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Studie : Einkommensunterschiede schaden nicht

Schampus nicht für jeden: Soziale Ungleichheit bremse das Wachstum, sagt die OECD. Nicht immer und vor allem nicht in Deutschland, hält das IW dagegen. Bild: dpa

Eine Studie der OECD kommt zu dem Ergebnis, Ungleichheit bremse das Wachstum. Kölner Forscher haben sie geprüft – und verworfen. Mit welcher Begründung?

          Die Botschaft ist einfach, griffig und populär: Steigende Ungleichheit behindert das Wirtschaftswachstum und geht damit zu Lasten des Wohlstands der ganzen Gesellschaft. So hat es die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer vielbeachteten Studie dargestellt. Ihre Folgerung für Deutschland: Das Wirtschaftswachstum zwischen 1990 und 2010 hätte um sechs Prozentpunkte oder knapp 80 Milliarden Euro höher ausfallen können, die Einkommensverteilung wäre in diesen zwanzig Jahren gleichgeblieben.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Hinter dieser Aussage steckt jedoch ein schwerwiegendes methodisches Problem, wie das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit einer am Montag vorgelegten Analyse deutlich macht. Ihr Ergebnis: Die OECD-Studie werfe arme und reiche Länder mit völlig unterschiedlicher Ausgangslage in einen Topf und leite daraus einen vermeintlich allgemeinen Zusammenhang ab. Dieser lasse sich aber nicht auf Länder wie Deutschland übertragen. Zudem fehle ein Nachweis, dass der gemessene Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum etwas über Ursache und Wirkung aussage. Der Befund der OECD für Deutschland sei schlicht „nicht haltbar“, fasste IW-Direktor Michael Hüther die Untersuchung seines Instituts zusammen. Dies gelte umso mehr, als die umstrittene Studie aus einer unklaren Datenlage auch noch die fragwürdige Schlussfolgerung ziehe, dass das Ausmaß der staatlichen Umverteilung durch Steuern und Sozialtransfers – anders als die Ungleichheit – keinen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum habe.

          Entkräftet durch Veränderung im Zeitablauf

          Das IW hat auf ähnlicher Datengrundlage wie die OECD nachgerechnet. Und es hat dabei festgestellt, dass sich ein negativer Einfluss von Ungleichheit auf das Wirtschaftswachstum nur für zwei Sorten von Ländern erhärten lässt. Betroffen seien zum einen ärmere Länder mit einer Wirtschaftsleistung von weniger als 9000 Dollar je Einwohner. Zum anderen seien es Länder mit sehr ungleicher Einkommensverteilung. Die Schwelle verläuft den IW-Berechnungen zufolge bei einem sogenannten Gini-Koeffizienten von 0,35 oder mehr. Dieses Ungleichheitsmaß kann Werte zwischen null und 1 annehmen, bei null hätten alle gleich viel.

          Deutschland fällt aber in keine der beiden Gruppen: Das Pro-Kopf-Einkommen ist etwa viermal so hoch, und der Gini-Koeffizient liegt bei 0,29; das sind 0,03 Punkte weniger als der Durchschnitt der 34 OECD-Länder. Dass es in ärmeren Ländern ein Problem gibt, lässt sich Hüther zufolge damit erklären, dass dort oft die unteren Schichten kaum Zugang zu Bildung und gesellschaftlichem Aufstieg finden. Umgekehrt seien jedoch auch etwa in den Vereinigten Staaten, deren Gini-Koeffizient bei 0,4 liegt, Sorgen im Hinblick auf den um den Einfluss der Ungleichheit auf das Wachstum „durchaus berechtigt“, sagte er.

          Dass Ungleichheit in Deutschland ein Wachstumshemmnis sein könnte, lässt sich laut IW aber auch durch einen Blick auf die Veränderungen im Zeitablauf entkräften: Tatsächlich hat sich zwar die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen in der Vergangenheit ein Stück geöffnet. Diese Entwicklung fiel aber vor allem in die Jahre 2000 bis 2005 und damit in eine Phase, in der das Wachstum gleichzeitig schwach ausfiel. Gäbe es einen ursächlichen Zusammenhang, hätte sich die negative Wirkung der Ungleichheit aber vor allem nach 2005 zeigen müssen, so das IW. Tatsächlich setzte dann eine schwungvolle Wirtschaftsentwicklung ein – und der Gini-Koeffizient sank von knapp 0,3 im Jahr 2005 auf knapp 0,29 im Jahr 2010.

          „Die Dramatisierung der Verteilungssituation in Deutschland ist wenig zielführend.“

          Je nach statistischer Schätzmethode lasse sich für Deutschland sogar ein positiver Zusammenhang zwischen steigender Ungleichheit und dem Wirtschaftswachstum zeigen, legte Hüther dar. Allerdings wolle er dieses Ergebnis gar nicht in den Vordergrund rücken. Entscheidend allerdings sei die Feststellung, dass sich ein negativer Zusammenhang für Deutschland erst recht nicht solide belegen lasse. Vor allem sei davon auszugehen, dass es den unterstellten direkten Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum im Regelfall nicht gebe, weil sehr viele verschiedene Faktoren auf die beiden Größen einwirkten. „Einfache Schwarz-weißmalerei hilft hier nicht weiter“, folgerte er.

          Hüthers Analyse der Lage in Deutschland weicht zugleich deutlich von jener ab, die der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in seinem kürzlich veröffentlichten Buch „Verteilungskampf“ beschreibt. Fratzscher stützt darin die These, dass die Ungleichheit in Deutschland eine Wachstumsbremse sei. Ohne seinen Fachkollegen namentlich anzusprechen, stellte Hüther fest: „Die Dramatisierung der Verteilungssituation in Deutschland ist wenig zielführend.“ Politiker würden damit leicht dazu verleitet, sozialpolitische Maßnahmen zu beschließen, die am Ende wenig gegen Ungleichheit ausrichteten – etwa Betreuungsgeld, Mütterrente und Mindestlohn, die allesamt nicht am Bedürftigkeitsprinzip ansetzten.

          In diesen Folgerungen allerdings liegen Hüther und Fraztscher nicht weit auseinander. Auch der DIW-Chef legt Wert darauf, das er nicht etwa einem weiteren Ausbau staatlicher Umverteilung das Wort rede, sondern vielmehr einem schlankeren und zielgenaueren Sozialstaat.

          Quelle: F.A.Z.

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