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Leben ohne staatliche Hilfe : Alleinerziehende brauchen Vollzeitjobs

Aus eins macht zwei: Wenn sich ein Paar aus der Mittelschicht trennt, folgen rechnerisch meist zwei ärmere Haushalte. Bild: dpa

In den letzten Jahren hat die Politik viel dafür getan, die Armutsgefährdung von Alleinerziehenden und ihren Kindern zu senken. Doch trotz aller staatlichen Hilfe: Alleinerziehende müssen Vollzeit arbeiten!

          Der Befund ist klar und bedauerlich: Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden ist dreimal höher als das von Paaren mit Kindern. Aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge hatten 32,6 Prozent der Alleinerziehenden im vorvergangenen Jahr weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. Unter den Paaren mit minderjährigen Kindern lag die Quote bei lediglich 11 Prozent, in der gesamten Bevölkerung bei 15,8 Prozent. Was also ist zu tun? Wie lassen sich mehr Alleinerziehende und ihre Kinder aus den zu oft ärmlichen Verhältnissen holen?

          Die Antwort geht in mindestens drei Richtungen, auch an die Mütter und Väter selbst. Der Volksmund kennt die Weisheit „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“. Sprich: Man sollte sich besser hundertmal überlegen, wen man heiratet, mit wem man später einmal Kinder haben möchte. Weniger verbreitet ist die Erkenntnis, dass man sich auch besser hundertmal überlegen sollte, ob man sich wirklich trennen sollte.

          In zahlreichen Geschichten behaupten diverse Lifestyle-Magazine immer wieder, wie toll und frei und ungestört es sich nach einer Trennung lebt. Emotional mag das vielleicht so sein, finanziell aber steht man nach der Trennung fast immer ärmer da, weil Größenvorteile wegfallen. Beide Singles brauchen fortan je einen Kühlschrank und eine Waschmaschine. Meist ist ein weiteres Auto nötig. Die Kosten pro Kopf für Miete, Strom und Heizung steigen überproportional.

          Betreuungslücken zwingen in Arbeitslosigkeit oder Teilzeit

          Wenn sich ein Paar aus der Mittelschicht trennt, folgen rechnerisch meist zwei ärmere Haushalte. Insofern steckt in der hohen Armutsgefährdungsquote auch schlicht ein Stück Lebenswirklichkeit und Mathematik.

          Natürlich kann die Lösung nicht lauten, dass sich Paare erst dann trennen dürfen, wenn ihre Kinder erwachsen sind. Insofern ist die Familienpolitik gefragt. Und die geht seit Jahren in die richtige Richtung. Der Unterhaltsvorschuss für Kinder, die kein Geld vom getrennt lebenden Elternteil erhalten, wurde bis zur Volljährigkeit ausgeweitet. An der Reform des Kinderzuschlags wird fleißig gewerkelt. Die Zahl der Krippenplätze hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verdreifacht.

          Das Problem, dass Grundschüler meist schon gegen 12 Uhr hungrig vor der Tür stehen, wird angegangen, die entsprechende Hortbetreuung auf- oder ausgebaut. Auch wegen dieser richtigen (und sehr teuren) politischen Maßnahmen ist die Armutsgefährdungsquote in den vergangenen fünf Jahren um fünf Prozentpunkte gesunken.

          Trotzdem ist Deutschland längst noch nicht so familienfreundlich, wie es viele gern hätten. Knapp 30 Prozent der alleinerziehenden Mütter hatten im vergangenen Jahr keine Erwerbsarbeit. Dabei gab etwas mehr als jede zweite von ihnen an, dass sie gern arbeiten würde. Das Phänomen liegt auch daran, dass trotz aller Milliardeninvestitionen noch immer Zehntausende Kita-Plätze fehlen und die Nachmittagsbetreuung an den Grundschulen vielerorts noch deutlich zu wünschen übrig lässt. Die Betreuungslücken zwingen nicht wenige Alleinerziehende in die Arbeitslosigkeit oder in eine Teilzeitbeschäftigung, für die sie zwangsläufig weniger Entgelt erhalten.

          Keine Alternative zu Vollzeitjobs

          Trotz des anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs sind auch viele Betriebe nicht so familienfreundlich, wie sie sich geben. Zum Teil können sie es auch nicht sein. Ein Händler kann mit einem Arbeitnehmer, der nur von 9 bis 15 Uhr Zeit hat und am Wochenende auf sein Kind aufpassen muss, wenig anfangen. Für viele andere Berufe mit Kundenkontakt gilt das Gleiche.

          Im Wettbewerb mit flexiblen Vollzeitkräften haben alleinerziehende Teilzeitkräfte mit familiärem Abstimmungsbedarf wenig Chancen. Das Ziel aber muss bleiben, Alleinerziehende stärker in Vollzeitjobs zu bringen, denn mit Teilzeitstelle bleibt meist zu wenig Geld übrig, um zwei Personen ohne staatliche Transfers über die Runden zu bringen.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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