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Kommentar : Hat Thomas Piketty Recht?

Popstar unter den Ökonomen: Thomas Piketty beim Buchmesseempfang im Jahr 2014 in Frankfurt. Bild: Frank Röth

Werden die Reichen zwangsläufig immer reicher? Das ist die These von Thomas Piketty. Wahrscheinlich stimmt sie nicht.

          Drei Jahre sind vergangen, und noch immer hat die Wirtschaftsforschung keinen größeren Erfolg hervorgebracht als Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. 2014 erschien die englische Übersetzung, seitdem wurde das Buch zur Ikone der Ungleichheits-Forschung – vor allem aber wurde das der Autor selbst. Wenn Thomas Piketty heute auftritt, füllen sich Hörsäle wie Pop-Arenen. Gleich zwei neue Bücher tragen seinen Namen im Titel: Eines stammt von Pikettys Fans, das andere von seinen Gegnern. Das schaffen nicht viele Wissenschaftler, schon gar nicht vor ihrem 50. Geburtstag.

          Pikettys These ist schnell zusammengefasst. Er hat historische Daten über die Vermögen der Welt zusammengestellt und kommt zu dem Schluss, dass praktisch immer in der Weltgeschichte der Zins auf Kapital größer war als das Wirtschaftswachstum: „r>g“ heißt die berühmte Formel. Solange sie gültig sei, würden die Reichen zwangsläufig immer reicher. Am Ende hätten die Vermögenserben praktisch alles, der Rest der Bevölkerung habe gar nichts.

          Nicht alle Reichen vergrößern ihr Vermögen

          In Amerikas Öffentlichkeit traf diese These einen Nerv. Dort entwickeln sich Arm und Reich tatsächlich seit Jahren ungebremst auseinander. Doch unter Fachleuten war Pikettys These von Anfang an hart umstritten – so hart, dass Fans und Gegner nicht mal genügend Kontakt hatten, um ein gemeinsames Buch herauszubringen. Inzwischen aber formt sich ein klareres Bild über Piketty, und dieses Bild sieht nicht gut für ihn aus.

          Dass der Zins in der Geschichte häufig über dem Wirtschaftswachstum liegt, ist unumstritten. Der deutsche Ökonom Moritz Schularick hat diese These jüngst noch einmal mit eigenen Daten untermauert. Selbst der konservative Ökonom Gregory Mankiw sagt: Dass der Zins über dem Wirtschaftswachstum liegt, wird von der Wirtschaftstheorie seit Jahren als Bedingung für gutes Wachstum gesehen.

          Aber werden die Reichen unter diesen Bedingungen zwangsläufig immer reicher? Gegen diese These gibt es viele Argumente. Zuerst: Wenn Piketty recht hätte, müssten die Reichen jetzt schon praktisch das komplette Weltvermögen haben. Tatsächlich aber gibt es eine globale Mittelschicht, die selbst etwas Geld hat. Die große Vermehrung des Reichtums würde nämlich nur funktionieren, wenn die Reichen ihr Geld tatsächlich unangetastet ließen, so dass es sich immer weiter vermehren kann. Tatsächlich aber wird mancher Besitz mit der Zeit wertlos. Manches Geld wird ausgegeben. Beim Vererben an die nächste Generation wird das Vermögen versteuert und verwässert, und der eine oder andere Erbe verspielt seinen Anteil ganz. Gleichzeitig gibt es immer wieder neue Regeln, die die Reichen daran hindern, ihr Vermögen zu vergrößern.

          Nicht mal die Fans verteidigen Piketty richtig

          Viele Studien messen nach, ob hohe Kapitalrenditen tatsächlich zu höherer Ungleichheit führen. Sie haben bisher kein klares Ergebnis.

          Die theoretische Kritik an Pikettys Kernthese aber ist so hart, dass der Autor ihr inzwischen selbst nachgegeben hat. Nach einer schwierigen Diskussion musste Piketty eingestehen: Für das 21. Jahrhundert hat seine Kernformel „r>g“ kaum Bedeutung. „Ich sehe sie nicht als einziges Werkzeug, nicht mal als das wichtigste, um die Veränderung von Einkommen und Vermögen im 20.Jahrhundert zu durchdenken oder um die Ungleichheit im 21. Jahrhundert vorherzusagen“, schreibt er in einem neueren Beitrag. Wichtig sei die Formel vor allem für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

          Nicht mal von seinen Fans bekommt Piketty eine ordentliche inhaltliche Verteidigung. Sie loben, dass Piketty die Ungleichheit zum Thema gemacht habe, resümieren aber: „Hat Piketty recht? Im Moment ist die Antwort: vielleicht.“ Das reicht nicht.

          Daten wurde dramatisiert

          Lange hieß es: Mag Pikettys Folgerung nicht stimmen, dann war doch wenigstens seine Datenarbeit wertvoll. Inzwischen wird allerdings selbst die in Zweifel gezogen. Richard Sutch, Doyen der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte, hat Pikettys Daten für die Vereinigten Staaten nachgerechnet. Er kommt zu keinem guten Ergebnis. Piketty peile zu viele Zahlen über den Daumen, und zwar mit unklaren Annahmen. Wenn ihm Daten fehlten, zeichne er gelegentlich einfach eine gerade Linie in seine Grafiken. Auf diese Weise gingen wichtige Ungleichheitstrends unter.

          „Pikettys Datenmanipulation war dazu gedacht, langfristige Entwicklungen zu dramatisieren, ohne in der Erzählung zu viel Rücksicht auf kurzfristige Einzelheiten der Wirtschaftsgeschichte zu nehmen“, schreibt Sutch. „Historiker mit anderen Interessen als Piketty sollten seine Zahlen nicht unkritisch verwenden.“ Und: „Insgesamt entsteht ein irreführendes Bild der Entwicklung von Vermögensungleichheit.“ Wie hart die Kritik insgesamt ist, zeigt ein einzelner Satz: Sutch muss extra betonen, dass er Pikettys Integrität nicht angreifen möchte.

          Dieser Satz ist wichtig. Pikettys großes Buch mag man geistig abhaken, doch der Ökonom arbeitet weiter, und seine neuen Zahlen verdienen es, wieder ernst genommen zu werden. Mitte Dezember beispielsweise hat Piketty mit einer Forschergruppe neue Daten zur historischen Ungleichheit der Einkommen veröffentlicht. Sie wurden von einer deutlich größeren Forschergruppe zusammengestellt und stammen zu großen Teilen aus anderen Quellen als Pikettys Vermögensdaten. Frühere Versionen dieses Datenwerks haben schon einige Prüfungen überstanden. Trotzdem werden auch die neuen Daten nicht unwidersprochen bleiben. Ein Team mit dem deutschen Ungleichheits-Forscher Andreas Peichl zweifelt schon an, dass Pikettys neue Daten das Bevölkerungswachstum des 20. Jahrhunderts richtig berücksichtigen. Die Diskussion ist wieder eröffnet.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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