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Soziale Ungleichheit : Die neue soziale Spaltung

  • -Aktualisiert am

Wer heute Gebäude reinigt oder Pakete zustellt, gehört zum neuen Dienstleistungsproletariat. Bild: dapd

Deutschland geht es so gut wie nie. Kein Land in Europa ist wirtschaftlich und politisch stärker. Wie kann es dann sein, dass jeder Dritte sich abgehängt fühlt? Ein Gastbeitrag.

          Im Jahre 1999 erschien im „Economist“ ein später legendär gewordener Artikel, der die deutsche Volkswirtschaft zum Senkblei der Wirtschaft Europas erklärte. Dazu muss man wissen, dass diese britische Wochenzeitschrift nicht irgendein Wirtschaftsblatt ist, sondern das womöglich einflussreichste ökonomische Magazin für die Eliten der Welt. Damals galt Großbritannien als das europäische Avantgardemodell. Tony Blair, der Maggie Thatcher beerbt hatte, verkündete im Einklang mit einer Armee von Ökonominnen, Soziologen und Politikwissenschaftlerinnen, dass die Gesellschaft der Zukunft eine differenzierte Dienstleistungsgesellschaft mit einem wertschöpfungsintensiven finanzindustriellen Komplex sei. Nur die Deutschen hätten das offenbar noch nicht begriffen: Die glaubten immer noch daran, dass man sich mit der Fertigung von Autos, Spülmaschinen und Kugellagern an der Spitze halten könnte. Nach dem Verpuffen des Vereinigungsbooms schien mit einem Mal auf der Hand zu liegen, dass „Made in Germany“ das Prädikat einer untergehenden „Old Economy“ sein würde.

          Heute, anderthalb Jahrzehnte nach dieser für die Deutschen so niederschmetternden Diagnose, besteht unter den europäischen Nachbarn kein Zweifel, dass Deutschland das wirtschaftlich stärkste und vielleicht sogar das politisch mächtigste Land der Europäischen Union ist. Der „Economist“ beklagte nunmehr im Sommer 2013 in einem ebenfalls ziemlich einflussreichen Artikel, dass Deutschland der widerwillige Hegemon Europas sei, der sich davor scheue, im Dienste aller die Zügel innerhalb der EU in die Hand zu nehmen.

          Legende vom deutschen Größenwahn

          Was ist zwischen 1999 und 2013 passiert? Wie ist zu erklären, das unter allen OECD-Ländern die deutsche Volkswirtschaft anscheinend am besten mit der grundstürzenden Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 fertiggeworden ist? Wieso sind wir trotz des Desasters mit der Hypo Real Estate (HRE) stärker aus der Krise hervorgegangen, als wir in sie hineingeraten sind?

          Eine Antwort, die therapeutisch einem neuen deutschen Größenwahn zuvorkommen will, lautet, dass Deutschland in erster Linie vom Euro profitiert habe. Die Regierung Schröder/Fischer habe mit einschneidenden Maßnahmen die Lohnnebenkosten gesenkt und im stillen Einvernehmen mit der IG Metall die deutsche Facharbeiterschaft auf Magerkur gehalten. Dadurch waren deutsche Ausfuhren, verglichen mit solchen aus Frankreich, aus den Niederlanden oder sogar aus Spanien, wo man die Reallöhne steigen ließ, so günstig im Euroraum abzusetzen. Der Grund für den Erfolg ist also in einem abgekarteten Spiel zu erblicken. Die flexibilitätserprobten Partner im deutschen Korporatismus haben sich unter dem Deckmantel des Euros auf eine Dumpingstrategie auf Kosten der europäischen Nachbarn verständigt. Am Ende diktierten die kalt kalkulierenden Deutschen, was mit den Griechen, die ihre Wirtschaft mit billigem Geld hochgepusht hatten, zu geschehen habe.

          Deutsche Wertarbeit ist Resultat einer Hyperarbeitsgesellschaft

          Diese Geschichte kann man überall im alten Europa hören, doch die wenigsten glauben ernsthaft daran, dass die Vorteile des Euros für die Rekordbilanzen des deutschen Exports in den Euroraum des Pudels Kern treffen. Jeder Besuch in Deutschland konfrontiert sie damit, dass die deutsche Gesellschaft, verglichen mit der von 1999, nicht mehr wiederzuerkennen ist. Da ruht sich niemand auf der Tradition der deutschen Wertarbeit aus. Man erkennt vielmehr eine aus Deutschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zusammengesetzte Hyperarbeitsgesellschaft, die die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit verinnerlicht zu haben scheint. Selbst Ostdeutschland ist kein abgehängter Mezzogiorno geworden, sondern ein immer noch eigentümlich anderer, aber durch ökonomische Leuchttürme vorangebrachter Teil dieses so groß gewordenen Landes in der Mitte des Kontinents.

          Warum behaupten die „Hidden Champions“ von der Schwäbischen Alb, aus Ostwestfalen oder aus Oberfranken, die die Weltwirtschaft mit Abfüllmaschinen, Kehrgeräten und feinen Düsen ausstatten, so unangefochten ihre Position? Nicht, weil sie so billig sind, sondern weil ihr Angebot überzeugt. Sie operieren auf der Grundlage von Teams, die selbständig den Kontakt zu den Kunden aufnehmen, ihnen in digitaler Gestalt ein maßgeschneidertes Angebot präsentieren und vor allem die Garantie aussprechen, jede Störung im Betriebsablauf in den nächsten 48 Stunden zu beheben. Diese Teams sind die Ansprechpartner der Kunden, nicht ein Management, das Problemdiagnosen aufnimmt, Anweisungen erteilt und Bearbeitungsprozesse kontrolliert. Die Kunden aus aller Welt schätzen diese direkt wirksame und verlässliche Partnerschaft und zahlen dafür deutlich mehr, als eine Anlage bei einem Anbieter aus Korea, aus Amerika oder der Türkei kosten würde.

          Dezentralisierte Führungsstrukturen brachten den Erfolg

          Hier liegt ein entscheidender Grund für den deutschen Erfolg auf den Weltmärkten. Die Arbeits- und Soziologieindustrie spricht von einer „Kompetenzrevolution“ der Facharbeit, die eine Umstellung von direkter auf indirekte Steuerung in den Unternehmen der exportorientierten Hochproduktivitätsökonomie ermöglicht hat. Eine neue Zusammensetzung von alten industriellen, neuen digitalen und vor allem erweiterten Dienstleistungskomponenten hat eine Transformation im deutschen Produktionsmodell bewirkt.

          Die Beschäftigten haben sich daran gewöhnt, den Unternehmenserfolg zur eigenen Sache zu machen. Man braucht niemanden mehr, der einem sagt, was zu tun ist, sondern wird selbst initiativ, um die Wünsche der Kunden aufzunehmen und die Sorgen der Kunden zu beruhigen. Anfang des letzten Jahrhunderts hat die Einziehung eines mittleren Managements die Betriebsstruktur revolutioniert. Integrierte Fertigung war nicht mehr von einer oberen Kommandobrücke zu regulieren. Der Boss konnte mit seinen Watchdogs gar nicht mehr überblicken, was da unten auf dem „Shopfloor“ vor sich ging. Man steigerte die Produktivität durch Kontrolle aus der Mitte des Betriebs.

          „Burnout“ ist die Kehrseite der permanenten Revolution

          Es entstand eine eigene Dienstklasse, für die mit der Betriebswissenschaft sogar eine eigene Wissenschaft geschaffen wurde. Am Anfang unseres Jahrhunderts macht das deutsche Produktionsregime eine geradezu disruptive Kehrtwendung. Das mittlere Management wird gerade im Dienste der Hochproduktivität weitgehend eingespart. Die Beschäftigen arbeiten verantwortlicher, nachhaltiger und effektiver, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens verstehen. Sie müssen nicht mehr geführt werden, sie führen sich selbst.

          Diese permanente Revolution hat allerdings ihren Preis. Die Arbeit wird intensiver, die Beschäftigung allumfassender und der Druck unausweichlicher. Die Erschöpfungszustände greifen die ganze Person an, die sich im Regime des Co-Managements dem Betrieb verschrieben hat. „Burnout“ ist kein Modewort für Prominente, die immer schon am Rande des Nervenzusammenbruchs jonglierten, sondern zum Ausdruck einer Erschöpfungsdepression bei Industriemeistern, Entwicklungsingenieurinnen und Mechatronikern geworden. Lebenslanges Lernen, für das in Tarifverträgen eigene Zeiten vorgesehen sind, ist nicht nur ein Gewinn für den Einzelnen, sondern auch eine Drohung. Wer die Entfaltung seiner Potentiale brach liegen lässt, gehört schnell zum alten Eisen und wird auf Positionen mit wenig Sinn und großer Bedeutung geschoben. Die Degradierungsprozeduren werden zwar psychosozial abgefedert, aber lassen am Gesetz von Selbstverantwortung und Eigeninitiative keinen Zweifel.

          Neues Dienstleistungsproletariat

          Von solcher Sensibilität können Beschäftigte im Dienstleistungsproletariat nur träumen. Wer heute Pakete zustellt, Gebäude reinigt oder in der Pflege beschäftigt ist, arbeitet körperlich schwer, ist in der Regel auf eigene Faust tätig und muss sich ebenfalls Tag für Tag in Dienstfreundlichkeit üben. Dafür erhält man in absolut regulären Beschäftigungsverhältnissen um die 1000 Euro netto im Monat.

          In den letzten 15 Jahren hat sich nicht nur das Produktionsmodell in der deutschen Hochproduktivitätsökonomie verändert, es ist auch ein neues Proletariat in Deutschland entstanden. Die politische Maxime, jede Arbeit ist besser als keine Arbeit, hat zusammen mit dem Kostenreduktionsmodell der Fremdvergabe einfacher Dienstleistungen dazu geführt, dass 12 bis 14 Prozent der Beschäftigten in Dienstleistungsjobs ohne Aufstiegsmöglichkeiten und mit geringer Bezahlung tätig sind. „Putzen kann jeder Affe“, antwortet ein Dienstleister aus der Gebäudereinigung auf die Frage, ob die Tatsache, dass Gebäudereinigung heute ein Lehrberuf ist, ein Respektabilitätsgewinn für seine Arbeit bedeute.

          Geschichte des Booms ist auch Erzählung einer sozialen Spaltung

          Es sind drei Merkmale, die das neue Dienstleistungs- vom alten Industrieproletariat unterscheidet. Es ist weiblicher, ethnisch heterogener und qualifikatorisch diffuser. In der Putzkolonne finden sich junge Deutsche ohne Schulabschluss, eine ehemalige Betriebsleiterin aus Albanien und ein ausgebildeter Ingenieur aus Afghanistan. Für sie alle spricht kein Karl Marx, der verspricht, dass irgendwann die Letzten die Ersten sein werden. Die Propheten muss man sich ganz woanders suchen. So einfach auszuhalten ist das Leben nicht. Im Proletariat der Dienstleistung steht direkte Herrschaft von Person zu Person auf der Tagesordnung. Denn der Einsatz von Maschinen bringt keine Steigerung des Betriebserlöses. Der Pflegedienst, der abends ins Haus kommt, muss den pflegebedürftigen Familienangehörigen hochheben, umdrehen oder beim Gehen festhalten. Das macht keine Maschine. Die einzige Möglichkeit der Effizienzsteigerung besteht in der Verringerung des Zeittaktes. Das gilt genauso für die Zimmerreinigung von Hotels oder der Transport mit dem Lastwagen. Walter Baumol hat schon in den 1960er Jahren von der epidemischen „Kostenkrankheit“ der einfachen Dienstleistung gesprochen. Deshalb hat die Ausbeutung hier ein ganz anderes Gesicht als in den Teams des Anlagebaus.

          Zur Geschichte des neuen deutschen Wirtschaftswunders gehört die Tatsache einer neuen sozialen Spaltung in der deutschen Gesellschaft: die Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern in der Mitte unserer Gesellschaft, die in Einkommens- oder Vermögenskategorien gar nicht so einfach darstellbar ist, und die Spaltung zwischen einer Mehrheitsklasse, die sich vermehrt einfache Dienstleistungen zur Entlastung ihrer angespannten Lebensführung leistet, und einem neuen Proletariat, das diesen Haushalten auf unterschiedliche Weise zu Diensten ist. Diese gesamte soziale Physiognomie muss man sich vor Augen halten, um zu verstehen, welche Beunruhigungen die deutsche Gesellschaft durchziehen.

          Droht ein politischer Flächenbrand?

          Bei Befragungen zur Stimmungslage fällt eine Gruppe ins Auge, die höher gebildet und nicht schlecht verdienend ist, die sich als weltoffen bezeichnet, aber der die ganze Richtung der „Willkommenskultur“ gegen den Strich geht. Es handelt sich um 10 Prozent der repräsentativ Befragten, die bei näherem Hinsehen starke Überzeugungen von ihrer Kompetenz haben, aber von dem Gefühl beherrscht sind, das sie aufgrund von Bedingungen, die sie selbst nicht kontrollieren konnten, unter ihren Möglichkeiten geblieben sind.

          Das sind die Verbitterten der deutschen Wohlstandsmitte. Sie leben nicht im prekären Wohlstand, sie sind nicht sozial abgerutscht, sie pushen sich nur mit dem Hass auf eine Welt auf, von der sie sich abgefertigt und missachtet fühlen. Als „unnütze Normale“ (Jacques Donzelot) mit Hochschulabschluss und Eigentumswohnung erheben sie sich gegen „Lügenpresse“ und Systempolitiker. In unbeherrschtem Ton machen sie gegen die Quatschbuden der Nation mobil und finden Beifall von einem missgelaunten Kleinbürgertum, das sich in seinen „kleinen Lebenswelten“ durch vermehrte Wohnungseinbrüche, „queeren“ Sexualkundeunterricht und das Inkasso-Gebaren der GEZ gestört fühlt. Daneben hat sich ein Dienstleistungsproletariat verfestigt, das die Überzeugung hat, dass seine Stimme eh nichts zählt. Man richtet sich ein im Blick auf eine Zukunft, die einem nichts mehr verspricht. Der einzige Anker der Selbstachtung ist die Abgrenzung gegenüber jenen, die vom Amt leben. Dienstleistungsproletarier und Hartzer mögen sich überhaupt nicht.

          Nimmt man diese Gruppen zusammen, die Verbitterten mit ihrem Degradierungserleben, die Selbstgerechten mit ihrer Abwehrhaltung und die Übergangenen mit ihren alltäglichen Überlebenskämpfen, kommt man auf ein Potential von einem Drittel der deutschen Wählerschaft. Sie können die Geschichte vom ungeheuren Erfolg Deutschlands nicht mehr hören, weil für sie klar ist, dass sie die Leidtragenden des Erfolgs der anderen sind. Schaut man auf diese Weise in die neuen Ungleichheitsverhältnisse im Lande, so ist zu erkennen, dass das Ganze derart gespalten ist, dass man eine gemeinsame Geschichte von der „stillen Revolution“ der letzten anderthalb Jahrzehnte nicht erzählen kann. Ein Funke wie die Cameron-Affäre kann hier auch in Deutschland einen politischen Flächenband in Gang setzen.

          Heinz Bude ist Professor für Soziologie an der Universität Kassel. Im FAZ.NET-Lesesaal diskutieren wir gerade sein Buch „Das Gefühl der Welt“.

          Quelle: F.A.S.

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