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Bundestagswahl : Ich kandidiere!

Susanne Wiest macht Wahlkampf für das Grundeinkommen Bild: Andreas Pein

Susanne Wiest hat eine kühne Idee: 1500 Euro im Monat vom Staat für jeden, ohne jede Bedingung. Dafür zieht sie mit einer neuen Partei in den Wahlkampf.

          Als sie noch ein kleines Mädchen war, damals in einem Vorort von München, wusste Susanne Wiest immer ganz sicher, in welcher Verkleidung sie zum Kinderfasching gehen würde. Die langen roten Locken nahmen ihr die Entscheidung ab. Sie war Pippi Langstrumpf, das stärkste Mädchen der Welt, erfunden von der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Da lauert ein Klischee, ein gefährliches noch dazu. Denn diese Pippi ist ja nicht nur furchtlos und bärenstark, sondern auch neunmalklug und ziemlich vorlaut. Wer schlau ist, geht auf Distanz zu der Seefahrertochter. Das Leben sei kein Kinderbuch, Pippi tauge nicht als Vorbild für ein Erwachsenenleben, sagt Susanne Wiest. Es sind ja auch nur noch vier Wochen bis zur Bundestagswahl, und Wiest kandidiert: Sie ist die Vorsitzende einer neuen Partei namens „Bündnis Grundeinkommen“, in Mecklenburg-Vorpommern steht sie ganz oben auf der Landesliste.

          Klar, dass sie jetzt vor allem über ihr Programm reden will. Es besteht aus einem einzigen Punkt: In Deutschland soll ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden. Es soll künftig also regelmäßig zum Monatsersten für alle Geld vom Staat geben, wohlgemerkt ohne jede Gegenleistung oder Verpflichtung – und bitte schön genug, um gut davon leben zu können. Wer mehr will, darf dazuverdienen, aber niemand wird dazu gezwungen.

          Eine uralte Idee findet neue Freunde

          Es ist ein Vorschlag, der unsere Vorstellung vom Arbeitsleben auf den Kopf stellt. Eine echte Pippi-Langstrumpf-Flause, hört man die Kritiker schon ätzen: unrealistisch, unbezahlbar, unverantwortlich. Auf so etwas kann nur kommen, wer, wie Pippi, einen Koffer voller Goldstücke vom Vater mitbekommen hat und es beim Rechnen nicht so genau nehmen muss. Ein gefundenes Fressen für jeden selbsternannten Realpolitiker, der sich im Bierzelt nur zu gerne über einen Haufen Spinner lustig macht.

          Aber ganz so einfach ist es mit der Idee vom Grundeinkommen nicht. Erstens steht dahinter eine respektable philosophische und wirtschaftstheoretische Tradition. Wenn Gott die Erde allen Menschen gleichermaßen anvertraut hat, argumentierten die ersten Befürworter des Modells schon im 18. Jahrhundert, dann müssten auch alle Menschen von dem Wohlstand profitieren, der auf dieser Erde erwirtschaftet wird – also her mit der Leibrente für alle, finanziert aus der Grundsteuer. Zweitens hat das Grundeinkommen inzwischen quer durch alle politischen Lager Freunde gefunden, unter erzlinken Umverteilern genauso wie unter eingefleischten Liberalen, die mit dem „Bürgerlohn“ die individuelle Freiheit aus den Banden von Steuerrecht und Sozialleistungen lösen wollen.

          Drittens ist die Idee vom sorgenfreien Leben ohne Zwang zur Erwerbsarbeit plötzlich auch da ungeheuer angesagt, wo man das am wenigsten vermuten würde: in den Chefetagen einiger Unternehmen. Da gibt es nicht mehr bloß den bekennenden Anthroposophen Götz Werner, den Gründer der Drogeriemarktkette DM, der schon seit Jahren die Werbetrommel dafür rührt. Auch im Silicon Valley, wo sich die digitale Elite seit neuestem für die Rettung der Welt zuständig fühlt, reden auf einmal alle davon: Wenn Big Data und Kollege Roboter die lästige Arbeit erledigen, so lautet das Kalkül, dann muss es für die Leute, die ihre Arbeit verlieren, einen Ersatz geben.

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