiel wusste Bescheid. Ein paar Monate nachdem Pikettys Buch erschienen war, lud er den Professor nach Berlin ein. „Ihrem Renditegesetz wird der Vorwurf gemacht, dass es nicht der Realität entspreche“, sagte Gabriel damals. Schlimm fand er das nicht. Gabriel erzählte von SPD-Gründer Ferdinand Lassalle und seinem „ehernen Lohngesetz“: Der Kapitalismus drücke alle Löhne ans Existenzminimum. Das stimmt nicht. Also könne es Piketty gleichgültig sein, ob es Kritik an seiner Folgerung gebe, sagte Gabriel, solange das Buch eine politische Bewegung auslöse.

          So wie der SPD-Vorsitzende scheinen viele zu denken: Ob die Zahlen stimmen oder nicht, ist egal. Hauptsache, man kann sie für die eigenen politischen Zwecke einspannen. „Die Schere zwischen Arm und Reich geht auf“: Dieser Satz muss einfach wahr sein, sonst taugt er nicht als Hebel, um Steuererhöhungen und neue Wohltaten zu fordern. Da werden Zahlen selektiv präsentiert und Statistiken umgedeutet - so lange, bis die Armut möglichst groß wirkt. Viele Bürger trauen den gebeugten Statistiken, sie hören ja so oft von der aufgehenden Schere. Die Wirkungen sind fatal. Mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage sind die Deutschen zwar so zufrieden wie selten. Aber für die Zukunft des Landes sehen sie schwarz.

          Nicht nur Politiker beugen Zahlen. Die Hilfsorganisation Oxfam zog Spott auf sich, als sie behauptete, die 62 Reichsten der Erde besäßen so viel Vermögen wie die Hälfte der Weltbevölkerung - Tendenz: immer ungleicher. Oxfams Zahlenbasis war für diese Interpretation nicht zu gebrauchen. Armutsfachleute der Entwicklungsbank Weltbank und anderer Organisationen wissen: Das Gegenteil ist richtig. In den vergangenen Jahren ist es gerade den Ärmsten der Welt immer besser gegangen.

          Glaubt man dem jährlichen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, steht die Bundesrepublik jedes Jahr wieder kurz vor der Armutskatastrophe - zu verhindern dadurch, dass der Staat noch mehr Geld in die Armutsbekämpfung steckt. Also auch in die Mitglieder dieses Spitzenverbandes der Freien Wohlfahrtspflege.

          Dabei ist nicht alles falsch, was die Wohlfahrtsindustrie sagt. Während die weltweit Ärmsten ihrer Armut allmählich entkommen, stagnieren die Einkommen der Unter- und Mittelschicht in vielen Industrieländern seit Jahren. Deshalb wird der Abstand zwischen den Einkommen von Armen und Reichen vielerorts tatsächlich größer. In Deutschland sorgt staatliche Umverteilung dafür, dass die Ungleichheit im internationalen Vergleich relativ klein bleibt. Allerdings gilt auch: Für Kinder aus prekären Verhältnissen bleibt der Aufstieg schwierig.

          Umso wichtiger wäre es, die Situation richtig zu betrachten. Selten ist zu hören, dass sich in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich seit zehn Jahren gerade nicht weiter öffnet. Vielmehr näherten sich die Einkommenskurven einander an, und die Arbeitslöhne stiegen schneller als die Kapitalerträge. Und das nicht, weil der Staat höhere Steuern verlangt oder mehr Sozialhilfe verteilt hätte. Die Trendwende begann nach den Agenda-Reformen von Gerhard Schröder - weil damals viele Arbeitslose eine neue Stelle fanden.

          Es wäre eine Chance gewesen, aus Deutschlands Erfolg Lehren zu ziehen. Doch die Aussage passte nicht ins Bild vieler Akteure der Wohlfahrtsindustrie. Ein Trick musste her. Jetzt wird Ungleichheit in Deutschland nicht mehr mit dem Jahr 2005 verglichen, sondern mit 2000 oder 1980. Endlich geht die Schere zwischen Arm und Reich wieder auf.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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          Quelle: F.A.Z.

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