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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Sind die Reichen asozial?

Hat sie die richtigen Gäste und Themen? Die Moderatorin Sandra Maischberger beherrscht ihr Metier eigentlich aus dem Effeff. Bild: dpa

Reiche sparen Steuern – Sandra Maischberger reichte das als Talkshow-Thema nicht: Sie wollte über die ganze Moral der Reichen reden. Es blieb bei wohlfeiler Empörung.

          Stellen Sie sich mal vor, Sie haben eine gut bezahlte, verantwortungsvolle Stelle bei einem angesehenen deutschen Konzern. Eines Tages kommt ein Konkurrent und sagt: Wir haben hier ein Projekt, das ist nicht sehr aussichtsreich, aber Sie können es übernehmen. Wenn Sie Erfolg haben, bekommen Sie ein hohes Gehalt. Wenn Sie scheitern, bekommen Sie praktisch nichts. Würden Sie die Stelle nehmen? Würden Sie so zocken?

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Und, noch wichtiger: Werden Sie gedanklich mal wieder zum Arbeitnehmer. Wollen Sie so einen Zocker als Chef bekommen?

          Thomas Winkelmann war nicht so ein Zocker, er war sorgfältiger. Er hat den Vorstandsvorsitz der angeschlagenen Air Berlin übernommen, und er wusste, dass die Fluggesellschaft vielleicht pleitegeht. Im Vertrag vereinbarte er, dass sein Gehalt für die Vertragslaufzeit auf ein Treuhandkonto gezahlt wird, damit er es auf jeden Fall bekommt. Das Geld hat nicht mal Air Berlin gezahlt, sondern die damalige Muttergesellschaft Etihad.

          Zocker als Manager – das ist schon mal schiefgegangen

          Nach der Insolvenz fordern nun viele, er müsse auf sein Geld verzichten – so auch die Air-Berlin-Stewardess Anja Barbian am Mittwochabend bei Sandra Maischberger, und sie bekam Unterstützung in der Runde: NDR-Journalist Christoph Lütgert schimpfte, die Vorstände gingen immer mit Geld nach Hause, Linken-Politikerin Janine Wissler fand, man müsse das Gehalt wegbesteuern, und der Millionär Josef Rick fand das Gehalt schlicht nicht fair. Aber es gab keine Diskussion darüber, ob die Position eines Firmenchefs riskanter werden sollte – und ob das wirklich eine gute Idee wäre, dort die Zocker anzulocken. In der Finanzkrise ist das schon mal schiefgegangen.

          Rainer Zitelmann, Investor und Reichtumsforscher, verwies auf das Gesetz von Angebot und Nachfrage: „Die Frage ist ja: Zu welchen Bedingungen hätte man jemand anderen bekommen?“ So ein Arbeitsvertrag sei wie ein Ehevertrag, befand er: Geschlossen in bester Hoffnung – aber eben für den Fall, dass es schiefgeht. Und FDP-Politiker Otto Fricke fragte: „Warum ist dieser Vertrag gemacht worden? Hat man gesagt, der ist so viel wert, weil er besser ist? Und warum dürfen Fußballspieler mehr verdienen?“

          „Reiche ohne Skrupel: legal, illegal, ganz egal“ hieß das Thema von Sandra Maischberger ganz offen, und schon diese Einstiegsrunde machte deutlich: Die jüngst veröffentlichten „Paradise Papers“ über die Steuervermeidung von Reichen und Unternehmen waren nur ein Anlass, um mal wieder grundsätzlich über Reiche zu reden. Das in einer starken Stunde Fernsehen unterzubringen, ist nicht leicht. Alles, was den Zuschauer empören kann, wurde angetippt. Wirklich geklärt wurde wenig.

          Der Soli ist Thema – und wird doch vergessen

          Beispiel Steuern: Immobilienmillionär Josef Rick erzählte, wie er mit einer trickreichen Steuerkonstruktion auf seine Immobilien-Investitionen Steuern vermeidet. Gleichzeitig prangerte er diese Steuertricks an, ohne jedoch selbst darauf verzichten zu wollen. Warum diese Schlupflöcher überhaupt geschaffen wurden und welche guten Absichten Politiker damit möglicherweise hatten, das fragte keiner. FDP-Politiker Fricke wies alle Schuld von seiner Partei, sie sei die vergangenen vier Jahre gar nicht im Bundestag gewesen, Steuerausnahmen gehörten einfach abgeschafft.

          Auch der Solidaritätszuschlag bekam eine Handvoll Sendeminuten. Doch als die Redaktion den Spitzensteuersatz von Helmut Kohl (56 Prozent) mit dem von heute (42 Prozent) verglich, ignorierte sie komplett, dass heute der Solidaritätszuschlag die Steuer erhöht – und dass seitdem auch eine Reichensteuer mit höherem Satz eingeführt wurde. Investor Zitelmann durfte noch kurz davor warnen, dass bei höheren Steuern viele Unternehmer ins Ausland ziehen könnten. All diese Argumente sind schon ein paar Mal gehört, viel weiter ging es auch dieses Mal nicht.

          So ging es auch mit den „Paradise Papers“. „Das einzig Illegale an den Papieren ist die Beschaffung“, zitierte die Moderatorin den linken Journalisten Jakob Augstein. Ob alles, was legal ist, auch legitim sei, fragte der Sprecher im Einspieler. NDR-Journalist Christoph Lütgert kam kaum über ein Schlagwort hinaus: Wer das Steuerrecht so nutzt, der ist für Lütgert „asozial“. Investor Zitelmann wehrte sich gegen Pauschalurteile.

          Sandra Maischberger fragte noch kurz nach Franz Konz‘ Bestseller „1000 ganz legale Steuertricks“, den die normalen Deutschen nutzen: Ob man mit zweierlei Maß messe? Nicht jeder Moderator hätte diese Frage gestellt, und sie bekam eine bemerkenswerte Antwort: „Wir müssen mit zweierlei Maß messen“, antwortete da FDP-Politiker Fricke. „Wer mehr verdient und mehr hat, hat oft auch mehr Verantwortung.“ Es hätte eine schöne Diskussion werden können. Doch die Runde ging weiter, zum nächsten Aufreger.

          Korrektur: Anfangs war im Artikel versehentlich Emirates als ehemalige Muttergesellschaft von Air Berlin genannt worden. Das ist natürlich falsch, es war Etihad. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

          Quelle: FAZ.NET

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