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Ungleichheit : Die falsche Armutsdebatte

Armutsdebatte: Wird Deutschland zunehmend ungerechter? Bild: dpa

Parteien und Verbände streiten lieber um die Kennziffern der Ungleichheit, als über tatsächliche Konzepte, sie zu bekämpfen. Die Debatte muss endlich nüchtern geführt werden.

          Nahezu zwei Jahrzehnte engagiert sich die Bundesregierung inzwischen in der Armuts- und Reichtumsberichterstattung. Die Debatten rund um die Veröffentlichung des fünften Berichts in diesem Jahr zeigen allerdings, dass diese lange Dauer leider noch keine Versachlichung gebracht hat. Der Diskurs leidet an einer unglücklichen Frontstellung: Sozialverbände und die Wohlfahrtsindustrie warten regelrecht darauf, dass die Armutsrisikoquoten steigen. Denn so können sie ihre Interpretation eines ungerechten Deutschlands verbreiten und die eigene Bedeutung herausstellen. Auf der Gegenseite gibt es immer noch Leute, die nicht wahrhaben wollen, dass eine schwache materielle Versorgung auch mit einer geringeren Teilhabe verbunden ist – und es somit auch in reichen Ländern angemessen ist, den Begriff „Armutsrisiko“ zu verwenden.

          Auch die Parteien schlachten die Daten für ihre Zwecke aus. Das führt dazu, dass die Gesellschaft nicht pragmatisch die Herausforderungen bewältigt, sondern die Lager weiter auseinanderdriften. Nach der zuverlässigsten Datenquelle zu diesem Thema, dem Sozio-oekonomischen Panel, hat die Armutsrisikoquote in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt zwischen 13,9 und 15,3 Prozent geschwankt. Dramatische Sprünge sind ausgeblieben – aber in den Jahren vor der Jahrtausendwende lag sie mit 10,3 bis 11,9 Prozent deutlich niedriger.

          Seit Beginn der Armuts- und Reichtumsberichterstattung liegt der Fokus auf drei Betroffenengruppen: Arbeitslosen, Alleinerziehenden und Ausländern oder Menschen mit ausländischen Wurzeln. Die Alten zählen nicht dazu – auch wenn in der Politik das Gegenteil suggeriert wird. Aber nur 3 Prozent der Ruheständler beziehen die Sozialleistung „Grundsicherung im Alter“.

          Ausgewogene Politik muss sachlich bleiben

          Eine ausgewogene Politik darf nicht allein die (vermeintlichen) Bedürfnisse der einkommensschwachen Haushalte berücksichtigen. Anders als die Verunglimpfer des Sozialstaats behaupten, funktionieren die Mechanismen der Umverteilung in Deutschland in der gewünschten Richtung: Die Sozialpolitik federt Unterschiede in den Markteinkommen so effektiv ab, dass sich das Ungleichheitsmaß Gini-Koeffizient von 0,5 vor auf 0,29 nach Sozialtransfers reduziert (der Wert 0 markiert eine vollständige Gleichverteilung). Dieser Wert für die verfügbaren Haushaltseinkommen ist mit leichten Schwankungen seit vielen Jahren stabil und liegt etwas unter dem Durchschnitt der Industriestaatenorganisation OECD.

          Ein bisschen Nüchternheit täte der Debatte deshalb gut. Am unteren Ende der Einkommensverteilung verfestigt sich die Situation bedenklich. Würde einmal der Schaum vom Mund weggewischt, ließe sich über die Tragfähigkeit von Strategien zur Armutsbekämpfung reden. Natürlich führt der Weg zu höheren verfügbaren Einkommen nicht an einem robusten Arbeitsmarkt vorbei. Hier kann die Bundesregierung seit mehr als einem Jahrzehnt auf eine positive Bilanz verweisen. Trotz des wachsenden internationalen Drucks auf dem Arbeitsmarkt ist die Arbeitslosenquote gesunken. Für Alleinerziehende war der Krippenausbau und die Einführung des Elterngelds förderlich, damit aus dem familiären Status keine Armutsfalle wird.

          Armut von Kindern und Migranten wird zur Herausforderung

          Am anspruchsvollsten und zukunftsträchtigsten ist die Herausforderung, Armut von Kindern und Migranten zu verhindern. Dass Bildung ein Schlüssel dazu ist, hat leider den Charakter einer Binsenweisheit. Jeder achte Migrant hat die Schule im Jahr 2015 ohne Abschluss verlassen. Es ist absehbar, dass das die Armen von morgen sind. Die rund 6 Prozent funktionalen Analphabeten in Deutschland, die auch einfache Texte nicht verstehen, werden mit wachsenden Ansprüchen auf dem Arbeitsmarkt kaum zurechtkommen.

          Doch leider werden die besten Ganztagskonzepte in Schulen oft nicht in sozialen Brennpunkten verwirklicht, in denen der höchste Bedarf bestünde. Eine effektive Armutsvermeidung setzt im Kindergartenalter an und stärkt die Resilienz der Jüngsten. Sie sollen Kompetenzen erhalten, wie sie den Alltag bewältigen können. Das fängt beim Kauf eines Tickets für den öffentlichen Nahverkehr an und hört bei der Erfahrung von Theater, Kunst und Musik nicht auf.

          Viele gute Ansätze denkbar

          Es ist ärgerlich, dass Vertreter der politischen Linken die Erkenntnisse der pragmatischen Armutsforschung ignorieren und immer umfassendere Forderungen in der Verteilungspolitik erheben. Der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen hat den Fähigkeiten-Ansatz in der Wissenschaft etabliert: Armutsbedrohten Menschen sei am besten geholfen, wenn man ihnen ein breitgefächertes Set an Fähigkeiten ermöglicht.

          Nachträgliche Sozialtransfers lindern die Ausgangslage effektiv, die Befähigung aber erst ermöglicht es, die eigene Lebenslage zu verbessern. Von der gezielten Unterstützung einkommenschwacher Familien über den Schulabschluss der Kinder bis zu besonderen Bildungsinitiativen sind hier viele Ansätze denkbar. Wenn in der Armutsdebatte mehr über Stärken und Schwächen solcher Konzepte als über Kennziffern der Ungleichheit gestritten würde, wäre einiges erreicht.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

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          Quelle: F.A.Z.

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