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Standpunkt : Ungleichheit und die Soziale Marktwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Ein alter Mann sitzt in der Berliner Friedrichsstraße und bettelt Bild: dpa

Viele Deutsche finden die soziale Ungleichheit zu hoch. Lassen sie sich wirklich von der Wohlfahrtsindustrie hinters Licht führen?

          Umfragen zufolge empfinden 80 Prozent der Bürger die soziale Ungleichheit in Deutschland als zu hoch. Dem stehen Gegner gegenüber, die behaupten, diese Menschen ließen sich von „gebeugten Statistiken“ manipulieren, so auch Patrick Bernau im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. August. Dagegen sei Deutschland eines der sozialsten Länder der Welt, in dem Ungleichheit „relativ klein“ und kein seriöses Thema sei.

          Ist dem so? Lassen sich wirklich 80 Prozent der Bürger von der „Wohlfahrtsindustrie“, wie Bernau es nennt, hinters Licht führen? Oder ist es vielmehr so, dass die Realität der Ungleichheit nicht mit unserem Wunschdenken, unserer Vorstellung der Erfolge des eigenen Landes übereinstimmen?

          Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
          Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung : Bild: dpa

          Die F.A.Z. liegt falsch mit der Behauptung, dass die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen, also nach Steuern und Transfers, „im internationalen Vergleich relativ klein bleibt“. Denn selbst bei diesem Maß der Ungleichheit liegt Deutschland fast im Durchschnitt der Industrieländer. Die Ungleichheit der Bruttoeinkommen, also vor Steuern und Transfers, ist in Deutschland sogar relativ hoch im internationalen Vergleich. Zudem hat unser Land die höchste Ungleichheit bei privaten Vermögen in der gesamten Eurozone. In kaum einem anderen Land haben die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung weniger Nettovermögen als in Deutschland. Die F.A.Z. kontert mit dem Argument, der Staat gleiche das doch aus und verteile sehr viel mehr als andere Länder über Steuern und Transferleistungen um.

          Umverteilung ist kein Erfolg

          Dass der Staat viel umverteilt, ist richtig. Aber ist das wirklich ein Erfolg? Ludwig Erhard würde diese Antwort verneinen. Sein Ideal der Sozialen Marktwirtschaft war, dass Menschen Eigenverantwortung für ihr Leben und ihr Auskommen übernehmen können, eine Soziale Marktwirtschaft, in der sie mit der eigenen Hände Arbeit für sich sorgen können. Dies existiert in Deutschland heute immer weniger – immer mehr Menschen sind stattdessen vom Staat abhängig. In Ostdeutschland beziehen fast 40 Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte ihrer Einkommen durch staatliche Transferleistungen. Eigenverantwortung in einer Sozialen Marktwirtschaft bedeutet etwas anderes.

          Und die Ungleichheit ist über die vergangenen Jahrzehnte stark angestiegen. Die Ungleichheit der Lebenseinkommen der unter 40-Jährigen heute ist mehr als doppelt so hoch wie zur Zeit ihrer Eltern in den siebziger Jahren. Viele Kritiker behaupten dagegen, das sei ja nicht so schlimm, schließlich sei die Einkommensungleichheit in Deutschland seit 2005 ja nicht weiter gestiegen. Dies ist richtig. Aber ist es wirklich ein Erfolg, dass die Ungleichheit der Einkommen seit ihrem historischen Höhepunkt 2005 – trotz des darauffolgenden Wirtschaftsbooms und Arbeitsmarktwunders – nicht noch weiter gestiegen ist?

          Arm bleibt Arm und Reich bleibt Reich

          Eigenverantwortung heißt, für sich selbst sorgen und die eigenen Talente und Fähigkeiten entwickeln zu können. Genau darin liegt Deutschlands größte und problematischste Schwäche: Chancengleichheit und soziale Mobilität sind in Deutschland geringer als anderswo – und sinken zum Teil weiter. Arm bleibt hierzulande immer häufiger Arm, und Reich bleibt immer häufiger Reich. Der soziale und wirtschaftliche Aufstieg ist heute schwieriger als noch vor 25 Jahren. Nur ein Viertel der Kinder in Deutschland schafft es heute, einen besseren Bildungsabschluss zu erreichen als ihre Eltern – das ist eine der niedrigsten Quoten aller Industrieländer. Rund 70 Prozent der Akademikerkinder gehen zur Universität, nur 20 Prozent der Kinder von Nichtakademikern.

          Deutschland gehört zu den Industrieländern, die relativ wenig für die frühkindliche Bildung ausgeben. Deutschland hat mit 22 Prozent einen der höchsten Gender Pay Gaps. Und in kaum einem Land ist es schwieriger für Frauen, trotz ihrer im Durchschnitt besseren Ausbildung in eine Führungsposition aufzusteigen.

          Menschen müssen Eigenverantwortung übernehmen können

          Deutschland ist zu Recht stolz auf die Rolle der Sozialen Marktwirtschaft für das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein verklärter Blick auf diese Vergangenheit ist heute jedoch kontraproduktiv.

          Wir sollten unsere Kräfte darauf richten, wieder eine Soziale Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards zu schaffen: eine Marktwirtschaft, in der alle Menschen die Chance haben, sich einzubringen. Und eine, die sozial ist, weil sie Menschen in die Lage versetzt, Eigenverantwortung für ihr Leben zu übernehmen, statt in Abhängigkeit vom Staat zu leben. Dabei hilft es aber nicht, die Soziale Marktwirtschaft als heilige Kuh zu behandeln, die nicht kritisiert werden kann und darf. Was dabei hilft, ist ein unvoreingenommener Blick auf die Fakten und ein offener Dialog.

          Quelle: F.A.Z.

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