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Lebenserwartung : Pirmasens, abgehängt

Da wird nichts mehr verkauft. Bild: Frank Röth

Arme Menschen haben wenig Geld und sterben früher. Pirmasens hält den traurigen Rekord. Ein Ortsbesuch.

          Das Leben in Pirmasens ist gefährlich. Das zeigt ein Blick in die Statistik. Nirgendwo in Deutschland sterben die Menschen so früh wie hier in der Westpfalz, auf den sieben Hügeln zwischen Kaiserslautern und der französischen Grenze, direkt an der Bundesstraße 10. Nach durchschnittlich 73 Jahren sind die Männer tot, mit 77 Jahren die Frauen. Am Starnberger See hätten sie dagegen noch acht Jahre länger zu leben, womöglich sogar die schönsten Jahre, mit einem Haus am Wasser und Enkeln in Lederhose und Dirndl.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Das kleine Städtchen Pirmasens dagegen muss mit dem Makel leben. Das drückt auf das Image, keine Frage. Denn gleichzeitig hat diese Stadt auch noch mit anderen Dingen zu kämpfen: mit einer erschreckend hohen Arbeitslosenquote von 13 Prozent und einem gleichermaßen erschreckend niedrigen Bildungsniveau. Dazu noch eine Kassenlage, die selbst der Oberbürgermeister als bestürzend bezeichnet. Natürlich hängt das eine mit dem anderen zusammen, deshalb ist Pirmasens kein Fall für das Gruselkabinett, sondern geradezu ein Lehrstück.

          Pirmasens war einmal eine stolze Stadt, mit einer boomenden Schuhindustrie, die in der ganzen Welt ihresgleichen suchte. Die Stadt mit der höchsten Millionärsdichte und nahezu Vollbeschäftigung: 350 Schuhfabriken, die zu ihren Glanzzeiten 25.000 Menschen beschäftigten, und das über Generationen hinweg und mindestens bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es war die Stadt der „Schlabbefligger“, wie es im pfälzischen Singsang so schön heißt. Hinzu kamen Tausende amerikanische Soldaten, die dafür sorgten, dass der Laden brummte. Genau das ist das Problem: Die Zeiten waren rosig. Zu rosig.

          Die älteste Schuhfabrik Europas – nicht mal hier ist man noch stolz

          Das kann noch erahnen, wer die Schuhfabrik „Peter Kaiser“ betritt, die älteste in ganz Europa. Seit 1838 werden hier Schuhe gefertigt, heißt es traditionsbewusst, in einem kolossalen Gebäude, innen wie außen ordentlich renoviert, auch einen modernen Showroom gibt es. Auch heute noch wird hier geschnitten und gestanzt, geklebt und poliert, 1800 Schuhe in acht Stunden. 240 Modelle in 4500 Varianten hat „Peter Kaiser“ im Programm, die Pumps ab 130 Euro. Hier in diesen Fabrikhallen müsste noch Stolz zu finden sein.

          Doch stolz ist in Pirmasens kaum einer mehr, allenfalls noch auf das ansässige International Shoe Competence Center Pirmasens. Es herrscht ein entwaffnender Realismus, Zeichen eines schmerzhaften Selbstreinigungsprozesses. Am schonungslosesten gelingt das natürlich den Zugezogenen, wie dem Geschäftsführer von „Peter Kaiser“, Marcus Ewig. „Die Stadt blutet aus“, seufzt er. Jedenfalls, was junge Menschen angeht. Sie ziehen alle weg, sobald sie mit der Schule fertig sind, auch das Sozialleben in der Stadt kann ihnen kaum etwas bieten.

          So sieht Pirmasens eigentlich ganz hübsch aus. Ein Rundgang in Bildern Bilderstrecke

          So haben in den vergangenen Jahrzehnten Fabriken und Menschen Pirmasens in Scharen verlassen. Doch immerhin: Die, die bleiben, bleiben aus Überzeugung. Oder zumindest aus Loyalität. Erst im vergangenen Jahr hat sich die Eigentümerfamilie von „Peter Kaiser“ bewusst für den Standort Pirmasens und gegen Portugal entschieden. Man fühlt sich verantwortlich. 275 Arbeitnehmer, das klingt nicht viel, aber „Peter Kaiser“ ist hier einer der größten Arbeitgeber, und der traditionsreichste überhaupt. Da kann man dieser Stadt nicht einfach den Rücken kehren.

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