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Veröffentlicht: 15.06.2016, 21:22 Uhr

Soziale Ungleichheit In der Abstiegsgesellschaft

Aus der Gesellschaft des sozialen Aufstiegs ist eine Gesellschaft des Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden. Wie konnte das passieren?

von Oliver Nachtwey
© Amadeus Waldner Wie im Kaufhaus: Die einen hoch, die anderen runter

Die soziale Ungleichheit ist gestiegen, was häufig mit dem Bild beschrieben wird, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgeht. Doch, um es ganz lapidar zu sagen: Die soziale Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten bildet nicht unser Kernproblem. Versteht man Ungleichheit in dieser Perspektive (wie sie etwa auch beim Gini-Koeffizienten verwandt wird), dann handelt es sich um ein reines Distanzmaß, das nur die Einkommens- oder Vermögensunterschiede zwischen oben und unten misst. Erst der Bezug auf das Gefüge sozialer Position kann jedoch die Bedeutung sozialer Ungleichheit hinreichend verständlich machen.

In den 1970er Jahren hat der Philosoph John Rawls eine Gerechtigkeitstheorie entwickelt, die ein liberales Positionsmaß enthielt: das sogenannte Differenzprinzip. Es besagt in Kurzform, dass gesellschaftliche Ungleichheiten dann legitim seien, wenn sie den „am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen“.

Rawls reflektierte mit diesem Satz die gesellschaftliche Entwicklung der westlichen Marktwirtschaften. Große soziale Ungleichheiten zwischen den Ärmsten und den Reichsten blieben durchaus bestehen, aber die Armut verringerte sich, und für die Arbeiterschaft war sozialer Aufstieg kein Fremdwort mehr. Die Einkommen stiegen, ebenso die Bildungschancen, Freizeit und Konsum. Ulrich Beck beschrieb diesen Prozess als Fahrstuhleffekt.

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Alle sozialen Klassen, von Arbeitnehmern bis zu Vermögensbesitzern, standen zusammen im Aufzug und fuhren gemeinsam nach oben. Die Ungleichheiten blieben sogar in etwa die gleichen, sie spielten aber insofern gesellschaftlich eine geringere Rolle, als es allen besser erging. In dieser Logik könnte die Schere zwischen oben und unten sogar weiter auseinandergehen (was macht es schon aus, ob Bill Gates oder Susanne Klatten noch eine weitere Milliarde verdienen), sofern die unteren Bereiche der Gesellschaft ebenfalls besser dran sind. Und genau an dieser Stelle beginnt das wirkliche Problem der sozialen Ungleichheit.

Der Fahrstuhleffekt gilt nicht mehr

Becks Diagnose war bis Ende der 1980er Jahre durchaus richtig. Doch seit den neunziger Jahren hat sich das geändert: Der Fahrtstuhleffekt gilt nicht mehr. Man fährt nicht mehr gemeinsam nach oben. Aus der Gesellschaft des sozialen Aufstiegs ist eine Gesellschaft des Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden. Hierfür lässt sich die Metapher der Rolltreppe gebrauchen, da sie diese Prozesse anschaulicher beschreibt. Denn Auf- und Abstiege haben eine kollektive und eine individuelle Dimension.

In Becks Fahrstuhl fahren alle gemeinsam nach oben, auf der Rolltreppe hingegen können sich auch die Abstände zwischen den einzelnen Individuen verändern, je nachdem auf welcher Stufe sie stehen oder ob sie nach unten oder oben fahren. Räumlich kann man es sich wie in einem Kaufhaus vorstellen. Einige Wohlhabende haben mit der Rolltreppe bereits die nächste Etage erreicht, wo sie sich nun umsehen können, oder sie steigen auf die nächste Treppe und fahren weiter nach oben.

Für die meisten derjenigen, die die obere Etage noch nicht erreicht haben, ändert sich jedoch die Fahrtrichtung der Rolltreppe. Während es lange Zeit nach oben ging, fahren sie nun nach unten. Dieser Prozess hat sich schleichend entwickelt. Individuelle Abstiege oder Abstürze sind bislang kein Massenphänomen, aber sie nehmen zu.

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